Erdverkabelung ja – aber nicht für alle

Nach dem Kompromiss des Energiegipfels, haben Erdkabel Vorrang vor Freileitungen. Das gilt aber nicht allgemein. Bayern wird bevorzugt, so die Kritik.

Der Anfang Juli erzielte Kompromiss des Energiegipfels zwischen Union und SPD war für den Freistaat Bayern ein Erfolg. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer verkündete danach, Erdkabel würden nun gegenüber Freileitungen vorrangig verlegt. Zuvor hatte sich der Ministerpräsident aufgrund der Bürgerproteste gegen die "Monstertrasse" Suedlink und die Gleichstrompassage Süd-Ost gegen eine Leitungsverlegung in Bayern gewehrt und wollte diese nach Westen verschieben.

Der Vorrang für Erdkabel gelte allerdings nicht generell in Deutschland. Einen entsprechenden Vorstoß der Länder über den Bundesrat, in Deutschland generell teurere Erdkabel statt Freileitungen zu verlegen, lehnte die Bundesregierung ab, schreibt der "Focus". So könne nur im Bundesbedarfsgesetz erdverkabelt werden. Beim Energieleitungsausbau-Gesetz (EnLAG) sei diese Art der Trassenführung nicht vorgesehen.

Nachdem Kritik laut wurde, dass nur Bayern in den Genuß nicht sichtbarer Stromleitungen käme, ruderte das Bundeswirtschaftsministerium zurück: Der "neue erdkabelfreundliche Ansatz" sei nicht nur auf Bayern beschränkt, sondern betreffe "allgemein den Ausbau der neuen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) zwischen dem windreichen Norden und Osten sowie den Verbrauchszentren im Süden und Westen Deutschlands", zitiert das Blatt das Ministerium. Allerdings werde eine generelle Einführung der Erdkabel in die für den Betrieb von Energieleitungen notwendigen Anlagen, insbesondere Umspannanlagen und Netzverknüpfungspunkte abgelehnt, schreibt der "Focus".

Der Grüne Oliver Krischer moniert, beim Energiegipfel im Kanzleramt sei festgelegt worden, "dass alle Leitungen beim Bundesbedarfsplangesetz vorrangig erdverkabelt werden sollen". Für alle anderen Planungsvorhaben wie etwa im Energieleitungsausbau-Gesetz gelte das jetzt nicht. Er nannte den Kompromiss "Lex Seehofer".

Derweil zweifeln laut "Süddeutscher Zeitung" die Experten an der Durchführbarkeit des Vorhabens. So müssten die Netzbetreiber ihre Planungen dazu wieder "ziemlich von vorne starten", weil für Erdkabel andere Vorgaben als Freileitungen gelten. Vor allem beim Naturschutz. Netzbetreiber und Fachleute würden den Vorrang als "waghalsige Entscheidung" titulieren.

Hinzu kämen technische Unwägbarkeiten: Bislang setze man zwar die dafür geeigneten maße-imprägnierten Kabel (MI-Kabel) bereits auf See ein, an Land hätten sie aber zu viele Nachteile: Ihr Durchmesser liegt bei 30 cm, ein 1 km langer Abschnitt wiegt demnach 30 t. Die Alternative kunststoffisolierte Erdkabel sei noch nicht ausgereift, zitiert die "SZ" Experten. Besser wäre es, man würde diese erst auf kurzen Strecken testen. Zudem sei es schwierig beschädigte oder zerstörte Muffen auszutauschen. Allein eine solche zu finden sei zeitaufwändig. Auch der Austausch dauere mehrere Tage, weil er größtenteils per Hand erfolge.

Über die Kosten gehen die Meinungen ebenfalls auseinander. So geht Übertragungsnetzbetreiber Tennet von drei bis achtmal so hohen Kosten im Vergleich zu Freileitungen aus. So würde 1 km Freileitung auf 1,2–1,4 Mio. € kommen, während man Erdkabel auf 3,6–11,2 Mio. € schätzt.

Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner geht von 11 Mrd. € zusätzlich für die unterirdischen Kabel aus, die sich auf die nächsten 40 Jahre verteilen lassen. Ihr zufolge wird sich der Strompreis um etwa 0,1 ct/kWh verteuern, schreibt die "Süddeutsche". Fachleute hingegen würden sich über diese Kalkulation wundern. (sg)