Tacheles Februar 2012

Jürgen Grossmann, Philipp Rösler und Sven Becker

 

»Kaum jemand von Ihnen würde die Italiener Deiche bauen und die Briten kochen lassen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss vorrangig an den Standorten
erfolgen, an denen die besten Voraussetzungen bestehen.«


Dr. Jürgen Großmann, RWE-Vorstandsvorsitzender, sagte bei der Handelsblatt Jahrestagung Energiewirtschaft, es wäre viel erreicht, wenn jedes Land Europas mit seinen Stärken und Möglichkeiten zum Gesamtgelingen der regenerativen Stromerzeugung beitragen würde. „In anderen Lebensbereichen akzeptieren wir das ja auch: So gilt der Italiener als feuriger Liebhaber, die Franzosen haben die beste Küche, die Österreicher die talentiertesten Skifahrer, die Niederländer können die besten Deiche bauen und wir Deutschen haben den strengsten TÜV“, bekräftigte er. Der milliardenschwere deutsche Sonderweg zum schnellen Ausbau der Erneuerbaren – viele Mitgliedsstaaten könnten und wollten ihn nicht mitgehen. Sie hätten dringendere Probleme. Europa bleibe keine Wahl, als die effizientesten Wege zur Energiewende zu verfolgen.

 

 

 

»Jährliche Reduzierung des Energieverbrauchs um 1,5 %, ich kann das Energieversorgern nicht vorschreiben. Das wäre ungefähr so, als würde ich Automobilhersteller verpflichten, bei ihren Kunden dafür zu sorgen, dass sie 1,5 % weniger Autos abnehmen. Das kann nicht der richtige Weg sein.«

Philipp Rösler, Bundeswirtschaftsminister, spielte auf die EU-Effizienzrichtlinie an, die Energieversorgern vorschreiben will, bei ihren Kunden jährlich 1,5 % Energie einzusparen. Er pochte bei der Handelsblatt Jahrestagung Energiewirtschaft auf den klassischen Weg der sozialen Marktwirtschaft, der die richtigen Anreize, die richtige Aufklärung setze. Denn gerade das große Thema Energieeffizienz werde man nur gemeinsam erfolgreich umsetzen können. „Wobei die gute Nachricht ist, trotz enormen Wachstums in den letzten beiden Jahren ist der Energieverbrauch in Deutschland deutlich gesunken, was eben zeigt, wie stark wir im Bereich der Energieeffizienz sind“.

 

 

 

»Die Hypothese, die Stadtwerke seien dieGewinner der Energiewende, ist falsch. Der Mythos ist gefährlich, weil er wie Valium wirken kann.«

Sven Becker, Geschäftsführer der Trianel GmbH, Aachen, war es bei der Handelsblatt Jahrestagung Energiewirtschaft ein Anliegen, mit diesem Mythos aufzuräumen. Er vermittelte die falsche Sicherheit, die Stadtwerke müssten nichts mehr tun. Fakt sei, die Energiewende komme nicht zu den Stadtwerken, sondern die Stadtwerke müssten zu der Energiewende kommen. Dabei stelle die Energiewende einen exogenen Schock dar, der keinen Stein auf dem anderen lasse. Dies führe zu Innovation und Marktanpassung, die klassischen Geschäftsmodelle würden weggespült. Hilfreich sei dazu, auf andere Branchen zu schauen, die bedingt durch Innovation ähnliche Schocks erlebt haben. Wichtig sei dabei, zu schauen,  wie Visionäre, die Veränderungen angestoßen haben, ihre weitere Entwicklung erwartet haben. Gottfried Daimler beispielsweise habe den Siegeszug des Autos letztlich nicht für möglich gehalten, weil er einen Mangel an Chauffeuren voraussah.