Stephan Kamphues: "Um die Gasversorgung sicherzustellen, wurden während der Kältewelle sämtliche Transporte der Exits im Süden, die unterbrechbar sind, unterbrochen."

"Thema Energiewende ist noch nicht zu Ende gedacht"

Die ZfK sprach mit Stephan Kamphues, Sprecher der Geschäftsführung von Open Grid Europe und Präsident des europäischen Verbandes der Ferngasnetzbetreiber (EntsoG) über die zum Jahreswechsel von Lieferengpässen verursachte schwierige Versorgungssituation.

 

Anfang Februar kam es wieder einmal zu Engpässen in der Gasversorgung. Was war schuld daran?

Mit der lang anhaltenden tiefen Kälte in Russland ist wieder das alte Problem aufgetaucht, dass die Transportmengen in Waidhaus deutlich hinter den für die Jahreszeit üblichen zurückblieben – und das bei auch sehr tiefen Temperaturen in Deutschland.


Mit Inbetriebnahme der Nordstream-Pipeline müsste sich die Situation doch entschärfen?
Die Nordstream-Pipeline hat den Volllastbetrieb noch nicht erreicht. Außerdem landet sie im Norden Deutschlands. Der Norden war auch in diesem Winter gut mit Gas versorgt. Die Probleme lagen im Süden. Deshalb brauchen wir eine Verstärkung der Südanbindungen.


Das heißt, die Gasversorgung ist vorwiegend eine Frage der Verteilung?
Nur zum Teil. Wir hatten ausreichende Gasmengen in Deutschland. Die Speicher waren überwiegend gut gefüllt. Aber natürlich macht sich das Fehlen von Mengen dort bemerkbar, wo sie normalerweise ankommen. Das ließ sich auch durch zusätzliche Transporte von Nord- nach Süddeutschland nicht vollständig ausgleichen.


Was konnten die Speicher beitragen?
Es sind mittlerweile mehr Speicher gebaut worden als Transportkapazitäten geschaffen wurden. Das heißt, die maximale Ausspeicherleistung ist größer als die maximale Transportkapazität. Das ist eine klassische Engpasssituation. Hinzu kommt noch, dass mit zunehmender Leerung der Speicher der Druck und damit die Ausspeisung abnimmt. Im Ergebnis sind infolge der reduzierten Gasmengen die unterbrechbaren Transportkapazitäten, die auch viele Kraftwerksbetreiber abgeschlossen haben, unterbrochen worden. Um die Gasversorgung sicherzustellen, wurden während der Kältewelle sämtliche Transporte der Exits im Süden, die unterbrechbar sind, unterbrochen. Transportiert wurden nur noch so genannte feste Kapazitäten.


Ist es sinnvoll, als Kraftwerksbetreiber unterbrechbare Verträge abzuschließen?
Wenn ich ein Gaskraftwerk unbedingt benötige, sollte ich keine unterbrechbaren Kapazitäten haben, wenn feste Kapazitäten verfügbar sind.

 
Das heißt, Sie konnten als Netzbetreiber die schwierige Versorgungssituation der Kraftwerke gar nicht direkt beeinflussen?
Wir haben aufgrund der gesetzlichen Lage überhaupt kein Recht, eine Vorrangschaltung für ein Kraftwerk zu machen. Im Gegenteil: Wir wären sofort mit den Schadensersatzforderungen derjenigen konfrontiert, deren feste Kapazitäten wir unterbrechen.


Wie gehen Sie beim Abschalten der unterbrechbaren Kapazitäten genau vor?
Die Rangfolge folgt dem Prinzip: first come, first served. Das heißt, die ältesten Unterbrechbaren sind am stärksten geschützt und die am jüngsten gebuchten Kapazitäten fallen zuerst raus.


Egal, ob es sich um einen sensiblen Versorgungsbereich handelt?
Dieser Aspekt taucht erst in der Krise auf. Und darüber entscheidet das Bundeswirtschaftsministerium.


Was muss passieren, damit es zu einer solchen Situation kommt?
Laut Energiewirtschaftsgesetz hätte das Bundeswirtschaftsministerium eine Krise ausrufen müssen. Dann wären wir in der Lage gewesen, auch feste Kapazitäten zu unterbrechen. Meines Wissens hat das Ministerium vorwiegend die Händler zur Situation befragt.  In einer unbundelten Welt ist es natürlich auch erforderlich, Netzbetreiber zu befragen. Das Ganze zeigt, dass wir in Deutschland das Thema Energiewende geistig noch nicht bis zum Ende durchdacht haben. Wir sollten uns fragen: Was braucht es noch?


Neue Strukturen anscheinend auf jeden Fall.
Ja, und ein paar neue Regeln und ein paar neue Vorränge. Zudem sollte man auch darüber nachdenken, dass ein Transportengpass im Gas auch einen Engpass im Strom auslöst.


Wenn es um den Netzausbau geht, steht meist das Stromnetz im Fokus.
Wenn Erdgas als natürliches Back-up und als natürliche Ergänzung für erneuerbare Energien fungieren soll, dann müssen Anreize geschaffen werden, dass auch in das Gasnetz investiert wird. Die Frage ist: Legt man Wert auf Kostensenkung oder auf Netzausbau? Tatsache ist, dass im Augenblick viel zu wenig investiert wird, sowohl beim Strom als auch beim Gas.  


Eine Aufforderung an die Regulierungsbehörde?
Die deutsche Regulierung ist reifer, vor allem rechtssicherer geworden. Sie ist aber noch nicht dort, wo sie hin muss. Eine stärker auf die Energiewende ausgerichtete Regulierung ist unabdingbar. Wir brauchen Anreize für regulierte Unternehmen, in Forschung und Entwicklung zu investieren. Wir können es uns nicht länger leisten, elementare Teile der Energieversorgungskette wie die Netze von Zukunftsthemen fernzuhalten. Und noch ein ganz anderer Punkt: Es besteht heute eine große Bereitschaft, ältere Gasleitungen stillzulegen. Da diese abgeschrieben sind, lässt sich damit kein Geld mehr verdienen. Eine Lösung wäre die Einführung eines Dienstleistungsentgelts für den Weiterbetrieb.


Es ist glücklicherweise nicht zu einem großflächigen Versorgungsengpass gekommen. Und das, ohne dass die Politik großartig aktiv geworden ist. Löst die Energiewirtschaft die Probleme ganz alleine?
Die nationalen und internationalen Gasnetznetzbetreiber haben Anfang Februar eng zusammengearbeitet. So ist es uns durch die Umleitung von Gasmengen über die Niederlande, Belgien, Frankreich und die Schweiz gelungen, die Lage in Süddeutschland auszugleichen. Durch diese Kooperation waren wir in der Lage, das Gastransportnetz zu stabilisieren, ohne ein politisches Handeln notwendig zu machen. Bundesnetzagentur und BMWi haben wir über die Situation und unsere Maßnahmen informiert. Und auch mit den Stromnetzbetreibern haben wir uns natürlich ausgetauscht.


Auf der Übertragungsnetzebene funktioniert also die Zusammenarbeit der Netzbetreiber über EntsoG. Wo bleiben aber die Interessen der Verteilnetzbetreiber?
Die Zusammenarbeit der Ferngasnetzbetreiber im Rahmen von EntsoG beruht auf einer EU-Vorgabe und dient der Vollendung des europäischen Binnenmarkts und des grenzüberschreitenden Handels mit Gas. Die Arbeit von EntsoG steht also in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der aktuellen Versorgungslage, hilft aber natürlich zu kooperieren, da man auch in Brüssel zusammenarbeitet. Anders herum müssen natürlich auch die Erkenntnisse aus der aktuellen Situation in die Arbeit von EntsoG aufgenommen werden. Dort fließen auch die Interessen der Verteilnetzbetreiber ein, da die Entwicklung der Regelwerke durch EntsoG von öffentlichen Konsultationen begleitet wird.


Können Verteilnetzbetreiber oder kleinere Vertriebe den Arbeitsanfall der EntsoG-Workshops überhaupt leisten?
Wenn jeder einzeln versucht, an allen Prozessen beteiligt zu sein, wird das kaum gelingen. Aber es gibt eine Reihe von Interessensvertretungen, die Meinungen bündeln und aktiv an Konsultationen und Workshops von EntsoG teilnehmen. Ohne Mitarbeit in Verbänden werden kleinere Unternehmen nur schwer ihre Interessen vertreten können.


Das Regulierungsdickicht auf europäischer Ebene ist mittlerweile schwer durchschaubar. Neben den genannten Verbänden gibt es die europäische Regulierungsbehörde Acer sowie eigene Aktivitäten der EU-Kommission. Blickt man da im Detail noch durch?
Die Vielzahl an Institutionen und Regelwerken wirft ein Schlaglicht auf die Vielzahl an Interessen, die es unter einen Hut zu bringen gilt. Aufgabe von Acer und EntsoG ist es, Regelwerke zu erstellen, die von allen akzeptiert werden, ohne dass sie deshalb beliebig werden. Da kann es manchmal sehr detailverliebt zugehen, aber ohne das eine oder andere Detail zu regeln, lässt sich manches Regelwerk nicht erstellen. Wir dürfen hier nicht übersehen, dass es manchmal auch darum geht, eine seit Jahren gültige nationale Norm über Bord zu werfen. Harmonisierung bedeutet eben nicht, dass alles so bleibt wie es ist, sondern dass am Ende ein System steht, mit dem alle leben können. Da sind wir auf einem guten Weg. Am Ende wird sich das Dickicht gelichtet haben.


Wie eng ist die Zusammenarbeit zwischen EntsoG und dem europäischen Verband der Stromübertragungsnetzbetreiber EntsoE?
Natürlich findet ein Austausch statt. So sind zum Beispiel bei der Aufstellung der Netzentwicklungspläne für Strom und Gas in bestimmten Fragestellungen Annahmen konsistent zu gestalten, etwa was die Planung von Gaskraftwerken betrifft. Andere Themen wie Power-to-Gas werden uns in Zukunft vermutlich noch näher zusammen-führen. Aber da mache ich mir keine Sorgen: Der informelle Austausch ist schon bestens geregelt, denn EntsoE und EntsoG sitzen inzwischen in Brüssel im selben Gebäude.