Patrick Graichen ist Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende. Bild: © Agora Energiewende

Graichen: „Netze sind das zentrale Thema der Energiewende“

Digitalisierung, Smart Markets, dezentrales Lastmanagement, Sektorenkopplung und eine veränderte Rolle der Netzbetreiber. Die Herausforderungen für zukünftige Stromnetze sind immens.

„Netze und Netzkosten sind das zentrale Thema der Energiewende der kommenden Jahre.“ Dies unterstrich Patrick Graichen, Chef der Denkfabrik Agora Energiewende zum Auftakt der Tagung „Zukünftige Stromnetze für erneuerbare Energien“ am Dienstagvormittag in Berlin. Klar wurde, wie groß hierbei die Herausforderungen sind und wie dies auch die Funktion der Netzbetreiber verändern kann.

„Ich stehe eindeutig zum Netzausbau. Was jetzt im Bundesbedarfsplan vorgesehen ist, sollte dringend realisiert werden, möglichst mit gleich noch einem Schacht dazu“, sagte Graichen. „Doch künftig müssen wir das intelligenter hinbekommen.“ So plädierte er zum einen dafür, ab sofort alle Möglichkeiten zu nutzen, die Netze zu ertüchtigen, sei es durch Freileitungsmonitoring oder Lastflusssteuerung. Künftig brauche es auch eine automatisierte Systemführung, eine integrierte Betrachtung von Strom- und Gasnetzen sowie eine Ergänzung der zentralen Netzstrukturen durch „regionale Smart Grids und Smart Markets“ und der Einbeziehung von Millionen dezentraler Prosumern in das Lastmanagement. „Prämisse ist jedoch weiterhin, den Stromausfallindex dauerhaft unter 20 Minuten zu halten“, betonte Graichen.

Jetzt mit der Wasserstoffwelt anfangen

Eine Absage erteilte Graichen Forderungen nach autarken Insellösungen und einer rein dezentralen Versorgung, vorwiegend über Photovoltaik. „Wir brauchen einen intelligenten Mix von zentralen und dezentralen Lösungen sowie mehr Windstrom und viel mehr Solarstrom“, unterstrich er. Ergänzt werden muss durch Power2Gas und Power2Liquid und Batteriespeicher. Wobei die Präferenz aufgrund der höheren Effizienz immer bei der direkten Nutzung des erneuerbaren Stroms liegen sollte.

Bei Power2Gas plädierte Graichen als auch Peter Barth, Netzentwickler bei Amprion, vor allem für eine verstärkte Wasserstoffnutzung für die Sektorenkopplung und zur Stromnetzentlastung. „Wir sollten jetzt anfangen mit der Wasserstoffwelt und auch der Rückverstromung“, sagte Graichen. „Die Entwicklung leistungsfähiger günstiger Elektrolyseure sehe ich als zentrale Herausforderung an“, ergänzte Barth. Auch bei CO2-Luftabsorbern für die Methanisierung und für synthetische Treibstoffe müssten dringend die Kosten gesenkt und ein Marktanreizprogramm aufgelegt werden.

Strom von heute nach morgen transportieren

Für eine erweiterte Rolle der Netzbetreiber plädierte Eberhard Waffenschmidt, Direktor des Instituts für Elektrische Energietechnik an der TH Köln. „Netzbetreiber sollten künftig auch die Aufgabe bekommen, den Strom von heute nach morgen zu transportieren und zur Netzstabilisierung Speicher betreiben“, sagte er. Hierfür müssten jedoch auch Verteilnetzbetreiber entsprechend vergütet werden, sagte er im Gespräch mit der ZfK. (hcn)