SWM/MVG will Haustarifvertrag "zum innovativsten im Nahverkehr" machen

Werner Albrecht ist seit Ende 2013 Geschäftsführer Personal & Soziales der Stadtwerke München (SWM). Nach und nach kamen die Ressorts Immobilien und Bäder hinzu. Bild: © Maik Kern/SWM

Heinrich Birner ist der Geschäftsführer des Bezirks München & Region bei der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi). Bild: © Verdi

Der neue Haustarifvertrag für die Münchner Verkehrsgesellschaft stellt einen "Paradigmenwechsel" dar, sagt SWM-Geschäftsführer Werner Albrecht im ZfK-Interview. Derweil fordert Verdi eine Ballungsraumzulage für alle im SWM-Konzern. Die Gewerkschaft rechnet auch damit, dass sie außerhalb Münchens kommt.

Der Personalgeschäftsführer der Stadtwerke München (SWM), Werner Albrecht, will den im Juli ausgehandelten Haustarifvertrag für den Fahrdienst und die fahrdienstnahen Tätigkeiten in der Tochter MVG "zum innovativsten Tarifvertrag im deutschen Nahverkehr machen". Dies sagte er im Interview in der ZfK-Druckausgabe, die am Montag erschien (Seite 31, nur im Abo erhältlich).

Nach seiner Ansicht stellt eine "Prozessvereinbarung" im neuen "TV MVG", wie er abgekürzt wird, einen "Paradigmenwechsel" dar: "Sie führt uns weg von der Fixierung aufs Entgelt, hin zu einer robusten Qualifizierung und mehr Flexibilität." Albrecht meint damit unter anderem:

  • Anreize für die Weiterqualifizierung etwa von Fahrern auf eine andere Fahrzeugart durch fünf neue Entgeltgruppen,
  • Zwischenformen zwischen Vollzeit und Teilzeit, für die sich alle Mitarbeiter alle zwei Jahre entscheiden können

Die Option auf fünf Tage mehr Urlaub gegen Gehaltsverzicht aus dem kommunalen Tarifvertrag Nahverkehr (TV-N) Bayern habe man bereits vereinbart. Über andere Punkte sollen im Oktober Gespräche beginnen. Albrecht ergänzte auf zfk.de zwei Interview-Antworten:

ZfK: Wie groß ist Ihr Neueinstellungsbedarf im Fahrdienst und in fahrdienstnahen Diensten?
Werner Albrecht: Wir hatten 2018 dort 91 Abgänge. Bis 2020 haben wir allein etwa 200 Renteneintritte, bis 2030 circa 450. Noch nicht eingerechnet ist hierbei der absehbar weiter steigende Personalbedarf durch Taktverdichtungen sowie neue Linien und Tramstrecken.

ZfK: Insgesamt beschäftigen Sie in diesen Tätigkeiten 1800 Menschen. Ist wirklich nur die Rekrutierung von Fahrern ein Problem? Oder gilt dies auch für andere Mitarbeitergruppen?
Werner Albrecht: Gerade auch in den Werkstattbereichen nehmen die Probleme zu. In Bereichen mit Wechselschicht ist die Einstellung neuer, jüngerer Mitarbeiter deutlich schwerer als früher. Unsere Arbeitszeiten auch am Sonntag und in der Nacht stoßen oft auf Widerspruch zu den persönlichen Lebensplänen. Auch hier müssen wir über Flexibilisierungen nachdenken.

Änderungssignale bei geldwertem Vorteil mit Werkswohnungen

Der unter anderem für Personal und Immobilien verantwortliche Geschäftsführer äußert in dem Interview auch seine Hoffnung, dass "Neubauten (von Werkswohnungen) durch eine steuerrechtliche Änderung beim geldwerten Vorteil bald erleichtert werden. Entsprechende Signale aus Berlin haben wir erhalten." In einem jüngst an die Mieter übergebenen Gebäude mit 56 Wohnungen subventionieren die SWM erstmals die Miete und versteuern den Angestellten nach Gehalt gestaffelt den daraus entstehenden geldwerten Vorteil.

In der Spitze verdienen die dem TV MVG unterliegenden Fahrer und Fahrdienstnahen durch die Einigung rückwirkend zum 1. Juli bis zu 6,75 Prozent mehr. Damit lägen die Einstiegsgehälter (erstmals) höher als beim TV-N Bayern – "und auch höher als der bei der Landeshauptstadt geltende TVöD (Tarifvertrag öffentlicher Dienst) samt der dortigen München-Zulage", so Albrecht.

SWM-Mitarbeiter bekamen 2000 Euro plus zwei Prozent Erfolgsprämie

Die "München-Zulage" ist derzeit bundesweit die einzige Ballungsraumzulage im öffentlichen Dienst, teilte Heinrich Birner, Geschäftsführer des Verdi-Bezirks München & Region, der ZfK mit. "Ich erwarte aber eine Welle von solchen Zulagen in anderen Städten, in denen die Mieten hoch sind."

Das Ziel der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft sei es, sagte Birner ergänzend zu einer Pressekonferenz am Freitag, die München-Zulage unter anderem durch einen "SWM-Konzerntarifvertrag München-Zulage" bei der Mutter-GmbH und ihren Töchtern einzuführen, zwar gestaffelt nach Bruttogehältern (nicht nach Entgeltgruppen), aber konzerneinheitlich.

Die SWM verweisen gegenüber der ZfK darauf, dass ihre drei geltenden Tarifverträge bereits über dem Niveau des TVöD mit München-Zulage (aber ohne Berücksichtigung sonstiger Zulagen) lägen. Sie beteiligten zudem "ihre Mitarbeiter*innen über diverse Betriebsvereinbarungen am Unternehmenserfolg: 2018 wurde ein neues Prämiensystem eingeführt, im Jahr 2019 haben alle Mitarbeiter*innen eine Erfolgsbeteiligung von 2000 Euro erhalten sowie eine zweiprozentige Tarifprämie. Welche Auswirkungen hier eine München-Zulage in welcher Form haben könnte, ist Teil einer Abstimmung, die derzeit bei der LHM (Landeshauptstadt München) stattfindet."

OB Reiter brachte Stein ins Rollen

Die "München-Zulage" für kommunale Angestellte, "Ballungsraumzulage" für Landesangestellte oder "Zulage Ergänzende Leistungen" für Beamte im kommunalen und Landesdienst war, so erläutert Birner, vor 29 Jahren auf Betreiben des damaligen OB Georg Kronawitter (SPD) und des damaligen Ministerpräsidenten Max Streibl (CSU) eingeführt worden, um einen Anreiz für Arbeitskräfte in den unteren Entgeltgruppen zu schaffen, Jobs in München mit seinen hohen Mieten anzunehmen.

Beschäftigte der Stadt bis zum gehobenen Dienst (bis Entgeltgruppe 9c TVöD) bekommen rund 135 Euro, egal, ob sie in der Landeshauptstadt wohnen oder in sie einpendeln.

Am 26. Juni hatte der Münchner Stadtrat auf Initiative von OB Dieter Reiter mit den Stimmen seiner Partei, der mit ihr koalierenden CSU und der Grünen:

  • eine Verdopplung der Zulage für die Rathausbediensteten bis 9c,
  • eine Ausweitung der bisherigen Zulage auf den höheren Dienst und
  • ein Jobticket für alle beschlossen.
  • Das Entscheidende für die Stadtwerke: Das Kommunalparlament forderte damals die Tarifpartner aller städtischen Gesellschaften zu Verhandlungen auf, wie sich die Konditionen der dortigen Beschäftigten ebenfalls verbessern lassen.

Demnächst Tarifverhandlungen mit Stadt

Vom 16. September an soll für den städtischen Leittarifvertrag "München-Zulage" in drei Runden verhandelt werden. Heinrich Birner will spätestens am 11. Oktober eine Einigung erzielen und stellt sich auf einen "heißen Herbst" ein, so die "SZ".

Die Gewerkschaft greift den Stadtrats-Appell an die städtischen Töchter natürlich auf, Birner räumt aber gegenüber der ZfK ein, der Ausgang dort sei "offen". In jeder Einrichtung – vom Tierpark über Kitas bis zu Seniorenheimen und eben auch den Stadtwerken – herrsche "eine andere Ausgangssituation". Und nicht zuletzt ein unterschiedlich hoher Organisationsgrad. (geo)