Lukas Kinigadner ist Gründer und Geschäftsführer des Wiener Unternehmens Anyline. Bild: © Anyline

Wie konservativ dürfen Stadtwerke heute noch sein?

Ein Blick von außen: Lukas Kinigadner, der Geschäftsführer des Wiener Unternehmens Anyline, über die deutsche Energiewende. Beim Thema Smart Meter sieht er die Stadtwerke in einer Schlüsselrolle

Der bereits seit 2017 gebotene Umstieg auf Smart Meter für alle mit einem Jahresverbrauch von mehr als 10 000 kWh hat der deutschen Energiewirtschaft neues Leben eingehaucht. Anders als für uns in Österreich, wo trotz gleicher Frist ein kontinuierlicher Umstieg stattfindet, ist es für Deutschland die größte Umwälzung in der Geschichte der Branche. Zu großen Teilen lässt sich das sicher auf die regional operierenden Stadtwerke zurückführen.

Die Energiewirtschaft in Deutschland hat schon länger ein Problem mit ihrer Selbstwahrnehmung. Weniger glamourös als die Autoindustrie und nicht so innovativ wie die Unterhaltungselektronik, sieht sich der Energiesektor als eher bodenständig, konservativ aber eben auch etwas langweilig. Dem gegenüber stehen einige noch junge, „smarte“ Technologien, die den Energiesektor ins 21. Jahrhundert bringen können. Die althergebrachte mobile Zählerablesung kann durch diese theoretisch völlig ersetzt werden.

Zugleich sind Smart Meter das erste Tool, das den Energieverbrauch in jedem Haus interaktiv, transparent und verbraucherfreundlich macht. Intelligente Stromzähler müssen jedoch erst 2020 auch für alle Haushalte und Unternehmen mit einem Verbrauch zwischen 6000 und 10 000 kWh eingeführt werden, sodass viele Verbraucher noch gar nichts von Ihrem Glück wissen. Und viele Anbieter nutzen das als Ausrede, um in Passivität zu verharren. Dementsprechend werden viele Energieversorger wie bereits 2017 nicht in der Lage sein, ihre Geräte rechtzeitig zur Frist bereitzustellen.

Die Verzögerungen bei der Einhaltung der EU-Vorschriften und der fehlende Wille, Kunden darüber aufzuklären, welche neuen Möglichkeiten sie zur Überwachung des eigenen Stromverbrauchs haben, sind symptomatisch für ein größeres Problem in der Branche – dem selbst auferlegten Konservatismus. Dieser hindert viele Versorger daran, neue Technologien zu nutzen, die das Selbstverständnis der Energiewirtschaft auf den Kopf stellen könnten. Je mehr Energieunternehmen jedoch in das Vermeiden neuer Technologien investieren, desto schwieriger wird es, dem unausweichlichen Wandel zu begegnen.

Denn smarte Technologie werden jeden Tag stärker in unser Leben integriert. Unternehmen wie Amazon haben es geschafft, dass Smart Home nicht mehr nur ein Trendbegriff ist, sondern auch wirklich in den Wohnzimmern unzähliger Haushalte stattfindet. Unsere mobilen Geräte, die für uns längst Alltag sind, werden jedes Jahr immer leistungsfähiger und auch an der technischen Revolutionierung des Automobils wird unermüdlich gearbeitet. Wenn die Energieversorger es versäumen, ihre Prozesse zu modernisieren, wird die Branche, die die Grundlage für diesen technologischen Fortschritt liefert, dabei auf der Strecke bleiben. Ohne Energie sind all diese Erfindungen nichts.

Überraschenderweise sind es die Stadtwerke, die die Energiewirtschaft verändern. Die Stadtwerke in ganz Deutschland forcieren die Einführung intelligenter Zähler und smarter Technologien. Ihr tägliches Geschäft mit Energieverbrauchern hat ihnen die nötige Einsicht gegeben, den Mehrwert technischer Innovationen zu erkennen. Möglicherweise sehen sie gerade als operativer Part auch den Bedarf an intelligenter Technologie für die eigenen Mitarbeiter stärker als Energieversorger. Klar ist, durch ihren kundenorientierten und arbeitnehmerorientierten Ansatz können die deutschen Stadtwerke den Wandel in der Energiewirtschaft vorantreiben.

Aber wie viel Veränderung ist genug? Will die Energiewirtschaft ihr konservatives Image komplett ablegen oder nur ein wenig aufhübschen? Eine berechtigte Frage, denn ist man bei der Implementierung intelligenter Technologie nicht auf jedes mögliche Szenario vorbereitet, könnte das zu einem Negativimage führen, das noch weniger wünschenswert ist als das derzeitige der „grauen Maus“.

Energieversorger müssen nicht zu Innovatoren werden. Aber wie bereits erwähnt, können sie es sich nicht leisten, technologisch noch weiter zurückzufallen. Mein Vorschlag ist, sich an den aktuellen aber alltäglichen Neuerungen zu messen und von hier aus Grundlagen für zukünftige Veränderungen und Innovationen zu schaffen.

Smart Meter sind dafür ein logischer Ausgangspunkt, denn ein Smart Meter Rollout bedeutet, dass alle betroffenen Kunden plötzlich die Möglichkeit haben, ihre Stromversorgung direkt zu erleben. Verbraucher können transparent verfolgen, wo sie Energie nutzen und im Umkehrschluss auch einsparen können. Dabei ist den meisten die Technik wohlbekannt, denn wer rudimentär mit einem Smartphone umgehen kann, für den ist es ein Leichtes seinen Stromzähler zu scannen. Seine Stromrechnung von nun an transparent und detailliert jederzeit abrufen zu können, statt unübersichtlich, postalisch am Ende des Jahres, ist ein starker Dienst am Kunden.

Den Verbraucher bei der technologischen Wende einzubeziehen, ist der Schlüssel zum Erfolg. Der greifbare Wert von Veränderungen sollte für diesen jederzeit ersichtlich sein. So lässt sich nicht nur die Kundenbindung vertiefen, sondern auch das Vertrauen aufbauen, das für weitere Neuerungen notwendig sind. Die geforderten neuen Stromzähler werden sicher nicht die letzte derartige Umstellung sein.

 

Über den Gastautor:

Lukas Kinigadner, 34, ist Gründer und Geschäftsführer des Wiener Unternehmens Anyline. Gemeinsam mit seinem Team entwickelt er eine gleichnamige Texterkennungs-Technologie (Optical Character Recognition, OCR), die sich in andere Software und Apps integrieren lässt. Unternehmen, wie Eon, Vattenfall, Edison oder energy|app provider verwenden die Technologie.