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Digitalisierung: Fehler zulassen & sich auf Spontanität einlassen

Ein Geben und Nehmen – wie Versorger von der Digitalisierung profitieren und was sie dafür notwendigerweise in ihrem Unternehmen ändern müssen.

Versorger und Netzbetreiber kommen an der Digitalisierung ihres Kerngeschäfts nicht vorbei – das ist den Experten aus der Strom- Wasser- und IT-Branche auf dem BDEW-Kongress in Berlin klar. Damit Smart Grid, Prosumerplattformen und Kundenservice-Apps mit Erfolg umgesetzt werden können, muss die Branche mit ihren gewohnt langfristigen Geschäftsstrategien aufräumen und sich auf den ständigen Wandel von IT-Prozessen und Produkten einlassen.

Fehler zulassen? Früher eine Unmöglichkeit, heute dringende Notwendigkeit für die Zukunftsfähigkeit von Versorger. Für Johannes Kempmann, scheidender BDEW-Präsident und Technischer Geschäftsführer der Städtischen Werke Magdeburg, ist die Digitalisierung eine Frage der Unternehmenskultur. Es brauche Raum für Kreativität und die Offenheit, aus Fehlern zu lernen. Schließlich hätten sich die Zeiten dramatisch geändert: Risikoarme Investments mit Gewinnausschüttungen über Jahrzehnte hinweg gehören der Vergangenheit an. IT-Anwendungen, Plattformen und Konzepte werden bereits vor ihrer Marktreife gelaunched und entwickeln sich je nach Nachfrage individuell weiter. Damit Versorger mit diesem Tempo mithalten können, geht der Trend zu Kooperationen mit Start-ups.

Künstliche Intelligenz und Human-Ressources

Lumenaza ist eines dieser jungen Unternehmen, das Versorger unterstützt, Peer-to-Peer-Lösungen umzusetzen. Dabei werden dezentrale, private Energieerzeuger mit Verbrauchern über eine Online-Plattform miteinander vernetzt. Algorithmen bringen dabei Strombedarf und Produktion in Einklang und rechnen die Direktvermarktung anschließend ab. Auch wenn diese virtuellen Netzwerke ein wesentlicher Schritt für digitale Transformation sind, offenbaren sie auch die „ernüchternde Lage“ der gesamten Energiebranche, so Christian Chudoba, Gründer und CEO Lumenaza. So schicken die Netzbetreiber ihre Marktprämienabrechnung nach wie vor per Post, dabei ließe sich der Wust an Briefen mit einer elektronischen Abrechnung vermeiden und beschleunigen. Für Chudoba ist klar, die Sicherheit, wie die Zukunft in den nächsten Jahren aussieht, gibt es nicht. Dementsprechend werden Trendanalysen und die ständige Anpassung und Feinjustierung von digitalen Konzepten und Anwendungen immer entscheidender, stimmt auch Jörg Simon, BDEW-Vizepräsident Wasser/Abwasser und Vorstandsvorsitzender BWB zu.

Für Vattenfall-Chef Magnus Hall ist Digitalisierung nicht nur ein Mittel, Prozesse schneller abzuwickeln und damit Kosten zu sparen, sondern auch ein eigenständiger Weg der Wertschöpfung. Mit der „Enpure“-App erleichtert der schwedische Konzern seinen Kunden, den Stromtarifwechsel und schafft eine neue Kontakt- und Vertriebsplattform. Im Service-Bereich setzt das Unternehmen zudem vermehrt auf Künstliche Intelligenz. Neben all den High-Tech-Entwicklungen und Investitionen in Start-up-Kooperationen darf auch die eigenen Belegschaft als Ressource für den digitalen Wandel nicht vergessen werden. Nur wenn Prozesse auch den IT-Laien zugänglich gemacht werden, wird das Wissen langfristig im Unternehmen gebündelt.

Versorger sind bereit

Fest steht auch: Die Politik ist gefragt, denn im regulierten Bereich der Stromnetzte ist bisher nicht klar, wie die Kosten für Smart Grids in die Netznutzungsentgelte verrechnet werden. Deshalb fordert Kempmann: „Wir sind bereit, also macht Tempo!“ (ls)