Petra Reiber war fast 25 Jahre Bürgermeisterin von Sylt und ist Mitglied des Beirates der Alliander AG Bild: © Reiber

Ein Bewusstsein für smarte Städte schaffen

Im Rahmen der Digitalisierung werden sich Städte ändern. Wie kann der Umstrukturierungsprozess gelingen? Petra Reiber, ehemalige Bürgermeisterin von Sylt und Mitglied des Beirates der Alliander AG, analysiert das Feld.

Frau Reiber, in Ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin auf Sylt haben Sie sich stets für mehr Nachhaltigkeit auf der Insel eingesetzt. Warum war Ihnen das ein so dringendes Anliegen?

Wir wussten bereits in den 90iger Jahren, dass Sylt als vorgelagerte Insel der Westküste frühzeitig und sichtbar von dem durch die Klimaerwärmung bedingten Anstieg des Meeresspiegels betroffen sein würde. Darüber hinaus verursacht der Klimawandel eine Häufung an Sturmfluten, die an der Substanz der Insel nagen. Gleichzeitig ist hier aber auch die Nutzung erneuerbarer Energien aus Sonne, Wind und Wellen direkt erlebbar. An keinem anderen Ort sind die Menschen den Naturgewalten so nahe wie auf Sylt.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, um die Einwohner einer Stadt oder Kommune zu diesem Thema zu sensibilisieren? 

Nachhaltigkeit dient der Verbesserung unserer Gesundheit und unserer Lebensqualität. Fakt ist, die Bürger von heute wollen gefragt werden, wollen informiert und mitgenommen werden. Bürger haben viele Ideen, die sie mit Nachhaltigkeit verbinden und viele wollen aktiv mitwirken. Wir brauchen sie also nur einzuladen.

Inwiefern halten Sie Innovations- und Digitalisierungsprojekte in Kommunen für gute Lösungsansätze für mehr Nachhaltigkeit? 

Digitalisierung ist der Sammelbegriff für gesamtheitliche Entwicklungskonzepte, die darauf abzielen, die Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher, nachhaltiger und sozial gerechter zu gestalten. Digitalisierung, verbunden mit der richtigen Nutzung von Daten, ist die vernetzte Intelligenz einer Stadt. Innovation und Digitalisierung sind nach meiner Auffassung untrennbar mit Nachhaltigkeit verbunden.

Vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen in der Kommunalpolitik in Sylt: Was sind aus Ihrer Sicht Herausforderungen für Kommunen und Städte mit Blick auf Energie- und Infrastruktur-Themen? Und wie lassen sie sich angehen?

Städte und Kommunen verlassen sich bei Themen wie erneuerbare Energien zu sehr auf die Aktivitäten ihrer Stadtwerke. Die meisten Stadtwerke denken aber immer noch in den konventionellen Kategorien des Vertriebs, also der Steigerung des Stromabsatzes. Das überrascht nicht, denn sie sollen die bisherige Gewinnmarge ihrer Shareholder gewährleisten. Die Energiewende fordert jedoch, dass sich Stadtwerke neu aufstellen und den Bürgern Möglichkeiten eröffnen, sogenannte „Prosumer“ zu werden: Die Bürger werden einerseits selbst zu Produzenten von Strom aus erneuerbaren Quellen wie Photovoltaik und Wind und sind gleichzeitig Konsumenten von Strom in Zeiten schwacher Ausbeute. Deshalb findet die Energiewende zu einem Großteil im Verteilnetz der Stadtwerke statt, weil ein intelligenter Energieaustausch funktionieren muss. Nach meinen Recherchen bieten zu wenige Stadtwerke ihren Abnehmern zum Beispiel kundenfreundliche Solarpakete an. Hier müssen die „Shareholder“, also die kommunalen Entscheidungsträger, umdenken und ihre Stadtwerke ermuntern, neue Geschäftsmodelle zu beschreiten. In der Regel bedarf es dazu einer Grundsatzentscheidung der Ratsversammlung, „nachhaltige Stadt“ oder „Smart City“ werden zu wollen, damit der Prozess in Gang kommt.

An welchen Stellen brauchen Städte Unterstützung und Beratung von Unternehmen? Wo sehen Sie Potenziale für eine produktive Zusammenarbeit?

Bürgermeister wünschen sich Handlungsempfehlungen und Begleitung auf dem Weg zur „Smart City“. Sie haben erkannt, dass die Stadtwerke diese Aufgabe nicht allein leisten können. Die Mitnahme der Bürger bedarf fachkundiger Moderation, wenn es um Ideen im Umgang mit Umweltverschmutzungen, Ressourcenknappheit, Digitalisierung, dezentraler Energieerzeugung und generell Themen der Energiezukunft geht. Die Stadtwerke benötigen Kooperationen mit innovativen Unternehmen fremder Branchen, um neue Geschäftsfelder zu beschreiten, aber auch um die Verteilnetze bis hin zum Endverbraucher und dessen Geräten intelligenter zu gestalten.

Als Beirätin der Alliander AG sind Sie mit der Unternehmensführung regelmäßig im Austausch zu den aktuellen Herausforderungen in Sachen Energie, Stadtentwicklung, Digitalisierung und Daseinsvorsorge. Worauf kommt es aus Ihrer Sicht in Zukunft besonders an?

Ich stelle fest, dass die Themen Energiewende und Digitalisierung, vor allem aber die dazu erforderliche Innovationskultur, in den meisten Kommunalverwaltungen noch nicht präsent sind. Vor allem im ländlichen Raum, dort wo Windenergie erzeugt wird, kann sich kaum jemand etwas unter „Smart City“ vorstellen. Von daher gilt es, auch weiterhin viel Aufklärungsarbeit zu leisten, noch viel mehr aber Entscheidungsträgern Beispiele von smarten Lösungen in Kommunen anschaulich zu demonstrieren. Alliander AG hat den Vorteil, am Beispiel von Amsterdam oder Heinsberg zeigen zu können, wie eine Stadt mit der Unterstützung eines Unternehmens ganzheitlich den Weg zur Smart City beschreiten kann. Bisher glauben viele Bürgermeister, dass es eine Art „Musterlösung“ dafür gäbe. Tatsächlich ist es jedoch eine harte und langwierige Arbeit mit der Bevölkerung nach dem „Bottom-up-Prinzip“ smarte Segmente in der Kommune zu implementieren, denn es erfordert Geduld, die einzelnen maßgeschneiderten Bausteine zu einem ganzheitlichen Entwicklungskonzept zusammen zu fügen. (al)