ZfK Wärmewende

Contracting statt Risiko: Wie Stadtwerke mit Abwasserwärme neue Erträge erzielen können

Die Nutzung der Abwasserwärme ist trotz etablierter Projekte noch kein Massenprodukt. "Die Technik beherrschen wir – die Herausforderung sind die Betreiber", sagt Stephan von Bothmer im Interview mit der ZfK
05.01.2026

Stephan von Bothmer: "Wir überdimensionieren unsere Anlagen gezielt, um sie später nicht mehr reinigen zu müssen."

Abwasserwärme gilt als eine klimafreundliche Ressource, die sich insbesondere in den urbanen Gebieten für größere Gebäude und Quartiere eignet. "Für einzelne Häuser sind die Investitionen meist zu hoch", erläutert Stephan Bothmer, COO und verantwortlicher Manager für den Geschäftsbereich "Energy from Wastewater" bei der Uhrig Energie, im Interview mit der ZfK. Die Stadtwerke könnten die Anlagen jedoch über Contracting wirtschaftlich betreiben. Die größten Hürden liegen allerdings nicht in der Technik, sondern in den Strukturen. 

Herr Bothmer, es gibt verschiedene Wege, Wärme aus Abwasser zu gewinnen. Was macht Ihre Technologie besonders?

Stephan von Bothmer: Es gibt eine Reihe von Ansätzen, das Abwasser aus dem Kanal zu entnehmen, es zu reinigen, in den Wärmetauscher zu bringen und es dann wieder zurück in den Kanal schicken. Das ist relativ teuer. Wir installieren unsere modularen Wärmetauscher direkt in den Kanälen – auf der Sohle. Über die Module fließt das Abwasser und übertragt Energie. Die Hauptherausforderung liegt darin, dass das Abwasser die Module schnell verschmutzt. Das geht aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wir überdimensionieren unsere Anlagen daher gezielt, um sie später nicht mehr reinigen zu müssen.

Wir installieren meistens in bestehende Abwasserkanäle. Kanaldeckel auf, Abwasser umleiten, Module installieren – fertig. Ein Modul ist im Schnitt einen Meter lang. Die genaue Größe hängt davon ab, wie viel Abwasser in einem Kanal fließt und wie viel Platz man hat. Die Anlagen bestehen immer aus mehreren Modulen und können schnell 50 oder 100 Meter lang sein. Die Lebensdauer liegt bei 50 Jahren. Die Wärme aus dem Kanal wird dann in Wärmepumpen genutzt. Der Vorteil ist, dass Abwasser als Energiequelle auch im Winter über 10 Grad warm ist. Die Effizienz ist deutlich höher als bei Luft-Wärmepumpen.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang bei den fertigen Projekten sammeln können?

Wir haben inzwischen 140 Projekte in acht Ländern gebaut. Darunter Referenzprojekte wie die Wärmeversorgung für den Élysée-Palast in Paris oder große Projekte am Alexanderplatz und am Ostbahnhof in Berlin. Es geht um Gebäudekomplexe mit mindestens 50 Wohneinheiten. Unsere größte Anlage ist in Stuttgart im Neckarpark. Sie liefert 2,1 Megawatt thermische Leistung. Die ältesten Anlagen sind schon 15 Jahre in Betrieb. Die Technologie ist etabliert und funktioniert sehr gut. Besonders lohnend sind Anlagen in den größeren Städten, weil dort viel Abwasser, also viel Energie, durch die Kanalisation fließt.

Wie steht es um die Kosten dieser Anlagen?

Es gibt Anfangsinvestitionen, die sich aber über ein Contractingmodell auffangen lassen. Stadtwerke finanzieren solche Projekte oft und verkaufen dann über 15 Jahre die erzeugte Wärme zu einem Festpreis. Das ist lukrativ für alle Beteiligten. Wir als Unternehmen planen, bauen und installieren die Wärmetauscher, manchmal auch weitere Komponenten. Insgesamt lohnt es sich eher, große Gebäude oder Wärmenetze zu versorgen. Denn für einzelne Gebäude sind die Einmalkosten für so eine Anlage einfach zu hoch.

Was sind denn die größten Herausforderungen bei der Umsetzung der Projekte?

Es ist mit Sicherheit nicht die Technik. Die beherrschen wir und greifen auf viele Jahre Erfahrung zurück. Wir selbst kommen als Unternehmensgruppe aus dem Kanalbau. Wir kennen uns mit Abwasser bestens aus. Die Schwierigkeit ist, die Kanalnetzbetreiber zum Mitmachen zu bewegen. Abwassermanagement ist eine tagesfüllende Aufgabe. Sie von einem zusätzlichen Einsatzfeld zu überzeugen, ist nicht leicht. Aber wir brauchen diese große und attraktive Energie für die Wärmewende.

  • Uhrig Energie hat nach eigenen Angaben über 140 Projekte realisiert.

Sorgt hier die kommunale Wärmeplanung für Impulse?

Die Abwasserwärme steht im Gesetz zur kommunalen Wärmeplanung. Das ist gut. Wir sehen, dass viele Städte das jetzt ernsthaft prüfen. Doch es mangelt ein wenig an Grundwissen. Aber woher soll das kommen? Daher ist es uns ein Anliegen, dass Politik hier eingreift. Beispiel NRW: Dort gibt es ein Ausbauziel für Abwasserwärme und eine Initiative, die Wissen und Grundregeln vergemeinschaftet. Das bringt uns weiter.

Warum setzt sich die Technologie bislang nicht flächendeckend durch?

Der Bekanntheitsgrad ist zu niedrig und wir haben noch lange nicht alle Kanalnetzbetreiber an Bord. Ändert sich das, dann kommt der Rest von allein.

Wie sind Kanalnetzbetreiber typischerweise organisiert? Sind sie Teil der Stadtwerke?

Die Stadtwerke Leipzig als Beispiel haben alles unter einem Dach. Das ist relativ einfach, denn sie müssen sich nicht mit externen Akteuren koordinieren. Ist nicht alles unter einem Dach, dann müssen wir mit beiden reden. Mit der Stadtentwässerung, weil wir Zugang zum Kanal brauchen, und mit den Stadtwerken, weil sie dann das Projekt finanzieren und die Wärme verkaufen.

"Wir werden die Wärmewende nicht allein mit Luftwärmepumpen und Fernwärme stemmen können."

Wie erleben Sie die Konkurrenz mit der Fernwärme?

Manchmal sind wir Konkurrenz, nämlich dann, wenn in einer Straße mit einem großen Abwasserkanal schon Fernwärme liegt. Gut für den Kunden. Oft geht es aber auch zusammen, indem zum Beispiel Abwasser die Grundlast und Fernwärme die Spitzenlast abdeckt. Auch eine Option ist, Fernwärme mit Abwasser aus Kanälen oder von Kläranlagen zu dekarbonisieren.

Fernwärme wird ein wichtiger Baustein für die Wärmewende, aber wenn man bedenkt, dass Fernwärme heute alles andere als grün ist und nur 15 Prozent des Marktes abdeckt, dann kann man sich die Herausforderung vorstellen. Wir werden die Wärmewende nicht allein mit Luftwärmepumpen und Fernwärme stemmen können. Luftwärmepumpen eignen sich sehr gut für Ein- oder Zweifamilienhäuser. Fernwärme erlaubt, ganze Stadtteile zu versorgen, aber sie muss erst mal gebaut werden. In dem riesigen Feld dazwischen, beispielsweise auf Quartiersebene, werden andere Lösungen wie Abwasserwärme gebraucht.

Das Interview führte Artjom Maksimenko