Luftbild des Neubaugebiets, oben links die weiße Technikzentrale sowie die Obstwiese, in der der die Erdsonden verlegt sind. Bild: Ewa Riss

Ewa Riss setzt auf kalte Nahwärme

Neue Wege bei der regenerativen Wärmeversorgung geht die Ewa Riss, Biberach/Riß. Kalte Erdwärme heizt eine ganze Siedlung.

Die Effizienztechnik ist bis zu 200 Meter tief im Boden einer Obstwiese versteckt: 34 Sonden, die die Erdwärme ganzjährig mit einer Temperatur von 12 ᵒC anzapfen. In ihnen zirkuliert ein Wasser-Glykol-Gemisch, das die Wärme aufnimmt und in einen oberflächennahen Verteiler bringt. 45 Niedrigenergiehäuser des Neubaugebiets Hochvogelstraße in Biberach werden in Bälde an das kalte Nahwärmenetz angeschlossen sein. Handelsübliche Wärmepumpen in den einzelnen Haushalten erhöhen das Temperaturniveau auf 35 ᵒC zum Heizen und auf bis zu 65ᵒ C für die Warmwasserbereitung. "Für noch höhere Temperaturen können die Wärmepumpen mit einem Heizstab ausgestattet werden", erklärt Frank Schmid, Projektingenieur beim städtischen Versorger Ewa Riss. Wenn hierfür regenerativer Strom verwendet werde, gehe der CO2-Ausstoß gegen Null.

Aus Sicht von Dietmar Geier, Geschäftsführer der Ewa Riss, bietet die kalte Nahwärmeversorgung etliche Vorteile: So sind die Wärmeverluste bei den niedrigen Temperaturen des Wärmenetzes niedriger als bei höheren Vorlauftemperaturen, weshalb auf eine teure Dämmung der Leitungen verzichtet werden könne. Aufgrund der verdichteten Bauweise mit einer Mischung aus Ein- und Mehrfamilienhäusern sowie Bohrtiefenbeschränkungen sei zudem einen Installation von Erdwärmepumpen auf den einzelnen Grundstücken des Baugebiets nicht möglich gewesen. "Auch eine Verlegung von Gasleitungen kam nicht in Frage", so Geier. Dem stand der geringe Energieverbrauch der nach KfW-70 Standard geplanten Häuser mit einer nur geringen Auslastung eines neuen Gasnetzes entgegen, zudem die Vorgabe der Stadt für eine 100-prozentige regenerative Wärmeversorgung des Baugebiets. Rund 130 000 Tonnen CO2 jährlich spare die kalte Nahwärmeversorgung gegenüber Hauserdgasheizungen mit solarthermischer Unterstützung mit einem Deckungsgrad von 15 Prozent ein, rechnet der Chef der Ewa Riss vor.

Etwa eine Million Euro investierte der städtische Versorger in die Nahwärmeversorgung des Neubaugebiets, Kosten die auf die Abnehmer umgelegt werden. Ein Großteil davon geht auf das Konto der Sondierungen und Bohrungen. "Es klappte zwar alles reibungslos, aber die Planungs- und Bohrkosten der noch jungen Technik sind noch vergleichsweise hoch", räumt Geier ein. Die Jahresvollkosten für die Haushalte lägen voraussichtlich um rund 554 Euro jährlich höher als bei Erdgas plus Solarthermie. Berücksichtige man allerdings die Förderung durch das BAFA sänken die Mehrkosten auf rund 251 Euro jährlich. Dabei sei jedoch auch zu berücksichtigen, dass die Betriebskosten unabhängig von möglichen Preissteigerungen für Gas und Öl seien.

Bedenken einer nur sehr kurzen Nutzungsdauer der kalten Erdwärme tritt Geier entgegen und verweist auf thermische Simulationen, die durchgeführt wurden. Zwar sei nicht auszuschließen, dass das Temperaturniveau im Laufe der Jahre sinke, doch auch dann sei die Wärmeversorgung der Häuser nicht gefährdet. Zudem könne das System in umgekehrter Richtung auch kühlen, indem Wärme aus den Häusern abgeführt und ins Erdreich geleitet wird. Dies ermögliche eine Regeneration des Erdsondenfeldes, das auf eine Nutzungsdauer von 25 Jahren ausgelegt ist. Falls das Erdwärmefeld danach wirklich "erschöpft" sei, könne das Nahwärmenetz trotzdem sinnvoll weiter genutzt werden, unterstreicht Geier. Bis dahin stünden sicherlich "andere optimierte technische Lösungen zur Verfügung", beispielsweise Solarthermie oder Wasserstoff.

Trotz des Neulands, das mit der Wärmeversorgung der Siedlung betreten wird, ist das Interesse von Bauherren hoch, die Grundstücke werden im Losverfahren vergeben. "Die Wärmewende wird immer wichtiger, deshalb wollen wir in diesem Bereich zunehmend Know-how aufbauen", betont Geier. Man prüfe derzeit, das Nahwärmenetz in der historischen Biberacher Altstadt, im Areal des städtischen Busbetriebshofes sowie eines städtischen Kindergartens zu erweitern. (hcn)