Einen sozial ausgewogenen CO2-Preis, um unter anderem die klimaschädlichen Emissionen der Kohlekraftwerke zu verteuern, fordert German Watch. Bild: © Bernd Sterzl/Pixelio

Sind 20 Euro pro Tonne drin, wie viel noch?

Das Recht, eine weitere Tonne CO2 auszustoßen, kostet Kraftwerksbetreiber seit Donnerstag über 20 Euro. Im Kontext der Energiepreisrallye fragt sich jeder, wie weit die Reise nach oben gehen könnte – und was das fürs Klima bedeutet. Enervis widerspricht teilweise einer Studie von Carbon Tracker.

Der CO2-Handel hat am Mittwoch eine Preisdelle hingelegt: Der Referenzkontrakt Dezember an der CO2-Leitbörse EEX verbilligte sich im Abrechnungspreis etwas: von 21,30 auf 20,69 Euro. Gleichwohl hat die 20 vor dem Komma erst mal Bestand gehabt. Und die stürmische Verteuerung der Treibhausgas-Ausstoßrechte (EUA) seit Mai 2017 um mehr als das Vierfache auf ein Zehn-Jahres-Hoch die Stunde der Studien und Gegenstudien.

Warum es gerade beim CO2-Handel Studien und Gegenstudien gibt

Gerade das zentrale Klimaschutzinstrument der EU, der Treibhausgashandel, steht im Kreuzfeuer von Denkfabriken und Ökopolitikern. Die dem Ordnungsrecht nahestehenden Kritiker sagen, ein niedriger CO2-Preis reize nicht zu grünen Investitionen an. Die marktwirtschaftlich orientierten Verteidiger hingegen verweisen darauf, das Europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS) habe seine Minderungsziele noch immer punktgenau erreicht, was man von nationalen Reduktionszielen nicht behaupten könne, und es sei doch erfreulich, wenn diese so günstig schon durch einen Brennstoffwechsel bivalenter Kraftwerke von Öl oder Kohle auf Gas erreicht werde statt durch Investitionen in Neuanlagen. Diese Debatte dürfte nun neu und anders aufleben.

Enervis: ab 35 Euro starke Dekarbonisierung – für 40 Euro spricht nichts

Am Mittwoch hat nun Mirko Schlossarczyk vom Berliner Analystenhaus Enervis Energy Advisors per Pressemitteilung zwei Impuls in diese Debatte gegeben, nämlich:

  • bei welchem Zertifikatepreis sich der Kraftwerkspark signifikant dekarbonisiert. Schlossarczyk kam nach Anwendung des Enervis-Strommarktmodells zum Schluss: Notierungen ab 35 Euro pro Tonne CO2 und höher könnten es "bereits kurzfristig zu einer grundlegenden Verschiebung der Stromerzeugungsstrukturen und zu spürbar geringeren CO2-Emissionen im Kraftwerkspark führen". Bei 35 Euro verdrängten Gas-und-Dampfturbinen(GuD)-Kraftwerke mit einem elektrischen Wirkungsgrad von 55 Prozent und höher Steinkohleblöcke mit Wirkungsgraden kleiner 39 Prozent in der Gebotsreihenfolge am börslichen Strommarkt. Bei 40 Euro fielen sogar Kohleblöcke mit Wirkungsgraden unter 42 Prozent aus der Merit Order. Obwohl die Braunkohlekraftwerke wegen ihrer niedrigen Grenzkosten ständig weiterproduzieren würden, würde sich die gesamte Kohlestrommenge um mehr als 30 Prozent verringern, und insgesamt würden fossil befeuerte Kraftwerke nur noch "in etwa" 90 Prozent ihrer bisherigen CO2-Emissionen des Kraftwerksparks ausstoßen.
  • Aus fundamentaler Sicht, das heißt, nach den Fundamentaldaten von Angebot und Nachfrage, deute nichts auf massiv steigende CO2-Preise in Regionen um 40 Euro pro Tonne bis 2030 hin. Damit widerspricht Schlossarczyk der Denkfabrik Carbon Tracker. Diese hatte vor gut einer Woche in einer Studie einen CO2-Preis zwischen 35 und 40 Euro pro Tonne schon von nächstem Jahr bis 2023 für möglich gehalten. Enervis dagegen verweist auf andere Studien, die prognostizieren, dass der Zertifikateüberhang noch bis Ende der 20er Jahre anhält, auf den weiteren europaweiten Ausbau der Kraftwerke mit erneuerbaren Quellen und auf einen "möglichen politisch indizierten Kohleausstiegspfad in Deutschland" – Stichwort Kohlekommission. (geo)