Dieser LNG-Lastwagen mit einem Modell aus Eis des Reichstagsgebäudes fungierte als Startevent der Kampagne von Zukunft Erdgas. Bild: Ralf Guenther

Angriff auf die Kohle

Erdgasbranche macht die Klimafreundlichkeit des Energieträgers in großer Kampagne deutlich.

Die Erdgasbranche macht mobil: In einer groß angelegten Kampagne mit Anzeigen und einem Auftaktevent in Berlin will die Branche auf die Klimafreundlichkeit des Energieträgers im Vergleich zu anderen fossilen Energieträgern hinweisen. Als Aufhänger nahm die Branche die auf heute terminierte Genehmigung des Klimaschutzplanes 2050, die von der Regierung kurzfristig vertagt wurde.

Bekanntlich lautet das Ziel für 2020, 40 Prozent weniger CO2 zu emittieren als 1990. Doch dieses Ziel wird Deutschland nicht erreichen. Nach jetzigen Prognosen ist eine Reduktion um 30 Prozent möglich. Auch die jetzt vertagte Entscheidung für den Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung zeige, dass der politische Wille in Berlin für dieses Thema nicht sonderlich ausgeprägt sei. Derzeit liegt die Reduktion bei 28 Prozent.

Unter dem Slogan "Der Klimawandel wartet nicht" hat nun die Erdgasbranche mit der Unterstützung von etwa 120 Unternehmen die Kampagne gestartet. Als Hauptmotiv dient ein unter Wasser stehendes Reichstagsgebäude. Relativ deutlich positioniert sich die Branche nun gegenüber dem direkten Konkurrenten Kohle, da Kohlekraftwerke neben dem fossil betriebenen Verkehrssektor die Hauptemittenten von CO2 in Deutschland sind (zusammen etwa 80 Prozent). Dr. Timm Kehler, Vorstand von Zukunft Erdgas, geht in die Offensive: "Wir brauchen eine Kohleausstieg deutlich vor 2040." Noch immer wird in Deutschland 40 Prozent der Energie über Kohlemeiler erzeugt. Schon jetzt muss ein fairer Weg für den Ausstieg eingeleitet werden. Erdgaskraftwerke nähmen nur einen Anteil von neun Prozent ein und rentieren sich derzeit nicht, obwohl sie 70 Prozent weniger CO2 emittieren als Kohlemeiler.

Auch im Verkehrssektor, dem zweiten großen CO2-Emittenten, muss Erdgas eine größere Rolle spielen. Hier bemängelt die Erdgasbranche das halbherzige Vorgehen der Bundesregierung mit der Steuerbegünstigung für Erdgasfahrzeuge. Laut Koalitionsvertrag sollte diese Steuerbegünstigung eigentlich über 2018 fortgeschrieben werden. Doch die Perspektiven sehen düster aus: "In dieser Legislaturperiode wird dies wohl nicht mehr erfolgen", glaubt Kehler. Diese Unsicherheit wirke sich "psychologisch" negativ aus auf Interessenten für Erdgasfahrzeuge. Dabei habe Erdgas einen "Klimavorteil": Im Vergleich zum Benziner emittieren Erdgasfahrzeuge 18 Prozent weniger CO2. Wird Biomethan benutzt, und das ist bereits bei 20 Prozent des Erdgasabsatzes im Mobilitätssektor der Fall, so liege die Einsparung bei 100 Prozent. Darüber hinaus gibt es bei Erdgasfahrzeugen keinen Feinstaub und Stickoxide.

Kein gutes Haar ließ die Branche auch an der "Elektrifizierungs"-Strategie der Bundesregierung, die im Entwurf des Klimaschutzplans 2050 festgeschrieben ist. Will heißen: Der gesamte Mobilitäts- und Wärmesektor soll in ferner Zukunft über Strom betrieben werden. Bei diesem Ansatz wäre der Strombedarf immens: Schon jetzt liege die Stromlast in Deutschland bei etwa 80 GW. Der Wärmesektor benötige aber ein Vielfaches an Strom, nämlich etwa 360 GW. Addiere man nun den Verkehrssektor mit weiteren 50 GW hinzu, so wäre dies eine Last von über 400 GW. Man müsse also den derzeitigen Stromerzeugungspark um den Faktor fünf vergrößern. Über die Kosten und die Finanzierung dieses Schritts wurde bislang nichts veröffentlicht.

"Elektrifizierung ist kein Allheilmittel", beteuerte denn auch Dr. Gerhard Holtmeier, Mitglied des Vorstands der Thüga. Es sei vielmehr eine Weg in die Sackgasse. Sinnvoll in diesem Kontext wäre die Nutzung von bestehenden Erdgasstrukturen. Deutschland verfügt über ein Gasinfrastruktur wie kaum ein anderes Land. 500 000 km Gasleitungen versorgen Kunden auch bei Temperaturen im Minus-Bereich zuverlässig. 80 Prozent der Infrastruktur liegen dabei in den Städten. Moderne Gastechnologien wie Power to Gas könnten den überschüssigen Strom der Erneuerbaren problemlos ins Erdgasnetz transferieren. Doch Endverbraucher-Umlagen machen diese Technologien im Moment nicht wirtschaftlich. Bei der bisherigen Entwicklung der Energiewende habe die Regierung nur eindimensional auf den Stromsektor geschaut, so Holtmeier. Sinnvoller wäre ein Vorgehen im Sinne der Sektorkopplung.

Als falsches Signal bewertet die Branche ebenfalls den dieses Jahr aufgekommenen Gedanken eines Ausstiegs aus dem Gas im Wärmebereich. So sollten eher Anreize für die Modernisierung der Heizungen geschaffen werden, um die CO2-Emissionen zu senken, statt Verbote zu erlassen. Die Erneuerungsquote im Heizungssektor liege derzeit bei einem Prozent. Sinnvoll wären aber Raten von drei bis vier Prozent. Steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für energetische Sanierung oder Abwrackprämien für Heizungen würden dem Bereich einen Schub geben und die Emissionen sinken lassen. Generell sprach sich die Branche für einen technologieoffenen und kosteneffizienten Pfad bei der Energiewende aus.

Die Anzeigenkampagne von Klima 2020 läuft noch bis Ende des Jahres. Zum Auftakt der Kampagne wurde ein Reichstagsgebäude aus Eis erstellt, dass auf einem Lastwagen durch Berlin gefahren wurde und im Laufe des Tages zu schmelzen begann. Ziel der Kampagne ist, den Stellenwert von Erdgas für einen klimaeffizienten Energiemix der Zukunft in der Öffentlichkeit zu verankern. (al)