In Karlsruhe wurde im vergangenen Jahr die zweite Stufe der Nutzung von Prozessabwärme der Mineralölraffinerie Oberrhein (Miro) für die städtische Fernwärmeversorgung in Betrieb genommen. Bild: © Stadtwerke Karlsruhe/Uli Deck

Rückenwind für Nah- und Fernwärme

Die KEA Baden-Württemberg verweist auf technische Fortschritte, eine höhere Förderung und regionale Initiativen für Wärmenetze.

„Technische Fortschritte können die leitungsgebundene Wärmeversorgung jetzt weiter voranbringen“, sagt Helmut Böhnisch, Leiter des Kompetenzzentrums Wärmenetze.

Die KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg verweist darauf, dass etwa dreifach gedämmte Stahl-Doppelrohre, die erst kürzlich auf den Markt gekommen sind, die Wärmeverluste gegenüber konventionellen Rohren auf die Hälfte reduzierten. Bessere Steuerungs- und Regelungstechniken sowie eine größere Temperaturspreizung könnten die Netzverluste zusätzlich minimieren. „So lässt sich der hydraulisch bisher als schwierig eingeschätzte Betrieb von Wärmenetzen mit mehreren Einspeisepunkten oder mit dezentralen Pufferspeichern durch Einsatz moderner Regelungstechnik mittlerweile gut beherrschen“, so Bönisch. Dadurch sei es möglich, die Rohrleitungsquerschnitte zu reduzieren. Das spare Material, senke die Netzverluste und verringere die Kosten.

Ein Forschungsprojekt, das die Hochschule München in Kooperation mit den Stadtwerken München durchgeführt hat, brachte ebenfalls gute Ergebnisse. Dort konnte die Rücklauftemperatur von Hausstationen in Mehrfamilienhäusern deutlich reduziert werden. Im Rahmen des Projekts wurden Anlagen zur Trinkwarmwasserbereitung in Mehrfamilienhäusern optimiert. Die von der Hochschule entwickelten Anlagen schaffen es trotz Zirkulation, Rücklauftemperaturen im Bereich zwischen 16 und 30 Grad Celsius zu erreichen. Bislang waren oft 50 bis 60 Grad üblich. Ist die Differenz zwischen Vorlauf- und Rücklauftemperatur, die sogenannte Temperaturspreizung, größer, kann mit weniger Pumpstrom mehr Energie transportiert werden und sowohl die Netzverluste als auch die Kosten sinken.

Bönisch verweist darauf, dass eine bessere Förderung im Südwesten zudem die Investitionskosten senkt. Neben zinsgünstigen Darlehen und Tilgungszuschüssen der KfW gibt Baden-Württemberg für den Ausbau der Wärmenetzinfrastruktur seit diesem Jahr insgesamt 8,8 Millionen Euro Fördergeld hinzu. Investitionen von Landkreisen, Städten und Gemeinden etwa werden vom Land mit bis zu 400 000 Euro unterstützt. Hinzu kommen Gelder für regionale Netzwerkinitiativen und Klimaschutzteilkonzepte mit dem Schwerpunkt Wärmenetze. Das Förderprogramm soll mit dazu beitragen, den Anteil erneuerbarer Wärme von heute 14 Prozent auf 21 Prozent im Jahr 2020 anzuheben.

Die Nachfrage ist hoch. In den ersten beiden Antragsrunden bewilligte das Land von 22 Anträgen insgesamt elf. Unter anderem werden mit dem Förderbetrag von insgesamt 1,72 Millionen Euro sieben Bioenergiedörfer unterstützt, in denen überschüssige Wärme aus bestehenden Biogasanlagen in neu errichtete Nahwärmenetze eingespeist werden soll.

Nicht zuletzt bringen engagierte regionale Initiativen den Ausbau der Wärmenetze in Städten und Gemeinden voran. In Baden-Württemberg etwa gibt es inzwischen acht solcher Initiativen, drei weitere stehen vor ihrer Gründung. Sie erhalten vom Land eine finanzielle Förderung über einen Zeitraum von drei Jahren. Das Kompetenzzentrum Wärmenetze unter dem Dach der KEA führt die Arbeit der regionalen Initiativen in einem landesweiten Netzwerk zusammen. Damit können Personalkapazität und Ressourcen gebündelt und die Wirksamkeit insgesamt erhöht werden.

Die jüngsten technischen und finanziellen Fortschritte werden die klimafreundliche Wärmeversorgung ein gutes Stück voranbringen, glaubt Böhnisch. „Wärmenetze könnten künftig in den Kommunen so selbstverständlich werden wie die Abwasserleitungen, hier besteht ja auch niemand auf eine eigene Kläranlage im Keller.“ (hcn)