10 Prozent wollen raus: Mitarbeitende drängen in internationale Projekte

Gemeinsame Labortests im Rahmen des fachlichen Austauschs zwischen Kashwasa, einem Wasserversorger in Kahama-Shinyanga (Tansania), und Hamburg Wasser im Trinkwasserlabor Ihelele.
Bild: © Ezat Hanif Kaserkandi‘s
Das Engagement kommunaler Unternehmen in der Entwicklungszusammenarbeit kann, neben der Hilfe vor Ort, auch die Fachkräfteentwicklung fördern und die Attraktivität kommunaler Arbeitgeber steigern. Eine Möglichkeit für eine solche Beteiligung bietet das Projekt "Betreiberplattform zur Stärkung von Partnerschaften kommunaler Unternehmen weltweit", das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums und in Kooperation mit dem Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und German Water Partnership (GWP) umgesetzt wird.
Beim 26. Treffen des VKU-Personalnetzwerks war Lena Pahlenberg, Beraterin für kommunale Entwicklungszusammenarbeit beim VKU, zu Gast. Ihr Vortrag stieß auf großes Interesse bei den Teilnehmenden, die sich erneut zum kommunalen Austausch über Personal- und Fachkräftethemen trafen.
Ausgehend von der Leitfrage "Was bringt entwicklungspolitisches Engagement für mein Unternehmen?“ stellte Pahlenberg heraus, wie internationale Betreiberpartnerschaften kommunalen Akteuren nutzen können – insbesondere durch eine stärkere Positionierung als wettbewerbsfähiger Arbeitgeber. Im Anschluss vermittelte sie ein direktes ZfK-Interview mit Heiko Heidemann, Projektleiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), der seit Jahren erfolgreich die kommunale Zusammenarbeit in Betreiberpartnerschaften koordiniert.
GIZ-Programmmanager Heiko Heidemann
Bild: © GIZ
Heiko Heidemann
Master of Science (M.Sc.) in Internationaler Agrarentwicklung, arbeitet seit 1995 für die GIZ. Sein regionaler Schwerpunkt liegt auf Afrika sowie Südosteuropa. Er war als Programmkoordinator der Entwicklungszusammenarbeit in Lesotho, Tansania und Ghana im Bereich der ländlichen Entwicklung und der Wasserwirtschaft tätig. Seit 2009 ist er in Berlin ansässig und arbeitet dort als Senior Programmmanager der GIZ. Seit 2019 leitet er die Betreiberplattform zur Stärkung von Partnerschaften kommunaler Unternehmen weltweit: www.utility-platform.de.
Herr Heidemann, kommunale Unternehmen sind traditionell in der Daseinsvorsorge vor Ort verankert. Welche Bedeutung hat es für sie, darüber hinaus auch internationale Entwicklungsarbeit zu übernehmen?
Es geht für die Unternehmen unter anderem darum, ihre CSR (Corporate Social Responsibility – also ihre gesellschaftliche Verantwortung) wahrzunehmen. Einige Unternehmen haben dafür eine entsprechende Strategie in der Entwicklungshilfe entwickelt.
Mit dem Angebot internationaler Projekte können sie junge Fachkräfte anwerben und dafür begeistern, sich zu bewerben. Das ist in Zeiten des Fachkräftemangels eine wichtige Möglichkeit, sich als attraktives Unternehmen zu positionieren.
Die Kosten für das eingesetzte Personal werden vollständig erstattet. Das bedeutet, dass in langfristig angelegten Betreiberpartnerschaften die Möglichkeit besteht, über die Kostenerstattung neues Personal einzustellen. In dieser Hinsicht besteht so Planungssicherheit.
Wie gestaltet sich dieser Austausch konkret?
Ein Erfahrungsaustausch erfolgt durch gegenseitige Arbeitsbesuche auf der Grundlage vorher gemeinsam entwickelter Arbeitspläne. Zu den geplanten Themenfeldern gibt es jeweilige Arbeitsgruppen. Zwischen den Besuchen in Präsenz treffen sich diese Gruppen online zum Austausch, um weiter an den Themen und den damit verbundenen Zielen zu arbeiten.
Was unterscheidet eine Betreiberpartnerschaft von anderen Formen internationaler Zusammenarbeit?
Betreiberpartnerschaften sind ein neues Instrument in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Dabei arbeiten deutsche kommunale oder öffentliche Betriebe – zum Beispiel aus den Bereichen Wasser, Abwasser oder Abfallwirtschaft – direkt mit Betrieben in Partnerländern zusammen.
Diese Partnerschaften ergänzen die Projekte der GIZ. Das bedeutet: Sie unterstützen die laufenden Programme, indem sie praktische Erfahrung aus dem täglichen Betrieb einbringen.
Das Besondere an Betreiberpartnerschaften ist also, dass Fachkräfte aus deutschen Betrieben ihr aktuelles Wissen direkt an Kolleginnen und Kollegen im Partnerland weitergeben. Dadurch wird die Arbeit der GIZ noch wirkungsvoller und nachhaltiger, weil das Wissen in den Partnerländern besser verankert wird.
"Aussagen von Mitarbeitenden gehen dahin, dass sie gerne im Betrieb sind und bleiben möchten – auch wegen der Möglichkeit, sich an internationalen Projekten zu beteiligen."
Inwiefern zeigt sich, dass solche Projekte auch die Attraktivität als Arbeitgeber steigern können?
Es gibt konkrete Fälle, in denen sich Personen bei Betreibern beworben haben, weil es internationale Projekte gibt. Umfragen bei Betreibern ergeben eine hohe Zahl an Mitarbeitenden, die sich gerne an internationalen Projekten beteiligen würden. Aussagen von Mitarbeitenden gehen dahin, dass sie gerne im Betrieb sind und bleiben möchten – auch wegen der Möglichkeit, sich an internationalen Projekten zu beteiligen.
Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Bereitschaft der Mitarbeitenden, sich an internationalen Partnerschaften zu beteiligen?
Nach Umfragen unter großen Betreibern macht dies bis zu 10 Prozent der Beschäftigten aus.
Expertise deutscher Stadtwerke gesucht
Auch für deutsche Energieversorgungsunternehmen gibt es Möglichkeiten, sich entwicklungspolitisch zu engagieren. Im Rahmen des – von der GIZ umgesetzten – German Expert Placement Program werden Mitarbeitende von deutschen Stadtwerken für bis zu drei Monate in Beratungseinsätze bei Energieversorgungsunternehmen in den Partnerländern vermittelt. Derzeit gibt es konkrete Möglichkeiten für Einsätze in Südafrika, der Ukraine und Vietnam. Für mehr Informationen hier klicken: German Expert Placement Programme – ESP
Wie werden die Teilnehmenden auf ihren Einsatz vorbereitet?
Die Betreiberplattform führt die Partner zusammen, bereitet Austausche zum Kennenlernen vor, unterstützt bei der Themenfindung und Arbeitsgruppenfindung beziehungsweise fördert die Moderation der Betreiberpartnerschaften zu Beginn, und begleitet die Betreiberpartnerschaften bedarfsorientiert im Umsetzungszeitraum.
Über das Vorhaben Betreiberplattform haben die Beteiligten die Möglichkeit, Fortbildungen zu Länderkunde oder interkultureller Kompetenz und Zusammenarbeit zu besuchen. Auch weitere Fortbildungen, beispielsweise zur Beratungskompetenz, werden angeboten – oder auch zum Umgang mit Krisensituationen wie in der Ukraine.
Mitarbeitende, die an solchen Kooperationen teilnehmen, bringen oft viele neue Eindrücke mit nach Hause. Welche persönlichen oder fachlichen Entwicklungen beobachten Sie bei den Rückkehrenden?
Die Zusammenarbeit der Peers vor Ort ist meist sehr intensiv. Der fachliche Austausch findet auf Augenhöhe unter sehr hoher Motivation der Beteiligten statt. Die Ingenieure und Techniker sind hier "kaum zu bremsen". Die deutschen Kolleg:innen sind natürlich oft beeindruckt von dem, was sie vor Ort an Anlagen, deren zum Teil schlechtem Zustand und an Austauschbedarfen vorfinden. Das lässt sich zwar nicht auf die Situation in Deutschland eins zu eins übertragen, aber die Technik ist weitgehend vergleichbar, und daher sind Beratung und Austausch leicht möglich.
Neben dem persönlichen Eindruck der Umgebung und der Anlagen nehmen die Deutschen sprachliche sowie kulturelle Kompetenzentwicklung mit. Das Arbeiten mit Kolleg:innen aus einem anderen Kulturkreis erweitert den persönlichen Horizont und die Lebenserfahrungen. Fachlich werden die Beratungskompetenzen erweitert – die Fähigkeit, das eigene Wissen und Können anderen verfügbar zu machen. Ein weiterer Gewinn ist sicher die Verbesserung der Sprachkenntnisse, meist in Englisch.
"Die Kooperation findet auf allen Ebenen statt – von den Technikerinnen und Technikern bis hin zum Management."
Können Sie über kommunale Beispiele berichten?
Sicher, ein gutes Beispiel ist die Partnerschaft zwischen Gelsenwasser, der Emschergenossenschaft/Lippeverband und dem sambischen Wasserversorger Lukanga Water. Diese Zusammenarbeit besteht seit 2021 und hat bereits viele positive Ergebnisse hervorgebracht.
Einige Highlights sind:
- Wiederinbetriebnahme einer Kläranlage in Kapiri Mposhi, die zuvor zehn Jahre stillgelegt war – sie versorgt nun wieder rund 6000 Menschen
- Sanierung der Pumpstation am Mulungushi-Damm in Kapiri Town, die die Wasserversorgung für etwa 65.000 Menschen sicherstellt
- Sanierung und Wiederinbetriebnahme eines Wasserturms in Chisamba, von dem mehr als 15.000 Menschen profitieren
- Verbesserung der Strategie zur Verringerung von Wasserverlusten, einschließlich der Installation von Wasserzählern
- Ausbau des geografischen Informationssystems (GIS), um das Trinkwassernetz besser überwachen und steuern zu können
- Einführung eines Anlagenmanagementsystems (Asset Management System), das hilft, technische Anlagen langfristig effizient zu betreiben.
Die Kooperation findet auf allen Ebenen statt – von den Techniker:innen bis hin zum Management.
Spendenhub für die ukrainische Wasserwirtschaft
Der VKU hat zu Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine einen Spendenhub ins Leben gerufen, um die Aufrechterhaltung der Wasserversorgung der Bevölkerung vor Ort zu unterstützen. Über die Spendenplattform, die gemeinsam mit dem ukrainischen Wasserverband Ukrvodokanalekologiya und der GIZ-Betreiberplattform aufgebaut wurde, können technische Hilfsgüter wie Pumpen, Generatoren oder Ersatzteile gezielt an die frontnahen Betriebe geliefert werden. In enger Abstimmung mit dem ukrainischen Partnerverband Ukrvodokanalekologiya, der die Bedarfe von rund 160 Wasserunternehmen bündelt, stellt der Spendenhub sicher, dass Hilfe dort ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Der Bedarf an Spendengütern ist aufgrund der anhaltenden Kampfhandlungen weiterhin enorm hoch. Aktuelle Bedarfslisten und Informationen zu der Abwicklung der Spenden sind hier zu finden: Wasserwirtschaft hilft Ukraine: VKU
Welche neuen Projekte oder Kooperationen stehen aktuell an?
Interessierte Unternehmen können sich jederzeit an die Betreiberplattform oder auch den VKU wenden, um Beratung zu erhalten. Es ist oft so, dass auf der deutschen Seite mehr als ein Betreiber aktiv ist. So können auch kleinere Betreiber einsteigen und sich beispielsweise im Rahmen einer größeren Partnerschaft auf ein Themenfeld konzentrieren.
Insgesamt fördert die Betreiberplattform aktuell 30 Partnerschaften in den Sektoren Wasser und Kreislaufwirtschaft. In Anbahnung ist momentan eine weitere Zusammenarbeit in der Ukraine (Stadtentwässerungsbetriebe Köln – Dnipro Vodokanal).
Darüber hinaus entstehen derzeit zwei Betreiberpartnerschaften im Sektor Kreislaufwirtschaft, davon eine in Bosnien-Herzegowina (RAD Sarajevo – ZAH Hildesheim) sowie eine in Kooperation mit ausgewählten CARICOM-Mitgliedsstaaten in der Karibik mit dem Beratungsschwerpunkt Kompostierung.
Für eine in Anbahnung befindliche Betreiberpartnerschaft in Armenien wird ein weiterer deutscher Betreiber im Bereich Abwassermanagement gesucht, der Interesse hat, mit einzusteigen. Weiter unterstützt die Betreiberplattform zurzeit drei Bewerbungen deutscher Betreiber für Projekte in Burundi, Sambia und Vietnam im Rahmen der von der Global Water Partnership Alliance (GWOPA) gestarteten Ausschreibung zur Finanzierung von Betreiberpartnerschaften.
Das Interview führte Boris Schlizio
Weitere Einblicke bietet das KOMMUNAL KANN Video zum Thema Betreiberpartnerschaften: So retten wir Trinkwasser in Sambia
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