"Es ist hochgefährlich, wenn Gleichstellung als Bürokratie geframet wird"

Lisi Maier, Direktorin der Bundesstiftung Gleichstellung und Christiane Wolff, Kommunikationsberaterin, Autorin, Moderatorin und Mitglied des Strategiekreises (v.l.)
Bild: © Screenshot ZfK
Von Hanna Bolte
Problematische Internettrends wie die Tradwife-Bewegung und politische Entwicklungen, die Gleichstellungsinstrumente abschaffen sollen, zeigen, wie wichtig es ist, weiterhin über Gleichstellung zu sprechen. Und darüber, welche Strukturen es braucht, damit sich stereotype Rollenbilder und gesellschaftliche Erwartungen nicht weiter verfestigen. Vor diesem Hintergrund ist Lisi Maier, Direktorin der Bundesstiftung Gleichstellung, bereits zum zweiten Mal zu Gast beim ZfK-Frauennetzwerk.
Maier leitet die Stiftung seit 2021 gemeinsam mit Arnd Sauer. Die Bundesstiftung unterstützt Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft, indem sie Informationen bereitstellt, Praxis stärkt und neue Impulse für Gleichstellung entwickelt.
Ihr Engagement für Gleichstellung hat eine lange Vorgeschichte: Maier ist seit vielen Jahren in der Jugend-, Frauen- und Sozialpolitik verankert. Sie studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, war Bundesvorsitzende des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend und Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings sowie stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Frauenrats. Für ihren Einsatz wurde sie 2021 als "Frau Europas" ausgezeichnet und erhielt 2022 die Bundesverdienstmedaille.
Generationsübergreifendes Netzwerken
Bei der Veranstaltung betonte Maier, wie wichtig Netzwerke für ihren beruflichen Werdegang waren und sind – insbesondere, um über Generationen hinweg miteinander verbunden zu bleiben und sich gegenseitig zu unterstützen.
Sie selbst habe viel von engagierten Frauen gelernt, die in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Kämpfe geführt und damit Grundlagen geschaffen hätten, auf denen heute aufgebaut werden könne. "Ich finde es sehr wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass wir auf den Schultern dieser Riesinnen stehen und von dem profitieren, was sie für uns erkämpft haben", sagte Maier.
Die Lücken werden größer
Trotz vieler Fortschritte sei klar: Gleichstellung ist längst nicht erreicht. Es gebe weiterhin deutlichen Handlungsbedarf. Maier brachte zentrale Daten mit, die zeigen, wie groß die Lücken nach wie vor sind.
DerGender Care Gap: Frauen leisten im Durchschnitt rund neun Stunden mehr unbezahlte Sorgearbeit pro Woche als Männer. Addiert man bezahlte und unbezahlte Arbeit, kamen Frauen im Jahr 2022 auf rund 46 Wochenstunden. Männer liegen bei etwa 44,5 Stunden. Frauen arbeiten damit rund eineinhalb Stunden pro Woche mehr.
Entwicklung der letzten Jahre: Die Mehrbelastung von Frauen ist gestiegen. Vor zehn Jahren lag die Differenz bei einer Stunde, heute sind es 1,5 Stunden. Frauen übernehmen also noch mehr Sorgearbeit als früher
Größter Unterschied im Alltag: Besonders deutlich sind die Abweichungen bei klassischen Haushaltstätigkeiten. Beim Reinigen, der Instandhaltung von Wohnräumen oder dem Pflegen von Textilien verbringen Frauen rund 126 Prozent mehr Zeit als Männer.
Unterschiede innerhalb von Deutschland: In den westdeutschen Bundesländern ist der Gender Pay Gap mehr als dreimal so hoch wie in Ostdeutschland.
Altersarmut bei Frauen: Unter Berücksichtigung von Hinterbliebenenrenten und Pensionen liegt der Gender Pension Gap bei 25,8 Prozent, ohne bei 36,9 Prozent.
Diese strukturellen Unterschiede wirken sich nicht nur auf Zeit und Belastung aus, sondern auch auf Einkommen, Karrierewege und Altersvorsorge. "Sieht man sich die Zahlen an, wird klar, warum Altersarmut immer noch ein weibliches Gesicht hat."
Vor diesem Hintergrund, so Maier, müsse Gleichstellung als staatlicher Auftrag ernst genommen werden – gerade dann, wenn politische Entscheidungen wie die geplante Abschaffung des Gleichstellungsberichts in Bayern das Gegenteil suggerieren. "Eine besorgniserregende Entwicklung, die unter dem Deckmantel Bürokratieabbau verargumentiert wird. Wenn Gleichstellung nur noch als Bürokratie geframet wird, ist das hochgefährlich."
Die nächste digitale Session des Frauennetzwerks findet am 15. Januar von 8:30 bis 10:00 Uhr statt. Anna-Theresa Korbutt spricht über "Transformation braucht Mut – Wie die Mobilitätswende gelingen kann". Mehr Informationen finden Sie hier.
Zur Anmeldung zum ZfK-Frauennetzwerk geht es hier.

