Das Braunkohle-Kraftwerk Neurath im Rheinisch-Bergischen Revier. Bild: RWE

Elf-Punkte-Plan zum Kohleausstieg

Agora Energiewende will einen Dialog anstoßen, um einen geordneten Weg der Dekarbonisierung des Stromsektors zu finden.

"Warum ein Kohlekonsens: Deutschland kann nicht Vorreiter bei erneuerbaren Energien sein und gleichzeitig Kohle-Land bleiben." Mit diesen Worten beschrieb Patrick Graichen, Direktor der Agora Energiewende, gestern die Initiative des Thinktanks des schrittweisen Ausstiegs aus der Verstromung fossiler Brennstoffe. Eine der Initiative unterlegte Studie von Enervis Energy Advisors legt nahe, bis 2040 schrittweise aus der Kohleverstromung auszusteigen. Hauptgrund für den Ausstieg sind die CO2-Emissionen.

Um die deutschen Klimaschutzziele für 2030 und 2040 zu erreichen, muss die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken bis 2030 um 60 Prozent und bis 2040 fast vollständig reduziert werden: von heute 260 Terawattstunden auf etwa 100 Terawattstunden im Jahr 2030 und auf weniger als 40 Terawattstunden im Jahr 2040. Da der europäische Emissionshandel selbst bei CO2-Preisen von rund 40 Euro pro Tonne CO2 bis 2040 nicht ausreicht, sind zusätzliche Klimaschutzinstrumente auf nationaler Ebene unumgänglich, so Agora Energiewende.

Die Denkfabrik hat deshalb einen Elf-Punkte-Plan ausgearbeitet: Zuerst soll es zu einem "Runden Tisch Nationaler Kohlekonsens" kommen. Dort soll der Fahrplan festgelegt werden. Im Prinzip sollen ab 2018 max. 3 GW Leistung pro Jahr abgeschalten werden. Die Braunkohle-Vorräte sollen im Boden belassen werden: Im Lausitzer Revier ein Bruchteil, im rheinischen Revier etwa die Hälfte.

Die entgangene Wertschöpfung beläuft sich auf 17,5 Mrd. Euro. Hier regt das Konzept an, einen Fonds in Höhe von 250 Mio. Euro jährlich für Ost und West aufzulegen, um in den Regionen den Strukturwandel zu begleiten.

Der Ausstieg aus der Kohleverstromung führt laut Studie zu einem Anstieg der  Großhandelsstrompreise um etwa 0,3 Cent pro Kilowattstunde.

Kritik kam von der Gewerkschaft: Der Vorsitzende der IG BCE, Michael Vassiliadis, hat die Vorstellungen von Agora als „nicht überzeugend“ zurückgewiesen. Es sei „leider sehr vorhersehbar“, dass ein grüner Thinktank klimapolitische Ziele mit einem weiteren Ausstiegskonzept erreichen wolle. „Deutschland als Standort einer Hochleistungsindustrie braucht andere Prioritäten in der Energiepolitik“, erklärte Vassiliadis. „Unser Weg in der Energiewende muss Innovationen fördern – mit der klaren Priorität, die ungelöste Frage zu beantworten, wie künftig Strom aus erneuerbaren Energien gespeichert werden kann.“ Das sei die entscheidende Voraussetzung für die angestrebte Vollversorgung mit volatilem Wind- und Sonnenstrom.

Rückdeckung für Agora kommt von der SPD: Ute Vogt, Stellvertretende Fraktionsvorsitzende, und Matthias Miersch, Sprecher der Arbeitsgruppe Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit: "Das heute von Agora vorgestellte Konzept zur schrittweisen Dekarbonisierung der deutschen Stromwirtschaft begrüßen wir ausdrücklich. Es ist ein guter Beitrag zur richtigen Zeit. Ziel der Bundesregierung ist es, bis zum Jahr 2050 die Emissionen von Treibhausgasen um bis zu 95 Prozent zu senken. Dieses Ziel ist nur mit einer weitgehend CO2-emissionsfreien Stromwirtschaft zu erreichen."

Weitere Unterstützung erfährt der Plan von den Erneuerbaren. Hermann Falk, Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE): „Wenn man den UN-Klimavertrag von Paris ernst nimmt, müssen wir jetzt einen geordneten Ausstieg aus der Kohleverstromung einleiten. Der Kohlestrom kann und muss zügig durch saubere erneuerbare Energien ersetzt werden. Die Eckpunkte für einen nationalen Kohlekonsens, die Agora Energiewende heute in Berlin vorgestellt hat, sehen einen Kohleausstieg bis 2040 vor. Bei einem vollständigen Ausstieg aus der Kohle müsste der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix im Jahr 2040 bei 93 Prozent liegen. Für eine vollständige Dekarbonisierung wären 100 Prozent erneuerbare Energien im Jahr 2040 nötig – und zu fairen Preisen technisch möglich." Falk fordert deshalb die Bundesregierung auf, den Anteil erneuerbarer Energien im Stromsektor im Jahr 2025 nicht zu deckeln. Geplant sind ein Anteil von 45 Prozent.

Vor der Veranstaltung haben Mitarbeiter der Stadtwerke Bremen (SWB) und Duisburg ("Bremer Runde") mit Plakaten und Infozettel auf eine faire Energiewende hingewiesen. (al)