Von links: Heiko Lohmann (Energate), Anke Tuschek (BDEW), Jörg Müller (Enertrag), Ralph Bahke (Ontras), und Andreas Kuhlmann (Dena) Bild: Manfred Schulze

Sektorkopplung eher noch eine Vision

Podiumsdiskussion beim Ontras-Netzforum zeigt neben dem gemeinsamen Ziel Unterschiede der Interessen auf.

Dass die Energiewende an einem kritischen Punkt angekommen ist, wissen eigentlich alle Akteure. Besonders gilt das im Osten, wo inzwischen der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch bei 49 Prozent liegt – ein Wert, der laut dem Zeitplan in ganz Deutschland in rund zehn Jahren erreicht werden soll. Dass es hier zwar zusätzliche Verwerfungen – vor allem bei den enorm hohen und nur regional umgelegten Netzausbaukosten – gibt, wird zwar von der Wirtschaft seit Jahren heftig kritisiert. Aber dennoch bleibt als positives Fazit, so Boris Schucht vom Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz Transmission, das auch „im größten Laboratorium“ der Energiewende heute die Versorgung sicher sei wie kaum sonst auf der Welt.

Schucht sprach – und das kann schon als Besonderheit gelten – auf dem Netzforum des Ferngasnetzbetreibers Ontras in Leipzig. Dort, wo sich normalerweise Gasnetzbetreiber, Biogas-Einspeiser, Gashändler und -kunden jährlich treffen, stand diesmal der Versuch im Vordergrund, das Zukunftsthema Sektorkopplung zu thematisieren. Denn, da waren sich Schucht und die im nachfolgenden Podiumstalk folgenden Gesprächspartner Dr. Anke Tuschek (Branchenverband BDEW), Andreas Kuhlmann (Dena Deutsche Energieagentur), Dr. Jörg Müller (Enertrag) sowie Ralph Bahke (Ontras Gastransport) völlig einig: Eine technisch und wirtschaftlich sinnvolle Vernetzung von Strom und Wärme sowie die Umwandlung verschiedener Energieformen zwecks Transport, Speicherung und Nutzung ist kein bloßes Ziel der Energiepolitik. Vielmehr sei die Sektorkopplung ein entscheidendes Werkzeug, das darüber entscheide, ob die Effizienz- und CO2-Einsparungsziele erreicht werden.

Dabei geht es nicht nur um das zeitlich fernste der bisher umrissenen Zukunftsszenarien von 2050, wie Schucht in seiner Keynote versicherte, sondern durchaus auch schon um die nähere Zukunft. Denn die bislang installierte Leistung aus Wind- und Sonnenkraftwerken liegt deutschlandweit inzwischen bei mehr als 100 GW, also bereits über der Spitzenlast. Dazu kommen regionale Unterschiede, vor allem im Osten, wo der sehr hohen Erzeugung ein relativ geringer Bedarf gegenübersteht, und Leitungsengpässe in Richtung Süden bestehen. Das legt aber nahe, dem – zeitweilig – überschüssigen Strom eine verstärkte Rolle im Wärme- und Mobilitätsmarkt einzuräumen.

Das freilich findet jener Teil der Branche, die ihr Geschäftsmodell mit Gas verbindet, nur dann akzeptabel, wenn zumindest dem Netz – Ontras allein hat in den letzten vier Jahren hier 550 Mio. Euro investiert – eine entscheidende Rolle für die Energieversorgung zugebilligt wird. Ralph Bahke sieht zwar die zuletzt aus Berlin vernommenen Drohungen, Erdgas bis 2030 aus neuen Wärmeanlagen und Fahrzeugen zu verbannen, inzwischen als praktisch vom Tisch an, will aber dennoch eine Revolution wagen: „Unser Gas in den Leitungen wird nicht grüner, es wird grün“, sagte er.

Was den Enertrag-Vorstand Müller dazu brachte, gleich noch hinzuzufügen, er könne sich auch gut vorstellen, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf einen Paragrafen zusammenzustreichen: „Verbrennungsmaschinen in Verkehr zu bringen, die CO2 ausstoßen, wird verboten!“ fordert er gleich und behauptet, dass mit dem aus Windrädern erzeugter Wasserstoff heute schon reichlich und günstig verfügbar sein könnte – wenn nur die regulatorischen Hürden nicht so hoch seien.

Spätestens hier regte sich unter den Zuhörern dann doch ein wenig Unmut – wissen doch Netzbetreiber und Versorger, dass vor allem die Industrie beim Thema Wasserstoff-Beimischung höchst ablehnend reagiert – von einer vollständigen Umstellung gar nicht zu reden. Dass allerdings dezentrale Anlagen zur Wasserstoff-Erzeugung direkt zur Betankung von Fahrzeugen genutzt werden können, macht Enertrag bereits vor: Die eigene Fahrzeugflotte werde jetzt umgestellt, so Müller. Auf Nachfrage, woher denn das zusätzlich benötigte grüne Gas in seinen Leitungen künftig kommen könnte, bleibt Ralph Bahke allerdings vage und verweist auf Power to Gas (P2G), was aber vielleicht doch methanisiert werden muss. Bahke: „Über die volkswirtschaftlichen Kosten muss man da aber noch reden."

BDEW-Spitzenfrau Anke Tuschek plädiert für ein großes Ziel und das dann folgende Wirken des Marktes. „Wir sollten nicht einzelne Technologien fokussieren, sondern mehr darauf achten, welche Effekte beim Klimaziel pro Euro erreichbar sind“, sagt sie. Das könne dann vielleicht die all-electric society sein – oder ein Mix, bei dem hocheffiziente Gasheizungen und Fernwärme aus Kraft-Wärme-Kopplung noch eine große Rolle spielen. Auch hier sind durchaus einzelne Modelle der Sektorkopplung möglich, etwa das wesentlich effizientere Power to Heat (PtH) – wofür allerdings auch noch nicht alle Hürden, wie EEG-Umlage und Netzentgelte, letztendlich genommen sind.

Oder sogar das eine oder andere Kohlekraftwerk – fügt Andreas Kuhlmann hinzu: „Wir wissen schlicht noch nicht, welche Entwicklungspfade sich durchsetzen werden“. Bislang seien aber die Vorschriften und der wirtschaftliche Rahmen für eine umfassende Sektorkopplung als Werkzeug der Energiewende noch nicht miteinander kompatibel, so der Dena-Geschäftsführer.(masch)