BMWi-Studie zur Versorgungssicherheit bei Gas

Eine Studie evaluiert zwei zentrale Maßnahmen – strategische Reserve und Speicherverpflichtung – zur Verbesserung der Gas-Versorgungssicherheit.

"Die Sicherheit der Erdgasversorgung in Deutschland ist derzeit in hohem Maße gewährleistet", zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Becker Büttner Held im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Darin wird analysiert, wie sich die Gasversorgung noch weiter verbessern lasse. Demnach leisten vor allem Gasspeicheranlagen dazu einen erheblichen Beitrag.

Die Sicherheit werde durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst, heißt es weiter. Dazu gehören externe Einflüsse, wie ein technisch bedingter Komplettausfall eines Importproduktes, politische bedingte Konflikte mit Russland, oder niedrige Speicherfüllstände sowie niedrige Temperaturen von bis zu einem Monat.

Dabei ergibt sich laut Studie, dass sich Lieferausfälle oder Mehrbedarf durch Anpassungen alternativer Bezugsoptionen kompensieren lassen, sofern sie nicht über eine lange Zeit Bestand haben. In der Regel komme es nur dann zu einer Versorgungslücke, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig auftreten. Dabei habe sich gezeigt, dass das deutsche Gassystem von der Höhe der Speicherfüllstände abhängt. "Sollten die Speicher nicht hinreichend gefüllt sein, könnten sich schon bei ungewöhnlich intensiven Winterphasen und bei zusätzlichen technischen Problemen konkrete Versorgungslücken ergeben", heißt es in dem Gutachten. 

Trete ein politischer Konflikt mit einer gleichzeitigen extremen oder dauerhaften Kälteperiode auf, komme es selbst bei normalen Füllständen zu einer Versorgungslücke. Zum Schließen dieser Lücke wären zusätzlich zu den aktuell buchbaren Speicherkapazitäten von 35 TWh ein Speicherneubau in Höhe von 75 TWh – knapp 7 Mrd. m3 – notwendig.

Als zentrale Maßnahmen für Krisenfälle nennt die Studie die "strategische Reserve" als auch die "Speicherverpflichtung". Bei der strategischen Reserve ist ein bestimmter Teil der Speicher den gewöhnlichen Marktmechanismen entzogen und kommt nur in besonderen Situationen außerhalb des Marktes zum Einsatz. Die Mengen werden nicht am Gasmarkt gehandelt, sondern nur im Fall einer Versorgungskrise.

Zu einer strategischen Reserve müsse eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Pflichtmitgliedschaft gegründet werden, heißt es. Mitglieder sollten demnach inländische Produzenten und Importeure sein. Der Aufbau könne grundsätzlich der Eigenverantwortung der Körperschaft übergeben werden. Die Kosten, die sich aus der Bevorratung ergeben, sind von den Mitgliedern nach den von ihnen in den nationalen Markt erbrachten Mengen zu tragen. Der Rückgriff könne durch die Bundesregierung verbunden werden und durch die (Bundes-)Lastverteiler erfolgen.

Da aber die konkrete Freigabeentscheidung eine gewisse Vorlaufzeit in Anspruch nimmt, eigne sich die strategische Reserve nur bedingt bei kurzfristigen, vor allem wetterbedingten Versorgungsstörungen.

Schneller möglich wäre die Freigabe durch eine Zuordnung zum Fernleitungsnetzbetreiber, so die Analyse. Allerdings stoße eine solche Zuordnung bei einer großen Dimensionierung durch ihren erheblichen Aufwand bei den Fernleitungsnetzbetreibern an ihre Grenzen. Die Studie rät daher, eine eigenständige Organisation, wie etwa einen Erdgasbevorratungsverband mit dieser Aufgabe zu betreuen.

Die Kosten hängen von der konkreten Dimensionierung ab. Bei einem politischen Konflikt mit einem Ausfall sämtlicher Gaslieferungen aus einem Bezugsland über einem Monat bei geringen Speicherfüllständen und einer langanhaltenden Kälteperiode liegen die Kosten jährlich bei etwa 1,6 Mrd. €, heißt es weiter. Bezogen auf die nächsten 25 Jahre bedeutet das 40 Mrd. €. Bei einer kleineren Dimensionierung bei einem Füllstand von 30 % im Februar und einer kurzen Extremkälte von einer Woche ergeben sich Gesamtkosten in Höhe von knapp 380 Mio. € jährlich. Für den Zeitraum von 25 Jahren bedeutet das etwa 9,5 Mrd. €. Für Haushaltskunden würden die Kosten bei einer kompletten Weitergabe und sonst gleichbleibenden Entgelten je nach Dimensionierung zwischen 0,6 und 2,4 % wachsen. Der Großhandelspreis würde zwischen 1,2 und 5,2 % steigen.

Bei der Speicherverpflichtung müssen die Marktteilnehmer eine bestimmte Menge Gas zu einem oder mehreren spezifischen Zeitpunkten einspeichern, bzw. eingespeichert halten. Somit wäre stets ausreichend Gas zur Krisenvorsorge vorhanden. In fast allen Versorgungskrisen könnten so Krisen vermieden werden, außer es komme zu einem vierwöchigen Ausfall eines wichtigen Grenzübergangpunktes oder einem politischen Konflikt mit einer extremen oder dauerhaften Kälteperiode.

Die Verpflichtung sollte vorzugsweise bei den Bilanzkreisverantwortlichen liegen und sowohl zu Beginn (November) als auch zum Ende (Februar) der Ausspeicherperiode greifen. Dem gegenüber steht, dass ein Großteil der bestehenden Speicherkapazitäten derzeit gebucht ist. Eine kurzfristige Erfüllbarkeit sei damit nicht sichergestellt, weitere Maßnahmen wären nötig.

Die Kosten für eine Speicherverpflichtung liegen je nach Dimensionierung bei einer Anfangsinvestition von etwa 560 Mio. €; die jährlichen Kosten würden 133 Mio. € pro Jahr betragen. Im Zeitraum von 25 Jahren liegen diese bei fast 4 Mrd. €. Mit diesem Ziel-Füllstand ließe sich ein Gasmangel durch eine kurze Extremkälte von sieben Tagen absichern. Bei einer dauerhaften Kälteperiode, die darüber hinaus mit einem technisch bedingten vierwöchigen Ausfall eines wichtigen Grenzübergangpunktes zusammenfallen würde, müssten Anfangsinvestitionen in Höhe von etwa 1,7 Mrd. € sowie jährliche Kosten von 355 Mio. € getätigt werden. Auf 25 Jahre bezogen, ergeben sich Kosten in Höhe von etwa 10,6 Mrd. €.

Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass sich vor allem bei einer Speicherverpflichtung negative Auswirkungen auf den Gas- und Speichermarkt ergeben. Zwar würden bestimmte Mindestfüllstände gesichert, aber erhebliche Einschränkungen des Gas- und Speicher-/Flexibilitätsmarktes damit einhergehen. Ein funktionierender europäischer Speichermarkt mit preisgetriebenen Ausspeicherungen, um einer eventuellen Mengenknappheit entgegenzuwirken, sei damit deutlich eingeschränkt.

Im Falle einer strategischen Reserve seien die Marktauswirkungen "deutlich geringer". Vor allem, weil eine solche Reserve erst bei einem Marktversagen wirksam werde. Bei beiden Varianten würden dem Speichermarkt allerdings Kapazitäten entzogen. Der regulatorische Eingriff und die rechtliche Umsetzung seien in beiden Optionen umfangreich. Gesetzliche Regelungen des EnWG, GasNZV und der GasNEV müssten in weiten Teilen ergänzt werden.

Darüber hinaus gebe es alternativ oder auch ergänzende Maßnahmen wie etwa eine Anpassung hinsichtlich des geschützten Kundenkreises oder eine Nachweispflicht, wie die Verpflichtungen zu erfüllen sind. Auch die Systemsicherheit und Eingriffsmöglichkeiten der Fernleitungs- und Verteilnetzbetreiber sollten im EnWG konkretisiert und geschärft werden, vor allem in Hinblick auf die Kostenanerkennung einer "marktbasierten Maßnahme", die Zugriffsmöglichkeiten auf Speichermengen sowie die Klarstellung der Haftungsfreistellung bei Notfallmaßnahmen. Ferner sollte es ein verstärktes Demand-Side-Management geben, bei dem Marktteilnehmer Lastreduzierung gegen Zahlung einer Prämie anbieten können. Oder eine überarbeitete Bilanzkreisabrechnung, die zusätzliche Anreize liefert den Bilanzkreis ausgeglichen zu halten. Zudem sollten die Fernleitungsnetzbetreiber der Pflicht unterliegen, im Rahmen des Netzentwicklungsplans Gas verschiedene Versorgungssicherheitsszenarien zu modellieren und zu berechnen.

Die Studie betont zum Schluss die sehr hohe Versorgungssicherheit in Deutschland im Gesamtbild. Aus Sicht der Gutachter ist es empfehlenswert, vor Umsetzung einer der beiden dargestellten Optionen mit den ergänzenden und alternativen Maßnahmen das Sicherheitsniveau zu erhöhen und einem kontinuierlichen Monitoring zu unterziehen. Damit würde die geringe, aber nicht gänzlich auszuschließende Eintrittswahrscheinlichkeit eines Gasmangels noch weiter verringert. Umfangreiche Veränderungen des Marktdesigns, der einzelnen Marktrollen sowie dadurch ausgelöste volkswirtschaftliche Kosten könnten so zunächst vermieden werden. Die gesamte Studie lässt sich hier herunterladen (externer Link). (sg)