Dr. Norbert Schwieters, Partner, Global Energy, Utility & Mining Leader, PWC AG WPG, Düsseldorf Bild: Euroforum

Dominanz der Flexibilisierung

Auf der Handelsblatt-Tagung sind Flexibilisierungspotenziale ein großes Thema. Feicht: Leistungsmarkt ist keine Subvention.

Dr. Norbert Schwieters von der Unternehmensberatung PWC geht davon aus, dass das Thema Flexibilisierung die Energiewirtschaft künftig dominieren wird. Ein Beispiel ist die flexible Anpassung der Last auf die Erzeugungssituation. "Der Schalter muss umgelegt werden", sagte er auf der Handelsblatt-Jahrestagung Energiewirtschaft in Berlin mit Blick auf die Energieunternehmen. Allerdings hat er den Eindruck, dass viele Unternehmen noch in der "alten Welt" behaftet sind und nicht realisieren, "dass der Zug schon längst aus dem Bahnhof gefahren ist". In diesem Zusammenhang bewertet Schwieters die Entscheidung von Eon als richtig, sich von der alten Welt zu lösen. Die Energiebranche stehe jedoch "erst am Anfang des Transformationsprozesses". Deshalb fordert der Branchenkenner: "Wir brauchen einen Kulturwandel."

Für den Chef der Wuppertaler Energie & Wasser AG WSW und Vizepräsident des VKU, Andreas Feicht, gibt es hier einen Denkfehler. Der Energieverbrauch müsse zwar flexibilisiert werden, allerdings müsse sich dies auch für den Kunden rechnen. Um diese Flexibilitäten anzureizen, ist nach Ansicht von Feicht der Leistungsmarkt das geeignete Modell. Der Kunde bzw. der Energievertrieb sei hier gefordert, entsprechende Zertifikate für Kapazitäten einzukaufen. "Damit bekommt Flexibilität einen Wert", sagte Feicht in Berlin. Dagegen sei beim Modell des Energy-only-Marktes nur in wenige Stunden eine "Peak"-Situation gegeben, mit der Folge, dass der Wert der Flexibilität so abnehme. Diesen Umstand nicht zu erkennen, sei ein wesentlicher Fehler des Grünbuchs, das das Bundeswirtschaftsministerium kürzlich zum Thema Marktdesign vorgestellt hatte.

Auch die Einschätzung des BMWi hinsichtlich der Kosten teilt Feicht nicht. Ein dezentraler Leistungsmarkt stelle per se kein Subventionstatbestand dar. Klar sei auch, dass ein Leistungsmarkt sich nicht nur auf Anlagen in Deutschland beschränken dürfe. Wichtig ist, so Feicht: "Wir müssen Entscheidungen für ein robustes Modell treffen, das auch eine gewisse Zeit hält."

Mit Sorge betrachtet der WSW-Chef aber das Bestreben der EU einen Kapazitätsmarkt über alle Länder hinweg gesamteuropäisch aufzustellen. Die Aufgabe der EU sei es vorwiegend auf Kompatibilität einzelner Regelungen mit den Binnenmarktrichtlinien zu achten.

Auch Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers Tennet sieht eine länderübergreifend einheitliche Regelung kritisch. "Wir haben verschiedene Situationen in Europa", sagte er in Berlin. So sei etwa der in Frankreich geplante Kapazitätsmarkt anders ausgerichtet als der bereits bestehende in Großbritannien. Auch der Anteil der erneuerbaren Energien sei in den EU-Ländern "komplett unterschiedlich". Kritisch bewertet Hartman zudem den hohen Zeitbedarf für eine europäische Lösung. "Wir haben nicht viel Zeit für eine Entscheidung. Wir müssen Tempo machen", fordert er. Kapazitätsmarkt hin oder her, klar ist für Hartman auf jeden Fall: "Netze brauchen wir immer, diese müssen wir bauen." (mn)