Diskutierten über die dezentrale Energiewelt (v. l.): der Stv. VKU-Hauptgeschäftsführer Michael Wübbels, der Direktor des Fraunhofer IWES Prof. Clemens Hoffmann, Siemens-Manager Manfred Sieger und der Vorstand der Städtischen Werke Kassel Dr. Thorsten Ebert. Bild: ZfK/mn

Kraftwerke als Sicherheitsgurte

Auf der Erzeugungskonferenz des VKU in Kassel standen die Themen Dezentralität und Residuallast im Fokus. Kraftwerke als Teil der Netzinfrastruktur.

Prof. Clemens Hoffmann ist sich sicher: Gasturbinen werden noch dauerhaft vor allem zur Rückverstromung von Gas aus Power-to-Gas-Anlagen benötigt, betonte der Leiter des Fraunhofer IWES bei der Podiumsdiskussion "Chancen und Grenzen dezentraler Erzeugung" auf der 4. Erzeugungskonferenz des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) in Kassel. Auch die Einschätzung von Dr. Thorsten Ebert, Vorstandsmitglied der Städtischen Werke geht in diese Richtung. Das Unternehmen aus Kassel hat in einer Studie ein Szenario entwickelt, wie sich in seinem Versorgungsgebiet ein Anteil von 80 Prozent Ökostrom mit der Residuallastabdeckung über ein Gaskraftwerk realisieren lässt.
Ebert wundert sich sowieso über die grundsätzlichen Diskussionen zur Realisierung der Energiewende. "Ich weiß gar nicht, wo das Problem liegt. Wir haben alle Optionen." Die Energiewende ist aus seiner Sicht deshalb auch keine zu beantwortende Technologiefrage, sondern eher ein Konflikt unterschiedlicher Interessen.

Manfred Sieger, Leiter Power and Gas bei Siemens Deutschland beobachtet derzeit noch keine Bewegung auf dem Markt für flexible Gasanlagen, trotzdem "alle wissen, dass diese zur Peakload-Abdeckung benötigt werden". Der Siemens-Manager verweist dabei auf den Kostenaspekt. Während Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen künftig noch auf 3000 bis 4000 Betriebsstunden pro Jahr kommen werden, spiele etwa der Wirkungsgrad bei den ungekoppelten Peakloadern mit Einsatzzeiten von 300 bis 400 Stunden keine Rolle.

Für Prof. Hoffmann gehören diese die Systemstabilität und Versorgungssicherheit stützenden Kraftwerke künftig eher zur Netzinfrastruktur und weniger in den freien Markt. Die Ermittlung eines Marktpreises gestalte sich hier als problematisch. Sein Argument: "Einen Sicherheitsgurt bepreise ich auch nicht wie häufig ich ihn benutze." Die Kraftwerke dem freien Marktgeschehen zu überlassen sei daher nicht sinnvoll.

Diese Überlegungen unterstützt Prof. Peter Birkner, Geschäftsführer des hessischen Thinktanks House of Energy. Kraftwerke, die weniger als 1000 Stunden im Jahr laufen, könnte man auch als Bestandteil zur Netzinfrastruktur hinzunehmen, ähnlich wie ein Trafo. Allerdings handelt es sich bei diesem Vorschlag wohl noch nicht um ein ausgearbeitetes Konzept. Darüber, wie dies genau aussehen könnte, "müssen wir noch etwas nachdenken", gibt Birkner zu.

Ein weiteres Thema der Diskussionsrunde war die europäische Dimension der Energiewende. Für Siemens-Manager Sieger ist die Situation hier klar: "Wenn wir keine europäische Lösung hinbekommen, werden wir uns im Kreis drehen", prophezeit er. Grundsätzlich sollte auch die europäische Energiepolitik einen stärkeren Fokus auf die Wärme legen. Allerdings warnt er hier vor einer zu starken Ausprägung der Dezentralität. Man müsse aufpassen, dass bei der Wärme nicht dasselbe passiere wie beim Strom, mit PV-Anlagen "auf jedem Haus".

Der stellvertretende VKU-Hauptgeschäftsführer, Michael Wübbels, beobachtet in Europa eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland. "Auch Europa ist auf einem Regulierungstrip", so seine Wahrnehmung. Die europäische Regulierungsbehörde Acer befasse sich schon lange nicht mehr nur mit Regulierungsfragen rund um die Energienetze. Acer mische sich auch in die Erzeugung ein, etwa bei den Kapazitätsmechanismen oder bei der Regulierung des Energiehandels.
Sowohl hierzulande als auch in Europa habe man es mit "Mischsystemen" zu tun. Zunächst dominiere in Grünbüchern die Vorgabe zur marktwirtschaftlichen Lösung und Marktkonformität, in der Umsetzung komme es dagegen zunehmend zu staatlichen Eingriffen in den Energiemarkt. Wübbels erwartet, dass diese Art der "Nachsteuerung" noch in den nächsten Jahren Bestand haben wird.

Für den Vorstand der Städtischen Werke ist Marktwirtschaft "kein Selbstzweck, sondern sie soll uns zum gewünschten Ziel bringen", betonte Ebert auf der Konferenz. "Das wird in Europa häufig vergessen", beklagt er. Viele Herausforderungen der Energiewende, vor allem im Bereich der Versorgungssicherheit, ließen sich nicht über rein marktwirtschaftliche Konzepte lösen. "Das ist bekannt, aber keiner traut sich dies einzugestehen", so Ebert. Hier sei es manchmal auch notwendig, dass die Branche die Politik "vor sich hertreibt". Wie etwa beim EEG, wo es das "überschießende System" gebraucht hätte.

Ziemlich einig waren sich die Experten in Kassel, dass die Stadtwerke eine tragende Rolle in der neuen Energiewelt spielen werden. "Unsere Kompetenz ist es, die künftigen dezentralen Systeme energiewirtschaftlich zu betreiben", sagte der Stadtwerke-Vorstand Ebert. Man wolle die "Spinne im Netz dezentraler Anlagen" sein.
Auch Michael Wübbels vom VKU betont die neue Rolle der Stadtwerke. Die Aufgaben im Bereich Systemstabilität ließen sich zudem gut als Kundenbindungsinstrument nutzen. Dazu werde man als Unternehmen die gesamte Palette möglicher Optionen prüfen müssen und das Geschäft werde kleinteiliger. (mn)