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16 Juni 2017 | 11:00

VSE macht beide Kohleblöcke Ensdorf dicht

Von Neujahr 2018 an wird es keinen Kohlestrom mehr aus dem saarländischen Ensdorf geben. Das liegt letztlich an einer Spezialregelung des EEG.

VSE hat entschieden, beide Blöcke des Steinkohlekraftwerks Ensdorf bei Saarlouis zum 1. Januar 2018 zu schließen. Der saarländische Regionalversorger rechnet auch nicht damit, dass der Übertragungsnetzbetreiber Amprion die Anlagen in die Kaltreserve überführt. Die Kraftwerksbelegschaft wird weitgehend sozialverträglich aufgelöst. Das geht aus einer gemeinsamen Pressemitteilung mit den beiden Pächtern von Block 3, Saarstahl AG (SAG) und Saarschmiede GmbH Freiformschmiede (SSF), hervor.

Anlass zu diesem Schritt war, dass die Pächter diese Woche den Pacht- und Betriebsführungsvertrag von 2011 gekündigt haben. Hintergrund ist eine Änderung in den Umlagebefreiungsregelungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes EEG 2017. Demnach war bisher eine Voraussetzung bei stromintensiven Unternehmen, wie es Saarstahl und die Saarschmiede zweifellos sind, die Eigenstromerzeugung. Durch den Pachtvertrag fiel der Strom aus Block 3 darunter. Seit dem EEG 2017 lässt sich aber auch Fremdstrom von der EEG-Umlage befreien. Zum Beispiel der Bezug über den Großhandelsmarkt. Dort bekommen diese Industrieunternehmen die Elektrizität aber günstiger als aus Block 3.

Block 1 kaum noch im Einsatz – Block 3 hätte dasselbe Los

Die VSE müsste nun von 2018 an Block 3 wieder selbst betreiben, wie sie das beim Block 1 schon immer tut. Das wäre für sie aber ein zusätzliches Verlustgeschäft angesichts der niedrigen Großhandelspreise. Während Block 3 für die Stahlerzeugung- und -formung praktisch rund um die Uhr lief, kommt Block 1 wegen der hohen Grenzkosten kaum noch zum Einsatz, sagte VSE-Vorstand Dr. Gabriël Clemens der ZfK.

Diese Entwicklung zeichnete sich bereits 2015 ab. VSE kündigte die Schließung damals für den Fall einer Kündigung des Pachtvertrags an. Um eine Anschlusslösung für die Belegschaft verhandelte VSE bereits seit 2012, kurz nach dem Vertragsschluss, mit den Betriebsräten. Es geht nach VSE-Angaben um 79 Festangestellte. 36 gehen in Frührente, 30 bekommen andere Aufgaben innerhalb der VSE-Gruppe, und für 13 gibt es derzeit kein Angebot. Alle 13 werden von einer Personalvermittlung betreut, um sie zeitnah in eine Anschlussbeschäftigung in der Region zu vermitteln, und sie erhalten Abfindungen. Zehn der 13 nehmen das gesamte nächste Jahr am Rückbau des Kraftwerks teil, einer möchte nach eigener Aussage aufhören, zu arbeiten.

Zukunft Ensdorfs als Ressourcenzentrum

Der Kraftwerksstandort Ensdorf soll weiterhin mit "Energie und Ressourcen" zu tun haben, so VSE. In einem Vorvertrag hat der Versorger dem Entsorgungsverband Saar (EVS) Flächen auf dem Kraftwerksgelände für ein Biomassezentrum (BMZ) garantiert. Dieses soll sowohl den Inhalt der Biotonne ("Biogut") aus dem gesamten Saarland als auch Teile des Grünschnitts ("Grüngut") aus den kommunalen Sammelstellen verarbeiten – zu Kompost, Strom und Wärme.

Die 55 000 Tonnen "Biogut" pro Jahr werden derzeit noch außerhalb des Bundeslandes transportiert, mit längeren Wegen und ohne lokale Wertschöpfung. An Grünschnitt fallen jährlich im Saarland 80 000 Tonnen an. 31 Kommunen haben sich für 2018 für den EVS entschieden, die restlichen 21 Gebietskörperschaften des Landes für die Zeit von 2020 an. So steht's im "Umweltmagazin Saar" des Umweltverbandes BUND.

Der Biomüll soll in einer Biogasanlage in Ensdorf Strom und Wärme erzeugen. Die Gärreste kommen dort in eine Kompostieranlage. Ihnen wird Grünschnitt beigemengt – ein technologisches Erfordernis. Derzeit bereitet der EVS die Ausschreibung der Planungsleistungen vor. Sein BMZ soll 2021 in Betrieb gehen.

Zwei Phasen mit Grünschnitt

Von 2018 an werden nach einer EVS-Schätzung 42 000 Tonnen Grüngut in drei Bestandsanlagen und über eine Ausschreibung in weiteren Anlagen von privaten Dritten verwertet – also noch nicht im BMZ Ensdorf. In jenem Jahr und 2019 sollen erst mal die tatsächlichen Mengen fürs BMZ verifiziert werden.

Von 2020 an werden die dazukommenden Mengen entweder auch ausgeschrieben und über Anlagen privater Dritter verwertet. Oder der EVS entscheidet, eine weitere eigene Kompostieranlage im nördlichen Saarland zu bauen. Voraussichtlich von 2021 an werden Teile des Grüngutes im BMZ mitbehandelt. Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD vom Mai heißt es zum EVS: "Die Landesregierung und die Landesbehörden werden den Entsorgungsverband Saar (EVS) unterstützen, um seine Strukturen und Abläufe noch effizienter zu gestalten."

Auch Wärme war zu weit weg

Zudem will man Industrie akquirieren. Nichts mit diesen Flächen hat die von VSE gemeldete Gründung eines virtuellen Kraftwerks mit dem EVS als Kläranlagenbetreiber zu tun. VSE vermarktet den Strom aus Notstromaggregaten respektive Ersatzstromanlagen von 13 saarländischen Kläranlagen von seinem Handelsflur in Saarbrücken aus.

Ensdorf-Block 1 koppelt zwar auch Wärme aus, und zwar an die Fernwärmeschiene Saar, kommt damit aber auch selten zum Zug, ergänzte Clemens, weil andere Kraftwerke näher an den Wärmesenken (Wärmebedarfszentren) liegen.

Wirkungsgrad "altersgemäß"

Block 1 mit einer elektrischen Nettoleistung von 106 MW – so die Kraftwerksliste der Bundesnetzagentur – war 1963 ans Netz gegangen, Block 3 mit 283 MWel netto im Gegensatz zu den dortigen Angaben 1971. Zum jeweiligen elektrischen Wirkungsgrad machte Clemens keine Angaben; er sagte nur: "altersgemäß". Normalerweise liegt er bei so alten Blöcken trotz Modernisierungen zwischen 30 und 40 Prozent. (geo)

Diese Meldung wurde bis zum 24. Juli 2017 nach Hinweisen von VSE und EVS mehrmals aktualisiert.

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Zahl des monats

165 000

Megawatt betrug der Zubau an Ökostromleistung weltweit in 2016, berichtet die Internationale Energieagentur (IEA). Das ist ein Plus von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr und umfasst nahezu zwei Drittel der neuen Stromerzeugung.