50Hertz: Wir kündigen Care-Energy

Der Discounter Care-Energy kann derzeit seine Kunden in Hamburg und Ostdeutschland nicht mehr beliefern. Der Bilanzkreisvertrag ist dort gekündigt.

"In den deutschen Energienetzen wird massiv zu Lasten der Verbraucher und der Energieversorger falsch abgerechnet", empörte sich die Care-Energy AG gestern in einer Pressemitteilung über den Schritt des Übertragungsnetzbetreibers (ÜNB) 50Hertz. Einen Tag zuvor hatte der angekündigt, den Bilanzkreisvertrag mit dem Hamburger Energielieferanten auf gestern (28. Juni) zu kündigen. Anlass seien ausstehende Abschlagszahlungen von Care-Energy auf die EEG-Umlage für März und April.

Care-Energy sieht die Sache anders: Man habe selbst schon am Montag (27. Juni) per Fax vorab und Einschreiben den Bilanzkreisvertrag und alle Lieferantenrahmenverträge in der Regelzone von 50Hertz "mit sofortiger Wirkung gekündigt", um eine "genaue" Abrechnung zu erzwingen. Die Forderungen von 50Hertz und von Verteilnetzbetreibern seien zu hoch. Der Schaden für die Kunden und Stromlieferanten von Care-Energy liege bei insgesamt 18 Mio. Euro jährlich.

Im Einzelnen habe der ÜNB bei der Umbuchung der Kunden von der UPG United Power & Gas (UPG) zur Care-Energy AG Fehler gemacht. Endzählerstände der Kunden von UPG hätten nicht mit den Anfangszählerständen der Care-Energy AG übereingestimmt. Die Abweichung habe bei insgesamt 20 Mio. kWh und damit bei vier Millionen Euro gelegen. Hinzu kämen Prognosen, die bei zwei Drittel der betroffenen Kunden "teilweise völlig sinnbefreit, massiv erhöht" seien. So soll Kunden zehn Prozent mehr Stromverbrauch nach dem Wechsel unterstellt worden sein. Die gesamten Mehrkosten würden im Care-Energy-Kundenstamm 14 Mio. Euro jährlich betragen.

Schuld daran hätten Netzbetreiber: Sie erstellten falsche Prognosen, schrieb Martin Kristek, Geschäftsführer und Inhaber der Care-Energy GmbH, dem "Energiedienstleister" der Care-Energy AG: "Durch die falschen Abrechnungsdaten (…) werden Stromversorger und ihre Kunden geschädigt, während die Netzbetreiber Abgaben und Entgelte für die doppelt veranschlagten kWh zwei Mal kassieren."

Kristeks Unternehmen spüre jetzt Angriffe der Netzbetreiber: Normale Geschäftsprozesse würden behindert und verzögert, Verträge gekündigt, obwohl die Rechnungsbeträge bestritten seien. Zudem hätten es Stromversorger schwer, denen nur Anfangs- und Endzählerstände der Kunden mitgeteilt würden, da sie im Gegensatz zu "Energiedienstleistern" – als solchen bezeichnet sich die Care-Energy GmbH – die Daten nicht auf Überschneidungen prüfen könnten. "Dieser Missstand (…) fand direkt unter den Augen der Bundesnetzagentur (BNetzA) statt", so Kristek. Man werde nun, damit das "Problem nicht wieder verschleppt" werde, gegen verschiedene Verantwortliche und Netzbetreiber Strafanzeige stellen.

Die BNetzA ihrerseits hat inzwischen ein Aufsichtsverfahren gegen Care-Energy eingeleitet, berichten mehrere Medien. Grund seien Verbraucherbeschwerden, die in den vergangenen Monaten bei der Schlichtungsstelle Energie sowie bei der BNetzA eingingen. Zudem will die Behörde von Care-Energy wissen, warum die EEG-Umlage nicht oder nur verspätet abgeführt werde.

Bis spätestens 13. Juli muss Care-Energy die Fragen beantworten. Darüber hinaus muss der Hamburger Stromlieferant Jahresabschlüsse, Informationen über die Qualifikation der Mitarbeiter sowie Führungszeugnisse und eine Schufa-Auskunft des Vorstands vorlegen. Kommt das Unternehmen dem nicht nach, droht ein Zwangsgeld in Höhe von einer Million Euro.

Der Chemnitzer Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom teilte unterdessen mit, man habe der Care-Energy AG die Netznutzung aufgrund der beendeten Vertragsbeziehungen mit 50Hertz gekündigt.

Die Kunden des Care-Energy-Konzerns in Hamburg und Ostdeutschland fallen nun in die Ersatzversorgung. Die "Freie Presse" schrieb, die Zwickauer Energieversorgung (ZEV) werde die 450 betroffenen Kunden in ihrem Netzgebiet insoweit automatisch übernehmen. Care-Energy kündigte an, mit den etwa 60 000 Kunden im 50Hertz-Gebiet eine "Revision" durchzuführen.

Care-Energy erklärte dazu, man werde die Mehrkosten für die Kunden, die in die Ersatzversorgung fallen, bis zur Klärung des Falls übernehmen. "Wir nehmen an, dass wir für die Aufarbeitung der Netzgebiete einen Monat Zeit benötigen werden", so Kristek.

Die Verbraucherzentrale Sachsen berichtet heute davon, dass der Care-Energy-Konzern seinerseits aktuell "einem Großteil" ihrer sächsischen Kunden fristlos wegen angeblichen Zahlungsrückständen kündige. 

ÜNB streiten sich bereits seit 2013 mit dem Care-Energy-Konzern gerichtlich um die Zahlung der EEG-Umlage – mit wechselndem Erfolg. Damals gab es auch eine Kündigungswelle durch Verteilnetzbetreiber, unter anderen Bayernwerk, Leipzig Netz und Mitnetz Strom – die ebenfalls eine Prozesswelle nach sich zog. (sg/geo)