Kassel: Aufbruchstimmung in Nordhessen

Das Unternehmen setzt sowohl auf eigene Kompetenz als auch auf Kooperationen. Im Mittelpunkt der Aktivitäten stehen erneuerbare Energien. Mit Engagement verfolgt man ein großes Ziel: die weitestgehende Selbstversorgung der Region.

 

Mit Premieren kennt man sich in Kassel aus. Eine der letzten gab es Mitte 2010. Seitdem fährt der Kasseler Nahverkehr CO2-neutral, als einziger in Deutschland, so der Unternehmensbericht. Schon im Oktober 2007 feierte das viel beachtete Kasseler Modell Einstand: Sämtliche Privat- und Gewerbekunden der Städtischen Werke AG (STW) erhalten Naturstrom aus einem schwedischen Wasserkraftwerk. Im Januar 2010 folgte die flächendeckende Umstellung auf Naturgas. Dabei handelt es sich nicht um Biogas, sondern um eine Neutralisierung der bei der Erdgasnutzung entstehenden CO2-Emissionen. Die STW haben dazu weltweit fünf Umweltprojekte ausgesucht. Die Neutralstellung erfolgt analog der im Kyoto-Protokoll vorgesehenen Clean Development Mechanism.

 

Grün ohne Aufpreis | Interessant ist, dass die Endkunden diese Produkte ohne Aufpreis erhalten. Das kommt die STW zwar teurer im Einkauf, berichtet der Vorstandsvorsitzende Andreas Helbig, „aber bei Vergleichen mit Marketingaktivitäten für Kundenbindungsmaßnahmen ist das für uns insgesamt interessant“. Der Anteil der zufriedenen Kunden sei hoch, die Wechselraten gering. Sie liegen mit rd. 3–6 %, je nach Produkt, deutlich unter Bundesdurchschnitt. „Bei 100 % Naturstrom und Gas ist der Anreiz für andere Anbieter von Ökoenergie, im Versorgungsgebiet aktiv zu werden, gering“, freut sich Helbig.

 

Auffallend ist, dass die Wirkung bei Naturgas nicht so anschlägt wie beim Strom. Die Gründe sind nicht eindeutig bestimmbar. Das Bewusstsein für CO2-freies Gas könnte in der Bevölkerung geringer sein, wird spekuliert. Beim Strom war man absoluter First Mover. Profitiert hat man dabei auch von den günstigen Einkaufskonditionen für den Wasserkraftstrom. Der Vertrag läuft noch über drei Jahre und ist verlängerungsfähig. „Das ist eine Frage des Preises“, sagt Helbig.

 

Erfolgreich sind die STW mit ihren umweltfreundlichen Energieprodukten auch außerhalb des Versorgungsgebiets. Mittlerweile hat man 75 000 externe Strom- und Gasverträge abgeschlossen. Monat für Monat kommen rd. 1000 neue Verträge hinzu.

 

Künftig rückt jedoch verstärkt die Eigenerzeugung in den Fokus. Ein Schwerpunkt lag bisher auf Biogas. Fünf Anlagen sind bereits in Betrieb, zwei weitere in Planung. Ziel ist es, in den kommenden Jahren insgesamt zehn Anlagen zu realisieren. „Der Markt für Biogas ist heute vorhanden“, sagt Helbig. Die Vermarktung des Biogases  läuft separat. Bezieher sind meist Unternehmen, die auf ein umweltbewusstes Image achten. Probleme mit dem Absatz gibt es keine: Sämtliche erzeugten Biogasmengen sind kontrahiert.

 

Die STW setzen bei diesen Projekten auf Kooperationen in Form von Betreibergesellschaften. Um die Versorgung der Inputstoffe sicherzustellen, arbeitet man eng mit Landwirten zusammen. Von Vorteil sei es auch, das lokale Stadtwerk und, sofern möglich, den Anlagenplaner mit ins Boot zu holen, berichtet der Unternehmenschef. Die Biogasvermarktung erfolgt vollständig über die STW. „Dies ist eine klare Trennung des Risikos, die Produktion liegt bei der Betreibergesellschaft und die Vermarktung bei uns.“

 

Die Zukunft gehört jedoch vor allem der Windenergie. Projekte mit insgesamt 120 MW haben die STW in Planung, im Umkreis von 50 km. Wie überall in Deutschland gibt es auch in Nordhessen einen intensiven Wettbewerb um die besten Standorte, aber auch um die Konzepte. Gegenüber stehen sich häufig Stadtwerke und Projektentwickler. Eine wesentliche Rolle kommt der Pacht für den Grund  zu. Projektentwickler bieten in der Regel hohe Pachtzahlungen, die verbleibenden Renditen reichen häufig nicht mehr für  Bürgerbeteiligungsgenossenschaften oder ähnliche lokale Modelle. „Steht das Geld im Vordergrund, gewinnen die Entwickler. Möchte die Kommune tatsächlich die Energiewende mit dem Zusatznutzen in Form eines virtuellen Kraftwerks umsetzen, dann gewinnen die Stadtwerke“, weiß Helbig. 

 

Abteilung für Erneuerbare | An Expertise mangelt es STW nicht. Mittlerweile entwickeln und planen acht Mitarbeiter Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien, hauptsächlich aber Windenergieanlagen. Doch ganz allein geht es nicht. „Wir brauchen Partner vor Ort“, betont Helbig. Mit der Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) hat man diese gefunden. Dahinter stehen neben Kassel die Stadtwerke der Kommunen Bad Sooden-Allendorf, Eschwege, Homberg (Efze), Witzenhausen und Wolfhagen. Helbig ist vom Konzept überzeugt und berichtet von einer neuen Premiere. „Es ist das erste Mal in Nordhessen gelungen, kleinere kommunale Stadtwerke und ein größeres Stadtwerk so eng zusammenzuführen.“ Man kooperiere auf Augenhöhe. „Das müssen wir jeden Tag beweisen. Wir wollen nicht dominieren, jedes Unternehmen hat seine Stärken.“

 

Die STW punkten mit ihrem Know-how, die Partner mit ihrem Zugang vor Ort. Hinzu kommen Synergieeffekte. So sind verschiedene Dinge gemeinsam preiswerter zu realisieren. Die Zusammenarbeit deckt diverse technische Bereiche ab, insbesondere arbeitet man aber bei der Projektierung von Windparks zusammen.

 

Hemmschuh Gemeindeordnung | Auch die Gründung neuer Stadtwerke könnte ein Punkt werden. Die Zeit dafür ist günstig. Etwa 120 Netzkonzessionen werden in der Region in den nächsten Jahren neu vergeben. Die STW haben sich bei rd. 100 Kommunen beworben. Ein Mitbewerber ist fast überall Eon Mitte. Als Hemmschuh könnte sich die Neufassung der Hessischen Gemeindeordnung erweisen, die die Aktivität von Kommunen einschränkt. Nach dem Motto Privat vor Staat dürfen kommunale im Gegensatz zu privaten EVU nicht die Mehrheit erwerben. Dennoch sieht Helbig Chancen. „Wir sind auch mit 49 % oder weniger zufrieden. Die Kommune übernimmt, wo es möglich ist, dann in der Regel mindestens 51 %.“ Wie dieser Weg aussehen kann, zeigten die STW im Jahr 2009, als man gemeinsam mit der Kommune das Stadtwerk Großallmerode gründete.

 

Auch wirtschaftlich sind die STW auf gutem Weg. 2010 stiegen die Umsatzerlöse um rd. 26 Mio. € auf etwas über 326 Mio. €. Seit 2010 hat sich die Thüga AG mit 24,9 % beteiligt, den Rest hält die Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV). „Die Thüga war  unser Wunschpartner“, berichtet Helbig. Vom großen Erfahrungsschatz profitiere man etwa in juristischen oder organisatorischen Fragen. Auch gemeinsame Projekte stehen auf der Agenda. So haben die STW etwas über 8 % der Anteile an der Thüga Erneuerbare Energien GmbH & Co. KG erworben.

 

Mit all diesen Aktivitäten könnte ein großes Ziel gelingen. Das in Kassel ansässige Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik hat das Konzept dafür entworfen: Wie sich Nordhessen im Jahr 2025 zu 80 % mit erneuerbaren Energien aus der Region versorgen lässt. Sollte dies gelingen, wäre es sicher eine Premiere, die auch internationale Beachtung finden würde.