Enervie: Mehrmarken-Strategie mit viel Fingerspitzengefühl

Die Unternehmensgruppe aus den Stadtwerken Lüdenscheid, Mark-E und dem 51%-Anteil am bundesweit tätigen Energieanbieter lekker Energie setzt auf Innovationsfelder wie E-Mobilität. Probleme bereitet der Bereich Erzeugung

 

 Das Thema Markenbildung hat in Südwestfalen Tradition. 1905 entstand in Hagen mit der Elektromark ein Energieversorger für die regionalen Großenergieverbraucher. Nahezu hundert Jahre später in 2002 schlossen sich die Stadtwerke Hagen mit der Elektromark zur Mark-E Aktiengesellschaft zusammen. Fünf Jahre danach erforderte das Zusammengehen mit den Stadtwerken Lüdenscheid zur Südwestfalen Energie und Wasser AG eine neue Wort-/Bildmarke. Doch die Lösung, Sewag, hielt nicht lange. Aufgrund von Namensähnlichkeit mit der RWE-Tochter Süwag musste ein neuerlicher Findungsprozess gestartet werden. Die Vorgabe hatte sich nicht verändert. Das Ziel war die Kreation einer Dachmarke, die auch die Eigenständigkeit der Stadtwerke zuließ. Der neue Name ist Enervie – eine Verbindung aus Energie und vie (französisch für Leben).

 

Nach der Wahrnehmung von Vorstandssprecher Ivo Grünhagen hat die Marke nach rd. zwei Jahren bereits „einen enormen Bekanntheitsgrad“. Und das, obwohl  sie nicht im großen Maßstab beworben wird. „Uns ist bewusst, dass wir diese Mehrmarkenstrategie mit sehr viel Fingerspitzengefühl betreiben müssen“, sagt der Enervie-Chef. Im Außenauftritt stehen die regionalen Größen Stadtwerke Lüdenscheid und Mark-E sowie der vor 18 Monaten von Nuon erworbene, bundesweit aktive Energieanbieter lekker Energie im Vordergrund. Da man damals auch die gesamten Rechte an der Farbgebung übernahm, erfolgte der gesamte Markenrelaunch von lekker mit „sehr geringem Aufwand“, so Grünhagen.


Neue Aufstellung | Der Diplom-Kaufmann kam vor rd. vier Jahren als „Quereinsteiger“ aus der Industrie in die Energiewirtschaft. „Meine Erfahrung ist, dass man in der Energiebranche industrielle Maßstäbe sehr gut anwenden kann“, sagt Grünhagen. Seine Strategie ist es, sich dort zu engagieren, wo sich eine entsprechende Rendite erzielen lässt. Das Unternehmen hat den neuen Markenauftritt auch für eine strategische Neuaufstellung genutzt. Heute ist Enervie in sieben Geschäftsfelder aufgeteilt: Stromerzeugung, Handel, Commodities, Transport und Verteilung, Innovation, Dienstleistung und Freizeitbetriebe (Bäder und Saunen).

 

Für jedes Feld gibt es klare Zielvorgaben, für die unterschiedliche Bereichsleiter verantwortlich sein können. „Wenn man nicht ein gemeinsames Ziel hat, ist die Gefahr groß, dass jeder nur an seinen Bereich denkt“, sagt der Vorstandssprecher. Ein neues Beurteilungs- und  Zielvereinbarungssystem soll dies unterstützen. Jede Führungskraft wird dort heute anhand von 14 Kriterien, wie Teamfähigkeit, Leistungsbereitschaft oder Fachwissen, beurteilt. In diesem Jahr soll das System auf alle rd. 1800 Mitarbeiter ausgedehnt werden. Dies wirkt sich direkt auf das Gehalt aus. In der Planung sind variable Anteile von 8 bis zu 20 % bei den obersten Führungskräften.Jedoch agieren die einzelnen Geschäftsfelder in unterschiedlichen Marktrealitäten. Besonders schwierig ist momentan die Situation in der Stromerzeugung, wo das Unternehmen schon lange unterwegs ist. Die Gesamtkapazität beträgt rd. 1500 MW (650 MW Kohle, 400 MW Erdgas, 140 MW Pumpspeicher und 20 MW Biomasse). Hinzu kommen fünf Laufwasserkraftwerke und neuerdings nach dem Erwerb des Windparks Klosterkumbd im Hunsrück 23 MW Windenergie sowie einige Photovoltaikanlagen. Die Kohle- und Gaskraftwerke lassen sich lt. Grünhagen derzeit nicht wirtschaftlich betreiben. Dies gilt auch für die Biomasseanlage, die durch den Rohstoff Altholz mit einer speziellen Problemlage konfrontiert ist.Besonders problematisch ist derzeit der Betrieb der GuD-Anlage in Herdecke, die gemeinsam mit Statkraft betrieben wird. Im Hintergrund steht ein langfristiger Gasliefervertrag mit Ölpreisbindung. Entsprechende Verhandlungen laufen, berichtet Grünhagen, für den die Mechanismen bei Gas aktuell „nicht marktgängig“ sind. Die GuD-Anlage erwirtschafte nur im Peakbereich ihre Deckungsbeiträge und laufe deshalb deutlich weniger als ursprünglich geplant. Ein Gaskraftwerk ist „weit davon entfernt“, im Grundlastbereich eingesetzt werden zu können, beklagt der Vorstandssprecher. Besser ist die Situation beim moderneren der beiden Kohlekraftwerke des Unternehmens. Dieses läuft derzeit unter der Woche komplett durch und am Wochenende in der Spitzenlast.

Speicher Altkraftwerk | Trotzdem sieht der Enervie-Chef die Energiewende positiv. Nach aktuellen Erhebungen seien die Erzeugungskapazitäten in Deutschland ausreichend. „Fraglich ist, ob neue Kraftwerke erforderlich sind.“ Grünhagen empfiehlt Anreize zu schaffen, um Bestandsanlagen zu sichern. Dass aktuell Kapazitäten vom Netz genommen würden, sei eine gefährliche Entwicklung. „Im Prinzip sind die heutigen Kraftwerke in den nächsten Jahren die Speicher für die regenerativen Energien.“ Auch dem Thema Kapazitätsmärkte steht er kritisch gegenüber. „Immer wenn Politik in Märkte eingreift, hat man ein Problem, und wenn sie zwei Mal eingreift, hat man ein größeres Problem“, betont Grünhagen mit dem Blick auf die doppelte Energiewende innerhalb eines Jahres.

 

Für sein Unternehmen betrachtet er den Bereich Erzeugung in den kommenden drei Jahren insbesondere durch den verstärkten Zukauf von CO2-Zertifikaten als kritisch. Ab 2014 hofft er auf eine Markterholung, weil es „nicht sein kann, dass über einen längeren Zeitraum eine gesamte Branche Geld verliert“. Sollte sich die Situation wider Erwarten ändern, ist man in der Lage, zu reagieren. Bereits vor der Energiewende prüfte Enervie rd. zehn mögliche Kraftwerksstandorte in Deutschland.Deutlich besser stellt sich die Situation in anderen Bereichen dar, etwa bei lekker Energie. Seit der Übernahme erhöhte sich die Kundenzahl um 120 000 auf rd. 400 000. Auf der Kostenseite konnten Effizienzpotentiale erschlossen werden. Im Mai 2010 übernahmen die Stadtwerke Krefeld 49 %. Für Grünhagen eine gute Kooperation, die ausbaufähig ist. Ihm sind Kooperationen mit „wenigen guten Partnern“ lieber als große Verbünde. Anbieten könnte sich hier die Elektromobilität, die zum Geschäftsfeld Innovation gehört. Auch in diesem „hochspannenden“ Bereich steht Zusammenarbeit im Fokus. Am österreichischen Unternehmen The Mobility House erwarb man eine Beteiligung von  20 %. „Wir wollen auch hier wirtschaftlich sein“, sagt Grünhagen. Deshalb wird auch nicht in den „hoch unwirtschaftlichen“ Infrastrukturausbau investiert, sondern in konkrete Projekte mit Industriebetrieben oder Wohnbaugesellschaften. Ein Vorteil ist, dass man über Mobility House Zugriff auf ein Kontingent an den raren E-Mobilen hat.

 

Der Enervie-Chef blickt positiv in die Zukunft, obwohl er für 2013 und 2014, bedingt durch die Erzeugung und die zurückgehenden Erträge im Netz, „schwierige Jahre“ erwartet. Im EVU-Ranking von Kienbaum ist das Unternehmen in 2010 mit einem Umsatz von rd. 1,4 Mrd. € auf Platz 14 vorgerückt. „Damit sind wir in NRW auf Platz 3“, freut sich Grünhagen. Davor rangieren nur RheinEnergie und die Stadtwerke Düsseldorf.