Weiter offensiv in unsicheren Zeiten

Ein Windpark der SWM im Havelland Bild: SWM

Dr. Florian Bieberbach Bild: SWM

Stadtwerke München: Fehlende Planungssicherheit sorgt dafür, dass derzeit viele Investitionen im Ausland erfolgen.

Eigentlich habe sich nicht sehr viel geändert. „Die Stadtwerke München sind wie ein großer Tanker. Wenn eine Person auf der Brücke wechselt, dann heißt das noch lange nicht, dass das Schiff sofort in eine andere Richtung fährt “, sagt der neue Vorsitzende der Geschäftsführung der SWM Dr. Florian Bieberbach. Zum Jahresbeginn hat er diese Position von Dr. Kurt Mühlhäuser übernommen, der nach 17 Jahren an der Unternehmensspitze in den Ruhestand gewechselt ist (ZfK 1/13, 4). Der studierte Informatiker und promovierte Wirtschaftswissenschaftler wertet insgesamt die Entscheidung des Eigentümers, die Landeshauptstadt München, ihn zum neuen Vorsitzenden zu berufen, als Willensausdruck zu Kontinuität und gegen einen radikalen Wechsel. Schließlich arbeitet der 39-Jährige schon seit 2002 im Unternehmen, zunächst als Projektmanager und seit 2006 als kaufmännischer Geschäftsführer.

Im Februar dieses Jahres hat der neue Unternehmenschef jedoch mit der Ankündigung, alle innerdeutschen Erneuerbare-Energien-Projekte, die direkt vor der Investitionsentscheidung stehen, auf Eis zu legen, für Aufsehen gesorgt. „Wir würden gerne in Deutschland weiter investieren, sehen aber momentan eine zu große Unsicherheit“, so Bieberbach gegenüber der ZfK. Daran habe auch der (Teil-)Rückzieher des Bundesumweltministers bei seinem Strompreisbremsevorschlag nichts geändert. Es bleibe die Aussage im Raum, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in seiner jetzigen Form abgeschafft werden soll. Wie Förderbedingungen in Zukunft aussehen, wisse heute niemand. Damit sieht er sich in guter Gesellschaft. „Ich kenne keinen Investor, der momentan positive Investitionsentscheidungen für große Projekte in Deutschland trifft .“

Bestandsschutz geben | Der SWM-Chef hat auch eine Idee für eine kurzfristige Lösung: „Man könnte denjenigen Projekten, die während der Phase der Unsicherheit erhebliche Investitionsentscheidungen treffen müssen, einen Bestandsschutz geben, mit stabilen Förderbedingungen.“ Mittel- bis langfristig sei ohnehin ein neues Energiemarktdesign vonnöten. Einen zielführenden Reformvorschlag sieht Bieberbach im Modell des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), an dem die SWM mitgearbeitet haben. Seine Kompromissbereitschaft ist hier inzwischen sehr hoch: „Ich trage fast jedes Modell mit, das irgendwie Planungssicherheit bietet.“

Dennoch halten die Münchner an ihrer Ausbauoffensive Erneuerbare Energien mit dem ehrgeizigen Ziel fest, bis 2025 so viel Ökostrom zu erzeugen, wie die Bayernmetropole in Summe verbraucht. Hierfür ist eine Gesamtinvestition von 9 Mrd. € vorgesehen. Bis hierzulande wieder Klarheit besteht, liegt der Fokus auf EE-Projekten im Ausland. So hat man im vergangenen Jahr u. a. einen Windpark in Kroatien in Betrieb genommen und einen Park im Nordosten Frankreichs mit 10 MW erworben. Das jüngste Projekt ist ein schwedischer Onshore-Windpark (Gesamtleistung: 144 MW) mit Baubeginn in diesem Sommer. Für Bieberbach sind es verschiedene Aspekte, die für ein Engagement in bestimmten Ländern sprechen: „Letztendlich ist es eine Mischung aus Förderbedingungen und Verlässlichkeit.“

Auch hierzulande hat sich einiges getan. Mit Partnern (SWM-Anteil: 75 %) hat man 2009 neun Windparks im Havelland (Brandenburg) mit 83 Anlagen von der wpd in Bremen erworben. Zudem sollen sich bald vor der eigenen Haustüre Windräder drehen. Gemeinsam mit Kommunen und der eigens gegründeten Gesellschaft SWM Bayernwind will man die Energiewende im Freistaat vorantreiben. Betroffen von der Aussetzung der Investitionen sind diese Projekte nicht, da sie sich in einer relativ frühen Phase befinden. Derzeit werden Windmessungen durchgeführt und es laufen Genehmigungsverfahren. „Bis dort Investitionsentscheidungen zu treffen sind, wird das EEG sicherlich wieder stabil sein“, hofft Bieberbach.

Offshore-Strategie |
Einen Löwenanteil tragen jedoch Offshore-Windparks dazu bei, dass das Querverbundunternehmen mit angestoßenen und realisierten Projekten bereits 37 % des Münchner Stromverbrauchs mittels Ökostrom decken könnte. Damit ließen sich deutlich mehr als alle rd. 800 000 Münchner Haushalte versorgen.

Bereits 2014 soll der gemeinsam mit Vattenfall realisierte 288-MW-Windpark DanTysk (SWM-Anteil: 49 %), etwa 70 km westlich von Sylt, in Betrieb gehen. Schon im Herbst 2012 wurden die ersten Fundamente für einen der größten Offshore-Windparks in der Nordsee, Global Tech I (SWM-Anteil: 25%), im Boden der Nordsee verankert. Vor der Küste von Nordwales entsteht zudem gemeinsam mit RWE und Siemens der Windpark Gwynt y Môr mit 576 MW (SWM-Anteil: 30 %). Die Fertigstellung ist für 2014 geplant.

Von zeitlichen Verschiebungen, wie bei derzeit nahezu allen Offshore-Windparks, bleiben auch die Münchner nicht verschont. So hat sich der Netzanschluss bei Global Tech I um etwa zwei Jahre verzögert. Bieberbach hofft hier auf eine baldige Lösung. Allerdings ist die Lage wenig stabil: „Es gibt nahezu jede Woche neue Nachrichten“, klagt er. Folge der Verzögerungen sind natürlich auch höhere Kosten. Das Ausmaß sei jedoch „momentan noch nicht dramatisch“.

Der neue Stadtwerke-Chef präsentierte Mitte April zum ersten Mal die gewohnt guten Bilanzzahlen des SWM-Konzerns. Der Umsatz stieg 2012 von knapp 4 Mrd. € in 2011 auf 4,5 Mrd. €. Das operative Ergebnis (EBIT) wuchs von 405 auf 464 Mio. €. Vom Jahresüberschuss (215 Mio. €) fließen 100 Mio. € im Rahmen der Gewinnausschüttung an die Landeshauptstadt. Hoch sind nach wie vor die Investitionen mit 933 Mio. €.

Als Hauptgrund für das Umsatzwachstum sieht der SWM-Chef die Gasaktivitäten in Norwegen, wo man Anteile an rd. 50 Explorationslizenzen hält. Fünf Felder produzieren bereits, fünf weitere befinden sich in der Entwicklung. Eine Vorreiterrolle ist auch hier angestrebt: Als erstes deutsches EVU wollen die SWM ab 2014 so viel Erdgas aus eigenen Quellen fördern, wie seine Privatkunden verbrauchen. Bieberbach gibt zwar zu, dass man noch weit davon entfernt ist, das für die Gasexploration investierte Geld wieder reingeholt zu haben, aber die Amortisation verlaufe viel schneller als erwartet. Das liege v. a. daran, dass die Planungen des Tochterunternehmens Bayerngas Norge konservativ waren, u. a. die Gaspreisentwicklung betreffend. Der SWM-Chef geht davon aus, dass die Aktivitäten spätestens 2016 Profit abwerfen.

Hilfe aus Norwegen |
Perspektivisch soll das Engagement in Norwegen „einbrechende Erträge in anderen Geschäftsfeldern“ kompensieren. Damit meint Bieberbach insbesondere die Energieerzeugung in konventionellen Kraftwerken. Die Erlöseinbrüche bei den beiden Gaskraftwerken seien analog zu anderen Anlagen in Deutschland derzeit „massiv“, so der SWM-Chef. Hilfreich ist die KWK-Komponente. Bezieht man den Wärmeverkauf ein, „sind die Kraftwerke heute noch nicht defizitär“. Für die Zukunft ist er hier wenig optimistisch. Ähnlich sieht es bei der Beteiligung am Kernkraftwerk Isar 2 aus, wo die Brennelementesteuer sowie die Rückstellungen für den Rückbau auf die Erträge drücken.

Eine wesentlich bessere Zukunft attestiert Bieberbach dem Ausbau der Wärmetrassen. Im Rahmen der Ausbauoffensive Fernwärme soll das heute schon 800 km lange Wärmenetz um weitere rd. 100 km erweitert werden. Auch hier ist langfristig eine Umstellung auf regenerative Versorgung über den Weg Geothermie geplant. Darüber ist der SWM-Chef auch aus ökonomischer Sicht sehr froh: „Ohne die Perspektive Geothermie würde sich die Frage nach einem weiteren Ausbau der Fernwärme schon stellen“, gibt er zu. Neben dem Stadtteil Riem wird ab 2015 auch ein Neubaugebiet im Münchner Westen mit Geothermie versorgt.

Bieberbach hat ausgemacht, dass diese „starke ökologisch nachhaltige Ausrichtung“ für eine „große Zustimmung“ bei den Kunden sorgt. Trotz starken Wettbewerbs seien noch über 90 % der Münchner SWM-Kunden. Negativ wirkt sich nach Einschätzung des SWM-Chefs hier auch nicht die Einstellung der Kundenkarte M//Card aus Kostengründen zur Jahresmitte aus. Dieses Instrument habe auf die Kundenbindung eine untergeordnete Bedeutung gehabt. Viel wichtiger schätzt Bieberbach hier Faktoren wie Vertrauen, Image, Ausrichtung und Preis ein.
Für die Zukunft ist der Unternehmenschef grundsätzlich optimistisch. Zwar gehe „die Ertragslage in unserem traditionellen Geschäft zurück“. Die Wende werde dann kommen, wenn die Erneuerbare-Energien-Projekte tatsächlich alle am Netz sind. „Dann werden wir wieder höhere Erlöse erzielen.“ Damit rechnet er jedoch erst ab 2015.