ESWE profitiert vom Stadtwerke-Revival

Alle Gebäude, die in der Wiesbadener Innenstadt neu errichtet werden, können an das Fernwärmenetz der ESWE angeschlossen werden. Der Fernwärmeausbau soll einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutzkonzept der Stadt leisten. Bild: ESWE

ESWE hat den Kundenservice in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Im Bild: Ein Beratungsgespräch im Servicecenter in der Wiesbadener Innenstadt. Bild: ESWE

ESWE betreibt mehrere Ladesäulen für Elektrofahrzeuge in Wiesbaden und Taunusstein. Bild: ESWE

2014 hat ESWE ein Biomasse-Heizkraftwerk in Wiesbaden in Betrieb genommen. Dies wird eine wichtige Rolle beim Fernwärmeausbau spielen. Mit Kosten von rund 55 Millionen Euro und ist es die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte. Bild: ESWE

Auch wegen seiner bundesweiten Vertriebserfolge gilt der kommunale Energiedienstleister aus Wiesbaden als eines der Vorzeigeunternehmen der Thüga.

Rund 280 000 Kunden beliefert der kommunale Wiesbadener Energiedienstleister ESWE Versorgung mit Strom. Mehr als die Hälfte der Stromkunden finden sich mittlerweile außerhalb des angestammten Versorgungsgebiets. Nachhaltigkeit hat dabei Vorrang vor schnellem Vertriebserfolg. 75 Prozent der auswärtigen ESWE-Kunden beziehen ihren Strom oder ihr Gas bereits seit mehr als drei Jahren von dem Unternehmen, an dem die Stadt Wiesbaden zu 50,64 Prozent und die Stadtwerkegruppe Thüga mit 49,36 Prozent beteiligt sind.

Hohe Versorgungsquoten | »Wir wollen unsere bundesweiten Kunden langfristig binden. Je länger sie bei uns und zufrieden sind, desto geringer ist die Anfälligkeit für einen Wechsel«, sagt Ralf Schodlok, Vorstandsvorsitzender der ESWE Versorgungs AG. Die überregionalen Erfolge überkompensieren mittlerweile die Rückgänge im Stammgebiet. Dort weist die ESWE laut Schodlok noch Versorgungsquoten von deutlich mehr als 80 Prozent auf und liegt über dem Bundesschnitt.


Topplatzierungen bei Rankings | Die positive Entwicklung im bundesweiten Vertriebsgeschäft führt er vor allem auf ein gutes Preisleistungsverhältnis und faire Vertragsbedingungen zurück. »Unsere Verträge enthalten keine Fallstricke, wir haben 14-tägige Kündigungsfristen«, erklärt er. Die Kunden wolle man mit einem guten Service überzeugen, nicht über eine aggressive Preispolitik. Die Wechselboni der ESWE seien denn auch längst nicht unter den höchsten der Branche zu finden. Bei bundesweiten Stromanbietervergleichen von Verivox oder Check 24 erzielt ESWE regelmäßig Bestplatzierungen. Auch Gewerbekunden aus dem gesamten Bundesgebiet beliefert die ESWE mit Strom und Gas, gut laufe dabei vor allem das Geschäft mit mittelständischen Gewerbekunden.


»Zurück zum Bewährten« | Allgemein profitiere ESWE laut Schodlok von einem »Revival der Stadtwerke im Energievertrieb«. Die Pleiten von Billiganbietern wie Teldafax oder Flexstrom hätten bei vielen Verbrauchern zu einer Rückbesinnung auf seriöse Anbieter geführt. »Es gibt hier einen Trend zurück zum Bewährten«, stellt Schodlok fest. Viele Stadtwerke hätten sich in den vergangenen Jahren wie ESWE zu modernen Energiedienstleistern gewandelt und ihren Kundenservice ausgebaut. Generell sei der Ruf der Stadtwerke im Vertrieb viel besser geworden.


Postleitzahlenscharfe Preise |
Grundlage für die bundesweiten Vertriebserfolge der ESWE ist auch eine konsequente Digitalisierung der Wechselprozesse. Diese laufen vollautomatisch über Kundenportale, die Preise werden postleitzahlenscharf ausgewiesen. Weil das Wachstum nachhaltig ist, habe man in diesem Bereich bis zu 15 Stellen neu geschaffen, sagt Schodlok. »Mittlerweile entstehen bei ESWE Versorgung wieder neue Arbeitsplätze«, sagt er nicht ohne Stolz.

Erfolgreiche Transformation | Das war in den ersten Jahren seiner Tätigkeit für ESWE anders. Damals mussten rund 300 Mitarbeiter sozialverträglich abgebaut werden. Der 57-jährige Jurist ist seit über 16 Jahren im Vorstand des Energieversorgungsunternehmens. Seit Ende 2004 ist er Vorstandssprecher, seit 2009 Vorstandsvorsitzender. Er ist zudem Mitglied im VKU-Bundesvorstand und Vorsitzender der VKU-Landesgruppe Hessen sowie Mitglied des BDEW-Vorstands. Bei seinem Amtsantritt 2001 rückte mit der Thüga AG ein zweiter Aktionär neben die bisherige Alleinanteilseignerin, die Landeshauptstadt Wiesbaden. Schodlok schaffte wettbewerbsfähige Kostenstrukturen, straffte Prozesse und baute den Kundenservice aus. Heute ist die ESWE Versorgung gut aufgestellt, schreibt seit Jahren glänzende Ergebnisse und gilt als eines der erfolgreichsten Unternehmen in der Thüga-Gruppe.


Kernkompetenzen pflegen | Zwei strategische Leitplanken hebt Schodlok hervor. »Wir müssen unsere Kernkompetenzen pflegen und sehen, wie wir diese sinnvoll ergänzen können«, sagt er. Ähnlich hatte es der
ESWE-Chef auch beim ersten Besuch der ZfK in Wiesbaden im Jahr 2005 formuliert. »Strikte Konzentration aufs Kerngeschäft«, lautete die Überschrift eines Artikels (ZfK 9/05, 5) in der Serie »Unternehmen im Gespräch«. Und in der Unterzeile hieß es: »Wiesbaden: Kunden schnörkellos dienen«. Das hat bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren. »Man muss die Pflicht perfekt beherrschen, bevor man zur Kür übergeht«, bringt es Schodlok auf den Punkt. ESWE Versorgung wirbt mit Erfahrung und technischem Know-how: Das Unternehmen betont seine 87-jährige Geschichte, entwickelt gleichzeitig aber modernste Analyse-, Beschaffungs- und Vertriebstechniken weiter. Dies münde in einer serviceorientierten Kundenansprache, fairen Vertragsbedingungen und einer nachvollziehbaren Preispolitik, sagt Schodlok.

Wichtig sei zudem, auf jeder Wertschöpfungsstufe vertreten zu sein, ergänzt der Vorstandsvorsitzende – in der Erzeugung, auf Ebene der Verteilnetze und im Vertrieb. »Das ist strategisch vernünftig und hat sich über Jahrzehnte bewährt«, so der ESWE-Chef.


Stammgebiet als Anker | Die Vertriebsstrategie des Unternehmens spiegelt dies wider. Sie fußt auf drei Säulen. »Der Anker unseres Vertriebsgeschäfts bleibt die Kundenbindung im Stammgebiet, dort besteht eine andere emotionale Nähe«, weiß Schodlok. Auch langjährige treue Kunden würden beispielsweise mit einer Prämie belohnt. Etwaige Rückgänge im Stammgebiet gleiche der bundesweite Vertrieb als zweite Säule aus. Hier seien stabile, nachhaltige Wachstumsraten das Ziel. Die dritte Säule ist die Entwicklung von neuen Geschäftsfeldern wie Energiedienstleistungen. »Wir haben eine gute Balance zwischen diesen drei Säulen hingekriegt«, sagt Schodlok. Der Ergebnisbeitrag der dritten Säule liege aber noch bei unter zehn Prozent. »Die neuen Geschäftsfelder werden über Jahre nicht die Rückgänge von Ergebnisbeiträgen aus dem klassischen Geschäft kompensieren können«, prognostiziert der ESWE-Chef.


Smart Home mit viel Potenzial |
Eine vielversprechende Nische hat die ESWE beim Thema Smart Home ausgemacht, wo man mit der Thüga ein modular aufgebautes Produkt entwickelt hat, das seit Juli 2015 am Markt ist. Bei den Verkaufszahlen gibt es »noch deutlich Luft nach oben«, räumt Schodlok ein. Deshalb prüfe man, das Angebot noch um Vor-Ort-Dienstleistungen wie beispielsweise  Installation und Wartung zu ergänzen.

Sicherheit und Fürsorge gefragt | Sicher sei, dass der Smart-Home-Markt aufgrund der demographischen Entwicklung wachse. Immer mehr ältere Menschen wollten möglichst lange selbstbestimmt in ihren eigenen vier Wänden leben. Da gebe es eine Menge technischer Unterstützungsmöglichkeiten. Vor allem Themen wie Sicherheit, Fürsorge und Komfort seien gefragt.


Instandhaltung statt Netzausbau |
Neben dem Vertrieb leisten die Bereiche Netze und Erneuerbare (siehe Box) bei ESWE Versorgung die größten Ergebnisbeiträge. Um die Netze für die Erfordernisse der Energiewende auszubauen, wären Investitionen im hohen zweistelligen Millionenbereich notwendig, sagt Schodlok. Doch mit der im vergangenen Jahr von der Bundesnetzagentur festgelegten Eigenkapital-Verzinsung amortisierten sich diese Investitionen nicht. »Wir werden unsere Netze instandhalten, aber bevor wir uns an größere Investitionen wagen, brauchen wir mehr Sicherheit als die im Raum stehende Eigenkapitalverzinsung«, stellt Schodlok klar.


KMW-Beteiligung bereitet Freude | Anders als bei vielen anderen Kommunalversorgern trägt bei den Wiesbadenern auch der konventionelle Erzeugungsbereich in nennenswertem Umfang zum Ergebnis bei. Hauptverantwortlich ist die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW). An dieser sind die Stadtwerke Mainz und die ESWE Versorgungs AG zu je 50 Prozent beteiligt. »Das ist seit über 80 Jahren unser Standbein in der Erzeugung und gleichzeitig unsere wichtigste Beteiligung«, berichtet Schodlok. Besonders ein langfristiger Gasliefervertrag sicherte bisher die Wirtschaftlichkeit der konventionellen Erzeugung. Zudem sei aufgrund einer starken Fernwärmeauskopplung die Ausschöpfung der KWK-Potenziale bei der KMW sehr hoch.
Die KMW-Beteiligung habe zeitweilig bis zu einem Fünftel zum ESWE-Ergebnis beigetragen. »Die Ergebnisse der KMW liegen derzeit immer noch im zweistelligen Millionenbereich«, sagt Schodlok, der von 2003 bis Ende vergangenen Jahres auch im Vorstand der KMW war.


Fernwärme-Ausbau |
Ein weiteres ESWE-Standbein in der Erzeugung ist das Biomasse-Heizkraftwerk (10,5 MWel und 23 MWth)
in Wiesbaden. Dieses wurde Anfang 2014 in Betrieb genommen und soll über den Fernwärme-Ausbau einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutzkonzept der Stadt leisten. Dieses sieht vor, dass bis 2020 ein Fünftel der in Wiesbaden verbrauchten Energie aus regenerativen Quellen stammen soll. »Alle Gebäude, die in der Innenstadt neu errichtet werden, können künftig an das Fernwärmenetz angeschlossen werden«, erklärt Schodlok. Einige größere Gewerbeimmobilien und das neue Kongresszentrum seien bereits an die Fernwärme angeschlossen worden. Hinzu kämen sämtliche Einrichtungen des Landes Hessen in Wiesbaden.
»Die Fernwärme erlebt ein Revival, wir werden sie künftig viel stärker ausbauen als in den letzten Jahren«, ist Schodlok überzeugt. Die meisten Innenstädte hätten mit Stickoxidbelastung zu kämpfen. Hier könne die Fernwärme entlasten, indem man sie umweltfreundlich draußen vor der Stadt produziere.


Zahlen und Fakten 2015

Geschäftsbereiche: Strom, Gas, Fernwärme, Strom-, Gas-,Wasser-, Fernwärme- und Straßenbeleuchtungsnetz, Glasfaser
Beteiligungen (Auswahl): Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (50 %);
Hessenwasser GmbH & Co. KG (18,18); ASEW Energie und Umwelt Service GmbH & Co. KG (7,14); Thüga Erneuerbare Energien (3,59); Syneco (3,54)
Mitarbeiter: 595 (in 2014: 589)
Umsatz: 407 Mio. € (443 Mio.)
Jahresergebnis: 52,9 Mio. € (55,3 Mio.)
Investitionen: 53,3 Mio. € (23,9 Mio.)
Stromabsatz: 1,15 Mrd. kWh (1,18 Mrd.) – außerhalb Stammgebiet: 393 Mio. (392)
Gasabsatz: 1,92 Mrd. kWh (2,55 Mrd.) – außerhalb Stammgeb.: 234 Mio. (209) 
Wärmeabsatz: 240,2 Mio. kWh (227,1 Mio)


Nein zu Windparkprojekt gefährdet Klimaziele

Auch im Bereich erneuerbare Energien engagiert sich ESWE Versorgung. Neben eigenen Projekten beteiligt sich das Unternehmen an Anlagen des zur KMW gehörenden Projektentwicklers Altus. »Der große Hype bei den Erneuerbaren, speziell bei Windenergie und Photovoltaik, aber auch beim Ökostrom ist vorbei, aktuell muss man eher Rosinen picken, sagt Schodlok. Man müsse genau hinschauen, ob derartige Projekte wirtschaftlich seien. Um dies zu gewährleisten, haben die KMW, die Stadtwerke Karlsruhe und die zu den Wuppertaler Stadtwerken gehörende WSW Wasser und Energie AG sich an der neu gegründeten Binnenwind GmbH (ZfK 1/17, 11) beteiligt. Diese soll vor allem Onshorewind-Projekte realisieren und arbeitet dabei mit dem Projektentwickler Altus zusammen. Will die Stadt Wiesbaden ihre Klimaziele erreichen, kommt gerade der Windenergie eine wichtige Rolle zu. Zwei Mio. Euro hat ESWE in die Vorarbeiten zum Windparkprojekt »Hohe Wurzel« auf dem Taunuskamm oberhalb Wiesbadens investiert. Geplant war der Bau von zehn Windanlagen. Ende Dezember hat das Regierungspräsidium Darmstadt die Genehmigung, unter anderem aus Gründen des Grundwasser- und Denkmalschutzes, abgelehnt. In einer Aufsichtsratssitzung der ESWE Anfang Februar wird nun entschieden, wie der Versorger hierauf reagieren wird.