Ganz auf Netz eingestellt

Peter Molengraaf, CEO von Alliander. Bild: Alliander

Vorstandsvorsitzender von Alliander Deutschland Ton Doesburg Bild: Alliander

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Alliander-Zentrale in Arnheim Bild: Alliander

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Alliander: Der niederländische Verteilnetzbetreiber hat die Aktivitäten bei größeren Konzessionsverfahren wie in Berlin und Hamburg auf Eis gelegt.

F ür viele kam es ziemlich unerwartet: Kurz vor dem Abgabetermin eines verbindlichen Angebots für das Berliner Gasnetz – dieses hätte am 7. April eingereicht werden müssen – haben die Aktionäre von Alliander bei ihrer Hauptversammlung die intensiv von der deutschen Tochter Alliander AG vorangetriebenen Pläne durchkreuzt. »Wir haben keine Erlaubnis für die nächste Zeit, uns an einem größeren Konzessionsverfahren in Deutschland zu beteiligen«, fasst die Konzernsprecherin Karen Nitschke die Ergebnisse der Beratungen zusammen. Alliander hatte sich als einziges Unternehmen für alle Konzessionen (Strom- und Gasnetze) in Berlin und Hamburg beworben.

Offensichtlich hatte sich die Stimmung in den Niederlanden nach den Kommunalwahlen im März gedreht. »Die Aktionäre  stehen einem Ausbau der Aktivitäten in den Niederlanden positiv gegenüber«, heißt es in der Pressemitteilung. Man hege Ambitionen, die Zahl der Kunden innerhalb von fünf bis zehn Jahren zu verdoppeln. Wachstum in den Niederlanden genieße dabei sowohl seitens des Unternehmens als auch aus der Sicht der Aktionäre Vorrang, da hier größere Synergieeffekte erwartet werden.

Z u hundert Prozent in öffentlicher Hand und ohne Interessen an Energieerzeugung oder -handel, sieht sich das Unternehmen eigentlich als idealer Partner der Kommunen. Der niederländische Verteilnetzbetreiber ist 2008 aus der Aufspaltung der Nuon-Gruppe entstanden. Hintergrund waren regulatorische Vorgaben.

Das niederländische Gesetz über die unabhängige Netzverwaltung schreibt vor, dass ein Netzbetreiber nicht mehr zu einer Unternehmensgruppe gehören darf, in der auch Produktion und Handel von Energie betrieben wird. Heute operieren der Energielieferant Nuon und Alliander selbstständig unter derselben Finanzholding n.v Nuon.

Im Gegensatz zu Deutschland sind im westlichen Nachbarland nicht die Kommunen für die Konzessionsvergaben zuständig, sondern die Provinzen als größere Einheiten. So ist Alliander heute im Besitz der Provinzen und Stadtbezirke Gelderland (45 %), Friesland (13 %), Nord-Holland (9 %) und Amsterdam (9 %). Die restlichen 24 % verteilen sich auf kleinere Kommunen westlich und südöstlich der Metropole Amsterdam. Als größter Verteilnetzbetreiber des Landes – vor den Unternehmen Enexis und Stedin – betreut man über 3,6 Mio. Stromanschlüsse und mehr als 2,6 Mio. Gasanschlüsse. Der Marktanteil liegt damit bei etwa 40 %.

 

Seit 2001 in Deutschland aktiv | Hierzulande ist die deutsche Tochter seit 2001 aktiv und in jüngster Vergangenheit vor allem als Bewerber in den Konzessionsverfahren in den Großstädten Berlin, Hamburg und Stuttgart in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Zur deutschen Alliander Gruppe gehören neben der Alliander AG mit Sitz in Berlin die Alliander Stadtlicht GmbH in Berlin mit Betriebsstätten in Cottbus und Rüsselsheim, die Alliander Stadtlicht Rhein-Ruhr GmbH in Hagen, die Alliander Netz Heinsberg AG in Heinsberg und die Alliander Netz Osthavelland in Brieselang. Außerdem ist die Alliander AG an der Stadtbeleuchtung Hagen GmbH und der NHG Netzbetrieb Hennigsdorf GmbH beteiligt.

Wie der Deutschland-Chef Ton Doesburg berichtet, habe man die Ausschreibung von zwölf Konzessionen gewinnen können, jedoch erst eine davon – nämlich das Gasnetz in Heinsberg – zum Jahresbeginn tatsächlich übernehmen können. In der bei Aachen gelegenen Kommune betreibt Alliander bereits das Stromnetz mit 15 600 Anschlüssen.

In letzter Zeit hat man insbesondere große Netzgebiete ins Visier genommen. »Man braucht Volumen, um Geld zu verdienen«, sagt Doesburg, der von 2000 bis 2008 Geschäftsführer von Nuon Deutschland war. Nachdem man sich in Stuttgart schon frühzeitig aus dem Vergabeprozess verabschiedete, konzentrierten sich Aktivitäten auf Berlin und Hamburg.

Doesburg verweist hier insbesondere auf die Erfahrung mit den Strukturen vor Ort. So habe man es in der Region Amsterdam ebenso wie in den beiden deutschen Großstädten mit hohen Grundwasserständen zu tun. Diese Bedingungen seien für einen Netzbetreiber nicht ganz unerheblich, sagt der 65-Jährige, der acht Jahre lang dem niederländischen Senat (Oberhaus) angehörte und zuvor Minister der Provinz Gelderland war. Zudem besitzt Hamburg einen Hafen. »Die Niederlande sind voll von Häfen«, so Doesburg. Sollte er sich für eine von beiden Netzgebieten entscheiden müssen, votiert er spontan für Hamburg. Die Netze seien in einem besseren Zustand und zudem sei die Hansestadt nicht geteilt gewesen.

 

Investitionen über Abschreibungen | Als besonderen Vorteil betrachtet Doesburg die Konzentration des Unternehmens auf den Netzbetrieb. »Wir investieren unseren Verdienst wieder in die Netze.« Dabei seien die Investitionen in den vergangenen Jahren stets größer gewesen als die Abschreibungen. Natürlich wollen jedoch auch die niederländischen Eigentümerprovinzen von ihrem Unternehmen profitieren. Vertraglich festgelegt sei mit diesen jedoch eine Dividenen-Deckelung auf 40 % der Überschüsse.

Laut dem Chef von Alliander Deutschland schlägt sich die hohe Investitionsquote im Zustand der Netze nieder. So ist lt. einer Studie des World Economic Forum und der Unternnehmensberatung Capgemini aus dem vergangenen Jahr die Netzqualität in den Niederlanden die höchste in der gesamten Welt.
Klar ist, dass die Netze, aufgrund der zunehmenden volatilen Einspeisung erneuerbarer Energien, intelligenter werden müssen. Vor vergleichbaren Herausforderungen steht man auch in den Niederlanden. Weniger bedingt durch die eigene Ökostromproduktion, sondern durch die engen Verbindungen zu Deutschland. »Die Niederlande sind in dieser Hinsicht quasi das 17. Bundesland«, sagt Doesburg.

Benötigt werden digitale Netze, die in zwei Richtungen funktionieren. »Dabei muss mehr fließen als nur Strom, es geht auch um Informationen«, so Doesburg. Nachdem Informationen über die Auslastung der Mittelspannung immer schon erfasst werden, muss nun die Niederspannung folgen. Für Doesburg ist klar: »Ohne Informationen, die beim Netzbetreiber zusammenfließen, gelingt die Energiewende nicht.« Damit sei der Manager der Netze implizit auch derjenige, der die Energiewende managt. Laut Peter Molengraaf, CEO von Alliander, befindet man sich schon mitten in diesem Prozess. »Wir entwickeln uns immer mehr zu einem IT-Unternehmen.«

Vorsicht bei Smart Grids | Für eine intelligente Netzsteuerung spricht auch das Thema Wirtschaftlichkeit. Doesburg beschreibt die Situation so: »Zu sagen, ich habe zu viel Strom, ist gleichbedeutend mit der Aussage: Ich habe zu viel Glück.« Dennoch mahnt er  beim Aufbau eines Smart Grids zur Vorsicht. Das hat einerseits ökonomische Gründe. Alle Investitionen in Netze haben einen langen Abschreibungszeitraum. Andererseits geht es um die Versorgungssicherheit, die lt. dem studierten Wirtschafts- und Marketingexperten die »wichtigste Aufgabe« eines Netzbetreibers ist. Hinzu kommt die ungewisse Zukunft. »Keiner weiß, wie die Energiewende ausgeht, aber wir müssen dafür heute schon Lösungen finden.« Eine genaue Abwägung tut deshalb Not. Für Alliander-Chef Molegraaf besteht deshalb die Hauptaufgabe darin, heute die richtigen Entscheidungen für die Energienetze der Zukunft zu treffen.

Immer häufiger steht man vor der Frage: Wo braucht man ein Smart Grid und wo reicht eine Digitalisierung der Netze? In den Niederlanden praktiziert Alliander dies bereits. Über zwei redundante Leitstellen in Harlem und Arnheim wird das Strom- und Gasnetz für die Versorgung von etwa 7 Mio. Kunden überwacht.
Klar ist, dass Ballungszentren auch zukünftig aus dem Umland versorgt werden müssen. »Berlin kann nicht energieautark sein«, sagt Doesburg. Dies gilt auf jeden Fall für den Strommarkt. Etwas anders sieht es in der Wärmeversorgung aus. »Der Schwerpunkt der Berliner Energiewende liegt in der dezentralen Wärmeerzeugung«, sagt Jürgen Zenke.


4000 BHKW für Berlin | Gemeinsam mit elf weiteren Experten hat der Berater für die Hauptstadt ein Wärmekonzept im Auftrag von Alliander erstellt. Dieses sieht vor, in den kommenden zehn Jahren rd. 4000 Blockheizkraftwerke (BHKW) in der Leistungsklasse von 20 bis 400 kWel zu installieren.

Die bei 6000 Volllaststunden produzierte Strommenge von 1760 GWh bzw. Wärmemenge (3340 GWh) erreicht in etwa die durchschnittliche Jahresstromerzeugung des Heizkraftwerks Mitte von 1950 GWh und übersteigt sogar die Jahreswärmeerzeugung von 1200 GWh deutlich. Die Experten haben errechnet, dass innerhalb von zehn Jahren Investitionen von mindestens 1,28 Mrd. € in die dezentrale KWK-Erzeugung notwendig sind, um die energiepolitischen Ziele der Bundeshauptstadt zu erreichen.

Gut zu Berlin passen würden auf jeden Fall  die Aktivitäten im Bereich Elektromobilität. Schließlich verfügt die Bundeshauptstadt heute mit über 200 Lademöglichkeiten über die größte öffentlich zugängliche Ladeinfrastruktur in Deutschland. Alliander hat hier mehr zu bieten. Das Unternehmen betreibt in den Niederlanden bereits 1030 öffentliche Ladestationen, allein im vergangenen Jahr sind 300 hinzugekommen. Aktuell hat die Provinz Arnheim Alliander Mobility Services die Konzession für die Auslieferung und den Betrieb eines Ladestellennetzes erteilt. Auch in diesem Bereich sieht CEO Molengraaf das Unternehmen als »idealen Partner« der Kommunen.

Ganz aufgegeben haben die Niederländer die Pläne in deutschen Großstädten aber offenbar noch nicht. »Wir müssen prüfen, was unsere nächsten Schritte im Stromverfahren in Berlin und in Hamburg sein werden«, sagt Alliander-Sprecherin Nitschke auf ZfK-Nachfrage.

Alliander NV

Umsatz 2013: 1,744 Mrd. € (2012: 1,674)
Ergebnis nach Steuern: 288 Mio. € (224)
Mitarbeiter:
7140
Stromanschlüsse:
3,063 Mio.
Gasanschlüsse:
2,649 Mio.

Aktivitäten in Deutschland:
Umsatz 2013:
32 Mio. € (67 % Öffentliche Beleuchtung, 33 %Netzbetrieb)
Mitarbeiter: 151
Stromanschlüsse: 15 600 (in Heinsberg)
Anzahl der Lichtpunkte: 62 000
Neue Aktivitäten 2014:

  • Gasnetz Heinsberg (4100 Anschlüsse)
  • Öffentliche Beleuchtung in Coesfeld (5000 Lichtpunkte), in Strausberg (3000) und in Wunstorf (6000)

Konzessionsgewinne (Umsetzung 2014/15): Strom und Gas in Henningsdorf, Osthavelland und Mühlenberger Land sowie nur Gas in Eberswald