Haßfurt im Winter Bild: Stadt Haßfurt

Haßfurt: Das ausgerollte Stadtwerk

Der einzige deutsche Versorger mit nur noch fernauslesbaren Stromzählern ist auch in anderer Hinsicht ein Vorreiter.

Sein Handy klingelt ins Gespräch rein. Norbert Zösch geht ran, danach entschuldigt sich der Energietechnik-Ingenieur: Er hat jetzt Netzbereitschaft. Alle sechs Wochen tut sich das der Alleingeschäftsführer des Stadtwerks Haßfurt an. „Um nicht abzuheben“, sagt der Unterfranke. Er sieht sich als Motivierer und Erklärer seiner 35 Mitarbeiter. „Einsam von oben verordnen klappt nicht.“ Das gehört wohl zu den Erfolgskriterien des einzigen deutschen Versorgers, der alle Stromkunden mit fernauslesbaren Zählern ausgestattet hat. Der Smart-Meter-Rollout ist seit Frühjahr abgeschlossen mit 7800 Zählern von Echelon, vertrieben von EVB. Ein paar Mitarbeiter Zöschs entschieden in allen Phasen mit.


Es lief schneller und besser als erwartet: Bereits 2014 statt 2016 amortisieren sich die Zähler. Das Stadtwerk least sie auf 13 Jahre von der Sparkasse. Die technischen Voraussetzungen waren günstig: eigenes Web über die Steckdose (Powerline), eigene Leitungen, eigene Serverfarm. Die Schwesterfirma „Schnell im Netz – Internet Haßfurt“ schließt mit drei Beschäftigten u. a. Lücken im VDSL-Netz der Telekom im Landkreis. Sie speichert stündliche Daten, wenn der Verbraucher der Datenschutzerklärung zustimmt, sonst monatliche. In Informationsveranstaltungen hatte Zösch den bodenständigen Franken die leichtere Abklemm-Möglichkeit als Schutz gegen Stromdiebe nahegebracht. Am Ende fragten Zuhörer, wann es denn endlich losgeht. Ein einziger lehnte den Echelon ab – zunächst. Die Zahlungsmoral hob sich. Die Verbrauchsablesung hatte früher bis zu vier Wochen erfordert. 2010 war sie bei den dann 6000 Zählern in 25 Minuten erledigt. Gas- und Wasserzähler werden ebenfalls auf smart umgestellt, aber nur, wenn die alten ohnehin raus müssen. Das Stadtwerk rechnet auch Müll und Abwasser ab. Der Stromverbrauch sinkt (Vertriebsmenge 2010: 49 Mio. kWh). Das habe viele Gründe, sagt Zösch, aber jetzt entdecken die Privatkunden am PC-Bildschirm oder in der Smartphone-App, was Stromfresser kosten wie der aus Gewohnheit laufende zweite Kühlschrank im Keller . Das Stadtwerk gehört der Intelliekon-Initiative zum smarten Energiesparen an. Derzeit beginnt mit 20 Haßfurter Haushalten ein Versuch zur Heimautomation zusammen mit dem Anbieter Rockethome.

 

Haßfurt steht vor einem lastvariablen Netz, danach sollen lastvariable Tarife kommen und dann erst ein Smart Grid, das Zösch zufolge „zwingend“ ist. Schon jetzt verlagert das Stadtwerk zu Lastspitzen die Pumparbeit seines Wasserwerks. Die Mittagsspitzen sind dank ca. 6,5 MW Photovoltaik weg. Daran hat das Kommunalunternehmen maßgeblichen Anteil: Es mietet Dächer an. Nach 20 Jahren dürfen die Hauseigner die Anlagen übernehmen oder einen Abbau verlangen.  2015 nur noch Regenerative | Ziel ist eine 100 % erneuerbare Stromversorgung bereits 2015. Etwa 15 Jahre später will das der Landkreis schaffen: Kreistag und die 26 angehörigen Kommunen gründeten einstimmig die „Gesellschaft zur Umsetzung regionaler Technologieprojekte“ (GUT). Zösch führt deren Geschäfte mit. GUT soll zunächst die Windkraft ausbauen; im August nahm das Stadtwerk in Haßfurt drei 2,3-MW-Windräder in Betrieb, die es weitgehend an Privatinvestoren weitergibt, zu 3,5 % Rendite bei der Sparkasse. „Die Anteilsscheine waren binnen vier Tagen weg“, berichtet Zösch. Der Ökostrom daraus wird von Greenpeace Energy gekauft, das Stadtwerk vertreibt ihn. Als Contractor betreibt die Schwestergesellschaft Städtische Betriebe Haßfurt, die Zösch ebenfalls leitet, 16 Blockheizkraftwerke mit Leistungen zwischen 1 und 250 kWel. Sie hat seit 1985 die Betriebsführung von Erlebnisbad, Eissportstadion und Parkhaus. In jenem Jahr begann überhaupt erst die Gasversorgung. Seit Umwandlung in eine GmbH 2003 halten Ferngas Nordbayern und Eon Bayern Gesellschafter 24,9 %. 2009 blieb eine Rendite von 4,9 % auf 21 Mio. € Umsatz, von der 75 % an die Gesellschafter gingen. „Der Gewinn fließt in die Infrastruktur der Stadt zurück“, das ist Zösch wichtig. Es gebe eine lebendige Debatte über einen Herauskauf von Eon. Die jeweiligen Vollversorgungsverträge laufen aus, danach entscheiden nur noch die Konditionen. Mittlerweile führt das Stadtwerk fremde Gasnetze. Es betreibt auch je eine Erdgas- (1,5 Mio. kWh/a) und eine Strom-Tankstelle. Sein Geschäftsführer dürfte mit der Einzige sein, der beim Bewerbungsgespräch die Umbenennung der „Stadtwerke“ in ein „Stadtwerk“ durchsetzte. Der Singular sollte 1998 das Spartendenken überwinden. Norbert Zösch bittet nochmals um Entschuldigung: Er will pünktlich zum 1,4-MW-Biogas-Blockheizkraftwerk. Es geht eine Woche später in Betrieb.