Anstatt einen Bericht erst umständlich anfordern zu müssen, können die Innogy-Verantwortlichen nun direkt im neuen SAP-IT-System nachsehen. Bild: © Shutterstock

Projektbericht: So gelingt die digitale Transformation

Energiewende, Digitalisierung, hoher Kosten- und Wettbewerbsdruck: Die Versorgungsindustrie verändert sich so radikal wie kaum eine andere Branche. Während viele Entscheider noch zögern, ihre IT-Systeme fit für die Zukunft zu machen, hat sich Innogy SE bereits neu aufgestellt.

Die Innogy SE wurde 2016 als eigenständige Gesellschaft aus dem RWE-Konzern ausgegliedert und musste sich mit Blick auf Compliance, Standardisierung, Optimierung und Digitalisierung neu organisieren. »Das SAP-System aus dem Kraftwerksbereich war 15 Jahre alt. Und auch unser SAP-System für die Netz- und Vertriebsgesellschaften war bereits in die Jahre gekommen«, erinnert sich Ulrich Borgdorf, Head of Services Accounting/Finance bei Innogy. »Die Modernisierung der Systeme war schon länger angedacht; es war aber schwer, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen. Die Neuorganisation war dann die Initialzündung, uns auf den neuesten technischen Stand zu bringen und auf SAP S/4HANA umzustellen.«

Komplex erschien das Vorhaben dann natürlich dennoch. Deshalb entschied sich das Projektteam bewusst dagegen, das Vorhaben in traditioneller Form mit einer Sammlung aller Anforderungen aus den Fachbereichen zu beginnen. »Das war ungewöhnlich und sorgte intern zunächst für Gesprächsstoff«, erzählt Projektleiter Borgdorf. »Aber wasserfallbasierte Implementierungsprojekte, bei denen die Software an jeden unternehmensspezifischen Prozess angepasst wird, scheitern allzu oft – das wäre bei unserer Größenordnung leicht ein Desaster geworden.«

In time und in budget

Bei SAP S/4HANA sind die Prozesse nach SAP-Best-Practices aufgesetzt. Das und die agile Implementierungsmethode SAP® Activate führten das Projekt zügig zum Erfolg – in time und in budget. »Im Grunde hatte die Standardversion schon alle wesentlichen Prozesse, die wir brauchen«, sagt Borgdorf.

»Dennoch gab es natürlich Anpassungs- und Ergänzungswünsche der Fachabteilungen. Wer diese aber umgesetzt haben wollte, musste das gut begründen und insbesondere auch die dadurch zusätzlich entstehenden Kosten rechtfertigen«, so der Projektleiter. »Das führte dazu, dass sich die einzelnen Abteilungen sehr genau überlegt haben, ob sie bestimmte Änderungen und Ergänzungen wirklich benötigen oder ob der Standardprozess nicht auch den Zweck erfüllt.« Am Ende wurden etwa 600 Busi­ness-Anforderungen ergänzt und 300 Schnittstellen zu anderen Systemen geschaffen.

»Innovation Layer« für neue Anforderungen

Heute verfügt Innogy über eine Plattform für alle Kernprozesse und Innovationen wie aus dem Lehrbuch: mit einem zuverlässigen, hochleistungsfähigen Digital Core sowie einem Innovation Layer, mit dem sich schnell und flexibel neue Anforderungen abbilden lassen.

Zunächst galt es, den Vorstand für das Vorhaben zu gewinnen. Das gelang mithilfe einer Bench­markanalyse. »Dabei kristallisierte sich heraus, dass es, verglichen mit Best-in-Class-Unternehmen, für uns noch einige nicht ausgeschöpfte Effizienzpotenziale zu realisieren gab«, sagt Borgdorf. Die zweite Herausforderung war, ein schlagkräftiges Team zu bilden. Mitarbeiter mit dem notwendigen Know-how, die man für die zweijährige Projektlaufzeit aus ihrem Kerngeschäft nehmen konnte, waren nicht so leicht zu finden. Schlussendlich musste auch die agile Projektmethode erst etabliert werden; dazu gab es im Vorfeld umfassende Schulungen. Statt erst alle Anforderungen zu definieren, arbeitete das Projektteam von Anfang an im System und ergänzte dieses Schritt für Schritt in jeweils dreiwöchigen Implementierungsperioden (»Sprints«).

Neuorientierung nach jedem Projektschritt

»Wir haben nicht einfach To-do-Listen abgearbeitet, sondern nach jeder Implementierungsperiode die noch offenen Anforderungen neu bewertet und priorisiert«, erzählt Borgdorf. »Das war eine ungewohnte Arbeitsweise für jeden von uns, aber es hat gut geklappt und inzwischen sind alle sehr zufrieden mit der neuen Lösung.«

Mit dem neuen IT-System hat Innogy nun eine »Source of Truth«: Die Daten für Accounting, Controlling und Co sind einheitlich. Und sie sind aktuell: Denn anstatt einen Bericht erst umständlich anfordern zu müssen, schauen die Verantwortlichen nun einfach selbst direkt im System nach.

Rollout auf den ganzen Konzern

Das erste Ziel ist erreicht: Innogy ist auf die neue Technologie umgestellt. Nun gilt es, diese auch für den weiteren Innogy-Konzern zu erschließen. Das Grundkonzept für den Rollout ist bereits erarbeitet. Daneben analysiert das Projektteam derzeit in zwei sogenannten Proof-of-Concepts gemeinsam mit Fachleuten aus dem Netzbereich, wie die spezifischen kaufmännischen und technischen Anforderungen des Netzgeschäfts am besten mit dem System bedient werden können. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend.

Der SAP-Standard deckt bereits einen Großteil der Anforderungen ab. Und die an das System angeschlossene SAP Cloud-Plattform eröffnet zusätzlich einen Baukasten an leistungsfähigen Werkzeugen, die gezielt für die weitere Optimierung der Prozesse genutzt werden können. Mit der neuen Systemlandschaft schafft der Energieversorger dann auch die digitale Wende. (hp)