Seit Anfang Januar steht Stefan Dohler an der Spitze des Energiekonzerns EWE.
Bild: © EWE AG

Schnelles Internet: EWE-Chef dämpft Erwartungen

Der Bauboom verzögert den Glasfaserausbau in Niedersachsen, sagt Stefan Dohler. Deshalb müsse man in Zehn-Jahres-Zeiträumen denken.

Flächendeckendes schnelles Internet wird es in Niedersachsen nach Einschätzung des neuen EWE-Chefs Stefan Dohler erst in rund zehn Jahren geben. «Beim Thema schnelles Internet ist Niedersachsen wie alle anderen Bundesländer noch weit von dem Anspruch entfernt, den man eigentlich braucht», sagte der Vorstandsvorsitzende des Oldenburger Energie- und Telekommunikationsunternehmens der Deutschen Presse-Agentur. «Es ist aber auch weiterhin viel zu tun und man muss in einem Zehn-Jahres-Zeitraum denken.» EWE will in den kommenden Jahren rund 1,2 Mrd. Euro in einen großflächigen Glasfaserausbau investieren. «Damit können wir einen großen Schritt Richtung flächendeckende Gigabit-Internetversorgung
machen», sagte der 51-Jährige, der seit Januar an der Spitze des Konzerns mit rund 9000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steht.

Appell: Fördergelder so lange bereitstellen, wie Ausbau dauert

Die Erwartungen der Bundesregierung für Fortschritte bei der Digitalisierung empfindet Dohler als zu hoch gesteckt. Die Politik stelle Milliardensummen für Digitalisierung in Aussicht, verlange aber den Ausbau innerhalb eines sehr engen Zeitrahmens. «Jeder der bauen muss, der weiß: In so kurzer Zeit bin ich nicht fertig, dafür sind die Baukapazitäten aktuell viel zu knapp.»
Es dürfe nicht sein, dass Fördergelder dann verfallen. «Wir sehen das als Generationenaufgabe.» Für Unternehmen wie EWE sei es wichtig zu wissen, dass die Fördergelder solange bereitstehen, wie ein Ausbau realistischerweise dauert. «Dann kann die Industrie planen und einen Markt entwickeln.»

"Baukapazitäten nahezu ausgeschöpft"

Beim Ausbau des Glasfasernetzes im Nordwesten gibt es Dohler zufolge große Probleme mit der Bauleistung. «Wir sehen, dass die Tiefbaupreise gerade massiv nach oben schießen, weil die Baukapazitäten nahezu ausgeschöpft sind und wir daher keine Anbieter finden», sagte der Diplom-Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik. «Der Markt ist aufgrund des Baubooms in der allgemeinen Wirtschaft komplett abgegrast. Alle tun sich schwer, genügend Bautrupps rauszubringen.»

"EWE hat ein paar echte Pfunde"

Grundsätzlich sieht Dohler EWE sehr gut für die Herausforderungen der Energiewende und der Digitalisierung aufgestellt. "EWE hat ein paar echte Pfunde, die ich sehr attraktiv finde", so der Energiemanager in einem Interview mit der "Nordwestzeitung". Als Beispiele nannte er die Innovationskraft, ein zukunftsorientiert ausgerichtetes Portfolio ohne konventionelle Altlasten im Erzeugungsbereich und eine starke IT-Kompetenz. Dennoch sehe sich der Energieversorger auch mit ganz eigenen Herausforderungen konfrontiert. "Wir müssen rasch auf Marktänderungen reagieren und extrem kundenorientiert arbeiten", so der EWE-Vorstandsvorsitzende. Die Netze würden noch auf lange Sicht ein sehr wichtige Ergebnisstütze für den Energiekonzern bleiben. Wachstum werde künftig vor allem kundennah passieren, unter anderem im Bereich Energiedienstleistungen. Aktuell diskutiere der Vorstand über die bestehene Strategie 2026. "Bis zum Sommer wollen wir klare inhaltliche Schwerpunkte benennen", erklärte Dohler.

Offshore-Windenergie: "Ich sehe künftig mehr Teilhabe"

Überrascht zeigte sich der neue starke Mann in Oldenburg darüber, "wie wenig erneuerbare Kapazitäten EWE bei dieser Größe betreibt". Aktuell seien durchaus weitere Investitionen in Offshore-Windprojekte Teil der EWE-Strategie. Das müsse aber nicht heißen, dass man diese auch selber finanziert. "Man kann auch Entwickler sein und sich Partner suchen, die Geld reinbringen", stellt er klar. Früher hätten Energieversorger alles selbst haben und machen müssen. "Das ist die Welt von gestern, ich sehe zukünftig mehr Teilhabe", bekräftigte der gelernte Seemann.

Investorensuche: Prozess läuft bis mindestens 2019

Die Suche nach einem strategischen Investor werde sicherlich bis 2019 andauern. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte erst Ende Februar, dem australischen Infrastrukturinvestor Macquarie, dem Öl- und Gaskonzern Shell, der Allianz-Tochter Allianz Capital Partners und dem niederländischen Pensionsfonds PGGM Interesse an einem Minderheitsanteil an EWE in Höhe von
26 Prozent nachgesagt. "Solche Spekulationen sind üblich, waren aber kompletter Blödsinn", findet der gebürtige Moselaner deutliche Worte. Fakt sei vielmehr, dass bis zum Sommer mit den Anteilseignern eine Strategieüberprüfung vorgenommen werde. "Dabei legen wir fest, wie wir EWE inhaltlich aufstellen wollen. Im nächsten Schritt werden wir dann schauen, welcher Partner zu EWE passt", versichert er. Das Oldenburger Unternehmen befindet sich überwiegend im Besitz von Städten und Landkreisen in Nordwestdeutschland.

"Kultur der Offenheit schaffen"

Nach den Turbulenzen rund um den Rauswurf seines Vorgängers Matthias Brückmann will der 51-Jährige den internen Umgang mit Fehlern und Kritik verbessern. «Auf fast jeder Veranstaltung, auf der ich bin, bringe ich das Thema Compliance an. Ich weiß, dass das auch mal nerven kann, aber wir schützen uns damit selber. Wir müssen eine Kultur der Offenheit schaffen, in der Leute keine Angst haben müssen, kritische Punkte anzusprechen.»

Der EWE-Aufsichtsrat hatte Brückmann im Februar 2017 wegen «einer Vielzahl diverser grober Verfehlungen» entlassen. Zuvor waren Vorwürfe gegen Brückmann durch anonyme Briefe bekannt geworden. Nach EWE-Angaben hat Brückmann etwa bei einer Spende von 253 000 Euro an eine Stiftung des Ex-Boxweltmeisters Wladimir Klitschko gegen interne Regeln verstoßen. Die Kündigung wird gerichtlich untersucht, denn Brückmanns Anwalt Bernd-Wilhelm Schmitz sieht kein Fehlverhalten, das einen Rauswurf rechtfertigt. Mit einem Zivilprozess will er erreichen, dass die Kündigung für unwirksam erklärt wird. Schmitz zufolge fordert der Ex-EWE-Chef rund 6,6 Millionen Euro von seinem früheren Arbeitgeber.  (hoe/dpa)