Strikt nach KWK-Philosophie

Bild: Stadtwerke Potsdam

Das Heizkraftwerk der Stadtwerke Potsdam Bild: Stadtwerke Potsdam

Die Hauptverwaltung der Stadtwerke Potsdam in der Steinstraße Bild: Stadtwerke Potsdam

SWP-Geschäftsführer Wilfried Böhme, bei der Eröffnung des BHKW Bild: Stadtwerke Potsdam

Die Beteiligungsstruktur der Stadtwerke Potsdam Bild: Stadtwerke Potsdam

Stadtwerke Potsdamm: Anstatt der Erweiterung des GuD-Kraftwerks kommen dezentrale BHKW zum Einsatz. Chancen im Zuzugsgebiet

Die Energiewende hat bei den Stadtwerken Potsdam (SWP) bereits vor einigen Jahren begonnen. Dies wird einem schnell klar, wenn man die 1997 fertiggestellte Hauptverwaltung des Querverbundunternehmens betritt. Schon von weitem kündet eine auf einem Turm installierte Photovoltaik-Anlage mit Sonnennachführung von einer umweltfreundlichen Energiewelt, ebenso wie die Wärmeübergabe-Station in einem verglasten Gebäude direkt neben dem Eingangsbereich. „Genau an dieser Stelle stand früher ein mit Braunkohle betriebener Heißwassererzeuger“, erläutert SWP-Geschäftsführer Wilfried Böhme. Seit 1995 produziert ein modernes Kraft-Wärme-Kopplungs(KWK)-Kraftwerk im Süden der Stadt gleichzeitig Wärme und Strom. Dies reduzierte den CO2-Ausstoß sofort um rd. 74 %.

Auch heute setzen die Stadtwerke weiter auf KWK, wenn auch auf kleinere Anlagen, u. a. auf die 2-MW-Klasse. Im November vergangenen Jahres ging ein erstes Projekt, ein mit Klärgas betriebenes Blockheizkraftwerk (BHKW) auf dem Gelände der städtischen Kläranlage, in Betrieb. Vier weitere sind derzeit bereits im Bau oder in der konkreten Projektierung. Diese dezentralen Anlagen bringen mehrere Vorteile mit sich. Ursprünglich war der Bau eines dritten Blocks der GuD-Anlage Süd angedacht. Davon ist man mittlerweile abgekommen. Neben der geringeren Kapitalbindung führt SWP-Chef Böhme den wesentlich flexibleren Betrieb der BHKW an, beispielsweise im Wartungsfall. Insbesondere Neubau- und Entwicklungsgebiete sind gut geeignet. Da es sich meist um Ein- und Zweifamilienhäuser handelt, eignen sich hier Insellösungen mit dezentralen Lösungen.

EEG- statt KWK-Förderung | Da die BHKW mit Biogas betrieben werden, kommt die staatliche Förderung hinzu. Aufgrund der günstigeren Bedingungen hat man sich in Potsdam für die Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und gegen die KWK-Förderung entschieden. Obwohl die Kosten für einen Kubikmeter Biogas den des regulären Erdgases um etwa den Faktor drei übersteigen, ist dieser Weg wirtschaftlicher, berichtet Böhme. Das Biogas kauft SWP über den freien Markt zu.
Grundsätzlich war es dem Geschäftsführer wichtig, bei der KWK-Philosophie zu bleiben. Damit ist man bisher gut gefahren. Etwa 62 % der Haushalte der Landeshauptstadt beziehen derzeit Fernwärme. Über gezielte Nachverdichtungen des Netzes will man die Quote auf bis zu 65 % steigern. „Dies wäre ein sehr guter Wert“, sagt Böhme.
Mehr Flexibilität soll ein Wärmespeicher bringen. Die Inbetriebnahme der drucklosen,  etwa 25 m hohen Anlage mit einem Fassungsvermögen von 25 000 m3 ist für Mitte kommenden Jahres geplant. „Dies erlaubt es uns, die GuD-Anlage an den Wochenenden bei Bedarf stillzulegen“, erläutert Böhme. Die Energieproduktion ist zu diesen Zeiten häufig nicht mehr lukrativ. In den Sommermonaten wird man in der Lage sein, etwa ein Viertel des wöchentlichen Wärmeverbrauchs zu speichern, im Winter ist der Effekt deutlich geringer. Hier lässt sich ggf. lediglich der Betrieb eines der drei Heißwassererzeuger reduzieren. Der Speichereinsatz ist offensichtlich auch von der wirtschaftlichen Seite interessant. Der Geschäftsführer rechnet mit einer Amortisationszeit von fünfeinhalb bis sechs Jahren.
Eine mit 600 m3 wesentlich kleinere Speicheranlage ist im Potsdamer Norden geplant. Dafür ist die technische Umsetzung anspruchsvoller, da es sich um einen Erdwärmespeicher handelt. Angezapft wird ein Aquifer in etwa 400 m Tiefe. Böhme hebt die günstigen geologischen Bedingungen hervor und geht davon aus, 2015 mit dem Bau beginnen zu können. Aufgrund der aufwendigeren Technik beziffert er die Amortisationszeit hier auf 15–18 Jahre.

Kälte aus Wärme | Bereits Erfahrungen haben die Potsdamer mit einer anderen innovativen Technik: der Kältegewinnung aus Wärme. Seit 2009 kühlt eine 4,5-MW-Absorptionsanlage das größte Einkaufszentrum der Landeshauptstadt. Für Böhme eines der interessantesten Projekte der Stadtwerke der vergangenen Jahre. Die Stadtwerke, die dabei als Contractor auftreten, analysieren derzeit weitere Einsatzmöglichkeiten. Eine genaue Einzelfallbewertung ist für Böhme unabdingbar, denn schließlich müssen sich die Anlagen für die Kunden rechnen.
Diese Aktivitäten tragen dazu bei, dass das Unternehmen recht erfolgreich am Markt agiert. 2011 steigerte sich der Umsatz um rd. 7 Mio. auf 231 Mio. €. Für 2012 rechnet der  Geschäftsführer mit einem „ähnlich erfolgreichen Jahr wie 2011“, für 2013 ist er „etwas zurückhaltender“.

Expertise des Konzerns |
In der Holding Stadtwerke Potsdam sind die städtischen Anteile der Ver- und Entsorgungsunternehmen sowie des Verkehrs- und Bäderbetriebs gebündelt. Das sind die unmittelbaren Beteiligungen an der Energie und Wasser Potsdam GmbH (EWP), der Stadtentsorgung Potsdam GmbH (STEP), der ViP Verkehrsbetrieb Potsdam GmbH, der Bäderlandschaft Potsdam GmbH (BLP), der Stadtbeleuchtung Potsdam (SBP) und dem Kommunalen Fuhrparkservice Potsdam (KFP). An STEP hält SWP 51 %, die restlichen Anteile gehören Remondis, EWP ist zu 65 % im Eigentum der SWP, 35 % hält Eon Edis. Böhme wertet die Zusammenarbeit mit der Eon-Tochter unterm Strich als gut. Vorteilhaft sei, von der Expertise eines Energiekonzerns zu profitieren. Ein Beispiel ist die Windkraft, wo Eon „wesentlich weiter“ ist.
Die Windenergie ist ein Geschäftsfeld mit Wachstumsaspekten für die Potsdamer. Hier kann sich Böhme durchaus eine engere Kooperation mit Eon Edis vorstellen, ob es um die Beteiligung an Projekten geht oder sogar um die eigene Entwicklung von Windparks. Der 61-jährige Familienvater geht davon aus, dass noch im ersten Halbjahr erste Projektabschlüsse getätigt werden.
Mit einem im Oktober erstmals aufgelegten EWP-Kundenfonds will man diese an nachhaltigen Projekten wie Windkraft, BHKW oder Speicher beteiligen. Der Klimafonds umfasst eine Zeichnungssumme von 5 Mio €. Die Verzinsung beträgt in den Anfangsjahren 2,5 %. Wer zehn Jahre dabeibleibt, bekommt dann eine zusätzliche Verzinsung von 7,5 % auf sein eingesetztes Kapital. Bisher sind rd. 20 % des Gesamtvolumens gezeichnet. Böhme ist damit grundsätzlich zufrieden, auch wenn er betont, dass etwas mehr nicht schlecht wäre.

Marketingoffensive | Dieses Instrument zur Kundenbindung wird flankiert von einer Marketingoffensive, die EWP zu Jahresbeginn gestartet hat. Dies ist die erste eigene Kampagne, nachdem man zwölf Jahre lang gemeinsam mit Energieversorgern aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in der Initiative Local Energy zusammengearbeitet hat. Diese hat SWP zum Jahresbeginn verlassen. „Wir möchten weg von der englischsprachigen, recht anonymen Marke Local Energy und stärker unser eigenes lokales Profil als EWP schärfen“, begründet Marketingleiterin Karin Sadowski den Schritt.
Der neue Markenauftritt wurde im Vorfeld auch der Belegschaft vorgestellt. Die EWP-Mitarbeiter konnten dazu ihre Vorschläge in „Ideenboxen“ stecken, die an jedem Standort aufgestellt wurden. Die Ideenboxen sind auch dafür da, weitere Vorschläge zu sammeln, wie die Marken-Werte im Alltag umgesetzt werden können oder um Ideen zu geben, welche weiteren Kampagnen-Motive abgeleitet werden können.

2000 Neubürger pro Jahr | Potsdam ist für Energieanbieter ein interessantes Terrain, immerhin steigt die Einwohnerzahl Jahr für Jahr um rd. 2000. In 2030 sollen 30 000 Menschen mehr dort leben als die 159 000 von heute. Und EWP will möglichst viele davon für sich gewinnen. Verschiedene Maßnahmen wie ein Online-Portal, das die Anmeldung erleichtert, sollen dazu beitragen. „Ich will die Kunden behalten und nicht verlieren und dann wiedergewinnen“, gibt Geschäftsführer Böhme die Strategie aus.
Bei Strom schätzt er den SWP-Versorgungsanteil auf 80 % (2011: 362 GWh), bei Gas auf 85 % (483 GWh). Die zu Jahresbeginn infolge staatlicher Umlagen notwendigen Preissteigerungen habe das Unternehmen gut verkraftet, berichtet Böhme. Die Kundenverluste beziffert er mit unter 1000. Für eine gewisse finanzielle Kompensation bei den Kunden sorgt eine besondere Maßnahme: Diejenigen, die ihre Einzugsermächtigung auf das neue ab 1. Jan. 14 vorgeschriebene
SEPA-Verfahren akzeptieren, erhalten für 2013 einen einmaligen Kundenbonus von 12 €. Das hat auch für SWP Vorteile: „Wir wollen zum SEPA-Start fit sein“, erläutert Böhme, der seit 1997 im Unternehmen tätig ist, seit Anfang 2012 als SWP-Geschäftsführer.
Fit sein soll auch die neue „Kleine Netzgesellschaft“, die aufgrund der Überschreitung der Grenze von 100 000 Kunden zum Jahresbeginn gegründet werden musste. EWP verpachtet das Strom- und Gasnetz an die neue Netzgesellschaft Potsdam (NGP). Ganz im Sinne des Unbundling hat man auch auf räumliche Trennung geachtet, denn die zehn NGP-Mitarbeiter sind in einem separaten Gebäude untergebracht. Diese haben jedoch lediglich einen kurzen Weg über die Straße, um ins verglaste Hauptgebäude mit dem Solarturm davor zu gelangen.