Selbstwahrnehmung und Realität bei der Umsetzung von KI-Maßnahmen scheinen in der deutschen Wirtschaft laut zweier Studien auseinanderzuklaffen.

Selbstwahrnehmung und Realität bei der Umsetzung von KI-Maßnahmen scheinen in der deutschen Wirtschaft laut zweier Studien auseinanderzuklaffen.

Bild: © KI-generiert

Zwischen Selbstbild und Realität klafft in deutschen Unternehmen eine große Lücke. Zwei neue Studien, eine Erhebung des Tech-Dienstleisters Tieto und die Studie "Der Deutschland Case" von IW Consult im Auftrag des Internetverbands Eco, zeichnen ein ernüchterndes, aber auch hoffnungsvolles Bild der KI-Transformation.

Rund 77 Prozent der befragten Führungskräfte stufen ihre KI-Integration als "fortgeschritten" oder "sehr weit fortgeschritten" ein. Tatsächlich haben erst sieben Prozent künstliche Intelligenz vollständig in ihre Kernprozesse integriert. Das ist das zentrale Ergebnis der Tieto-Studie, für die das Institut TQS Research & Consulting zwischen April und Mai 2026 insgesamt 202 KI-Verantwortliche und Führungskräfte aus deutschen Unternehmen interviewte, auch aus der Energiewirtschaft.

Gleichzeitig wächst der Druck. Jede zweite befragte Führungskraft befürchtet verpasste Chancen bei Effizienzsteigerung, Innovation und der Senkung von Betriebskosten, wenn das eigene Unternehmen beim KI-Einsatz nicht mithält. Jeder Dritte sieht sogar den Verlust von Marktanteilen als konkrete Gefahr, heißt es in der Tieto-Studie.

KI-Nutzung verdoppelt sich in kurzer Zeit

Dass KI in Deutschland an Fahrt aufnimmt, zeigt die nahezu zeitgleich erschienene Eco-Studie. Für die Untersuchung wurden 500 Unternehmen sowie 79 KI-Start-ups befragt; zusätzlich analysierten die Autor:innen rund 55 Millionen Online-Stellenanzeigen aus den Jahren 2019 bis 2025. Dass Ergebnis: Der Anteil der Unternehmen, die KI-Technologien nutzen, hat sich seit 2024 um 118 Prozent erhöht und liegt aktuell bei 40 Prozent.

Das wirtschaftliche Potenzial scheint erheblich. Unternehmen erzielen in Deutschland laut Eco-Studie bereits rund 120 Milliarden Euro Umsatz durch Produktinnovationen mit KI-Elementen. Frühere Berechnungen der IW Consult sehen bis 2034 einen zusätzlichen Bruttowertschöpfungseffekt von bis zu 330 Milliarden Euro durch den Einsatz von KI – hinzu kämen rund 110 Milliarden Euro aus Innovationspotenzialen.

Daten als größter Engpass

Zwischen Potenzial und Umsetzung stehen vor allem Datenhürden. Laut Tieto-Studie zählen 45 Prozent der Befragten Datensicherheit und Cybersicherheit zu den größten Risiken; vier von zehn nennen Datenschutz als konkrete Hürde. Jeder Dritte gibt an, den KI-generierten Ergebnissen nicht zu vertrauen. Nur 25 Prozent nutzen KI aktiv zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Robert Kaup, Head of Tieto Tech Consulting Central Europe, kommentiert: "Statt echte Innovation voranzutreiben, optimieren die meisten nur das Bestehende. Wer jetzt die richtigen KI-Kompetenzen aufbaut, gewinnt morgen."

Die Eco-Studie beleuchtet denselben Befund aus einem anderen Blickwinkel. Sie unterscheidet drei Typen:

  • Reine Anwender – die fertige Lösungen einsetzen
  • KI-Spezialisierer – die Modelle für eigene Zwecke anpassen und
  • Duale Anwender – die beide Ansätze kombinieren.

Insgesamt 54 Prozent der KI-nutzenden Unternehmen zählen laut der Studie zu Spezialisierern oder dualen Anwendern. In der deutschen Wirtschaft wird wohl zu einem nicht unerheblichen Teil nicht nur konsumiert, sondern aktiv weiterentwickelt.

Industrielle Stärke als Wettbewerbsvorteil

Wo liegt Deutschlands Chance im globalen KI-Wettbewerb? Nicht im Rennen um die größten Sprachmodelle, sondern in der industriellen Anwendung, so zumindest die zentrale These der Eco-Studie. Der Eco-Vorstandsvorsitzende Oliver Süme schreibt im Vorwort etwa: "Deutschland wird den globalen KI-Wettbewerb nicht gewinnen, indem wir die USA oder China kopieren. Wir werden ihn gewinnen, wenn wir unsere eigenen Stärken konsequent ausspielen: industrielle Exzellenz, Engineering-Kompetenz und die Fähigkeit, künstliche Intelligenz in reale Wertschöpfung zu übersetzen."

Die Zahlen stützen das: 71 Prozent der KI-nutzenden Industrieunternehmen zählen laut Eco-Studie zur Gruppe der Innovatoren; jedes dritte hat mithilfe von KI in den vergangenen drei Jahren eine Prozess- oder Produktinnovation hervorgebracht. McKinsey beziffert das Automatisierungspotenzial durch KI allein in der deutschen Industrie auf rund 96 Milliarden Euro.

Change-Management entscheidet

Fachkräftemangel, alternde Belegschaften und komplexe regulatorische Anforderungen würden die KI-Integration laut der Tieto-Studie erschweren. Explizit werden "fehlende fachliche Expertise" und "fehlendes Change & Adoption Management" als die beiden größten organisatorischen Hemmnisse genannt. Betroffen sind jeweils 28 Prozent der Befragten. Kaup zieht daraus die Konsequenz: "KI-Trainings müssen zu den Ambitionen des Unternehmens passen. Mitarbeitende brauchen verlässliche Leitlinien und klaren Zugang zu KI-Tools. Nur so skaliert man von Pilotprojekten zur unternehmensweiten KI-Nutzung."

Die Bereitschaft, diesen Weg zu gehen, wächst: Rund zwei Drittel der KI-nutzenden Unternehmen planen laut Eco-Studie, ihre Investitionen in den nächsten drei Jahren zu steigern. Kaup bringt die Lage auf den Punkt: "Der Sprung von KI-Pilotprojekten zu echtem Geschäftsmehrwert ist entscheidend. Vorreiter sind nicht jene, die KI als IT-Projekt behandeln, sondern die ihre ganze Unternehmensstrategie darauf ausrichten und dadurch messbare Wertschöpfung schaffen."

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