Seit Mai 2006 ist der diplomierte Kaufmann Claus Sauter, der Gründer der Verbio, auch deren Vorstandsvorsitzender.

Seit Mai 2006 ist der diplomierte Kaufmann Claus Sauter, der Gründer der Verbio, auch deren Vorstandsvorsitzender.

Bild: © Verbio

Herr Sauter, in der Vergangenheit haben Sie nicht mit Kritik an der Bundesregierung gespart. Wie optimistisch blicken Sie auf die Arbeit der Ampel-Koalition?

Claus Sauter: Es gibt durchaus Grund zum Optimismus! Die Rahmenbedingungen für Biokraftstoffe in Deutschland, Europa und weltweit haben sich im letzten Jahr wesentlich verbessert. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Druck, endlich wirksame Klimaschutzmaßnahmen auf den Weg zu bringen. Sogar die Mineralölwirtschaft unterstützte zuletzt unserer Forderung nachhöheren Vorgaben zur Treibausgasreduktion im Verkehr. Selbst dort ist angekommen, dass fossile Energien nicht die Zukunft sein können. Auch Ihre Leser, die Energieversorger und Stadtwerke, setzen zunehmend auf erneuerbare Alternativen. Als wir vor zehn Jahren mit der Produktion von Biomethan für die Tankstelle begonnen haben, stellte Biomethan an CNG-Zapfsäulen noch die Ausnahme dar. Heute hat Biomethan fossiles Erdgas überholt! Inzwischen wird an mehr als 60 Prozent der CNG-Stationen in Deutschland Biomethan angeboten und wir sind auf dem Weg Richtung 100 Prozent.

Was wünschen Sie sich konkret von der neuen Bundesregierung? Was kann die Politik tun, um das Thema Biokraftstoffe voranzubringen?

Ich wünsche mir eine pragmatische, ideologiefreie Energiepolitik. Die Politik soll aufhören, die Technologie und den Weg vorzugeben. Sie soll stattdessen das Ziel und die Rahmenbedingungen definieren. Denn so geht es schneller und vor allem kostengünstiger. Es gibt viele kluge Köpfe in diesem Land. Wir haben gute Lösungen und innovative Technologien, die gut kombinierbar sind. Setzen wir sie doch effizient ein! Eine intelligente Energiepolitik ist die Basis für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in Europa. Wir brauchen eine Politik, die nicht nur in Schwarz oder Weiß denkt und alles auf die eine Karte „E-Mobilität“ setzt. Es geht darum, die CO2-Emissionen schnell, nachhaltig und bezahlbar zu reduzieren. Ganz real. Wir brauchen mehr als nur eine Lösung, sonst wird das nichts. Ich wünsche mir, dass die Politik der Biomasse wieder mehr Bedeutung beimisst im Kampf gegen den Klimawandel. Biomasse bzw. Biokraftstoffe können einen wichtigen Beitrag zur CO2-Reduktion im Verkehr leisten. Die Politik setzt dafür den passenden gesetzlichen Rahmen – für schnelle, sichtbare Ergebnisse.

Im vergangenen Jahr hat der Bundestag eine Neufassung der Treibhausgasminderungsquote (THG-Quote) beschlossen. Hat das Ihrer Branche neuen Rückenwind gegeben?

Es geht nicht um Rückenwind. Es geht darum, dass die Bundesregierung endlich konkrete, durchaus ambitionierte Vorgaben für mehr Klimaschutz im Verkehr gemacht hat. Das war mindestens seit zehn Jahren überfällig. Der geplante Anstieg der THG-Quote ist eine gute Basis für echte CO2-Einsparung im Verkehr und neue Investitionen in innovative CO2-effiziente Kraftstoffe. Also: Ja! Die neue THG-Quote und ihr ehrgeiziger Anstieg von zuletzt sechs Prozent auf 25 Prozent in 2030 haben für uns gute Rahmenbedingungen geschaffen. Endlich lohnt es sich wieder, auch in Deutschland in den Ausbau und den weiteren Aufbau der Biokraftstoffproduktion zu investieren. Ohne Biokraftstoffe werden die gesetzten Ziele nicht erreichbar sein. Wir sind bereit, unseren Teil dazu beizutragen und haben ein insgesamt 300 Millionen Euro umfassendes Investitionsprogramm verabschiedet, mit dem wir unter anderem unsere bestehenden Biokraftstoffanlagen in Deutschland bis Ende 2023 deutlich erweitern werden. Der Fokus liegt dabei auf dem Einsatz landwirtschaftlicher Rest- und Abfallstoffe als Rohstoffe. Unsere Stroh-Biomethan-Technologie ist dafür ein gutes Beispiel.

Bei der Verkehrswende nahm die Politik bislang vor allem die E-Mobilität und deren Förderung in den Blick. Warum wurden Biokraftstoffe bislang so stiefmütterlich behandelt?

Diese Frage stelle ich mir ehrlich gesagt auch. Die „alles auf E“-Strategie entbehrt jeder rationalen, ökologischen und ökonomischen Sichtweise. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: ich betone immer wieder, dass es für Elektromobilität unter Verwendung von erneuerbarem Strom sehr sinnvolle Einsatzgebiete gibt. Und dort wird sich diese Technologie auch nach und nach durchsetzen. Aber das funktioniert eben nicht auf Teufel komm raus in allen Einsatzbereichen. Im LKW-Güterverkehr zum Beispiel wird Elektromobilität auf absehbare Zeit keine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Lösung bieten. Dort können aber Biokraftstoffe – und ganz besonders Biomethan als BioCNG und BioLNG – bis zu 90 Prozent CO2-Emissionen reduzieren. Und das praktisch ab sofort! Die Fahrzeuge sind serienmäßig verfügbar, die Tankstellen sind da, der erneuerbare Kraftstoff ist bereits in großer Menge verfügbar.

Welche Vorteile haben Biokraftstoffe denn gegenüber der Batterie?

Ich nenne die „Großen Fünf“: Verfügbarkeit, 100 Prozent erneuerbar, bis zu 90 Prozent CO2-Reduktion, Reichweite, Kosteneffizienz. Und das vor allem für den Kommunalverkehr, den ÖPNV und den LKW-Güterverkehr. Hier sind elektrische Lösungen mit der entsprechenden Ladeinfrastruktur und vor alle die benötigte Menge erneuerbaren Stroms bisher nicht vorhanden, nicht zuverlässig im Einsatz oder in Anschaffung und Betrieb deutlich teurer als klassiche Verbrenner, die mit Biokraftstoffen angetrieben werden. In diesem Punkt wiederhole ich mich gern: Biomethan aus Reststoffen hat hier das größte Potenzial und bei CO2-Reduktion und Kosten eindeutig die Nase vorn.

Biokraftstoffe sind nach wie vor vergleichsweise teuer. Bislang können sich nur wenige Deutsche für Erdgasautos begeistern. Hoffen Sie auf eine Trendwende beim Individualverkehr – oder setzen Sie in erster Linie auf den Güterverkehr?

Teuer ist immer relativ, und zwar im Vergleich zu den Alternativen. Und da sehen wir seit einigen Monaten plötzlich ganz neue Entwicklungen. Nehmen Sie unser Biomethan: bei den hohen Erdgaspreisen, die wir zuletzt gesehen haben, ist unser Biomethan nicht nur wettbewerbsfähig, sondern durch den zusätzlichen Wert der damit erzielten CO2-Einsparung (THG-Quote) sogar deutlich günstiger als der alternative fossile Energieträger.

In jedem Fall liegt der Hebel und auch der größte Nutzen der Biokraftstoffe beim gewerblichen Güter- und Personenverkehr und beim Kommunalverkehr, zum Beispiel bei Linienbussen und Müllfahrzeugen. Private PKW-Fahrer entscheiden nicht rational, sondern emotional über die Wahl ihres Antriebs und Kraftstoffs. Das haben wir sehr deutlich bei der E10-Diskussion vor ein paar Jahren gesehen. Unternehmer, Kommunen und Spediteure hingegen befinden sich im Spannungsfeld zwischen den zunehmenden Klimaschutzanforderungen, steigenden CO2-Preisen auf fossile Kraftstoffe und der Wirtschaftlichkeit und Effizienz ihres Fuhrparks. Förderprogramme der Bundesregierung erleichtern momentan den Austausch der Flotte – sowohl im ÖPNV, als auch im LKW-Bereich – durch Zuschüsse und Vergünstigungen, wie etwa die bis Ende 2023 geltende Mautbefreiung für emissionsarme LKW.

Die Fragen stellte Ariane Mohl.

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