Seit Anfang März fehlen dem Weltmarkt LNG-Mengen von rund 700 Terawattstunden. Das entspricht etwa einem Fünftel des jährlichen EU-Gasverbrauchs. Aufgefangen wurde der Ausfall vor allem durch neue Verflüssigungsanlagen außerhalb des Nahen Ostens. Projekte in den USA und Kanada haben das Angebot von März bis September um rund 15 Prozent erhöht, ein Plus von rund 400 Terawattstunden. Damit wurden rund 70 Prozent der Ausfälle ersetzt.

Den Rest hat die Nachfrage übernommen. In Asien wurden Gaskraftwerke durch Kohle ersetzt, allein dadurch wurden rund 100 Terawattstunden frei, knapp die Hälfte davon in China. In Europa ging der industrielle Gasverbrauch im dritten Quartal nach Angaben der Internationalen Energie Agentur (IEA) um fast zehn Prozent zurück, vor allem in energieintensiven Branchen.

Der dritte Ausgleich für den Markt kam von den Speichern: Europa hat im Sommer rund zehn Prozent weniger eingespeichert als im Vorjahr. Das hat die Spotpreise im Sommer gedämpft, die Speicher aber auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt gebracht.

In den europäischen Speichern lagen zu Beginn Oktober rund
130 Terawattstunden weniger Gas als vor einem Jahr.

Herausforderungen dieses Winters

In den europäischen Speichern lagen zu Beginn Oktober rund 130 Terawattstunden weniger Gas als vor einem Jahr. Weltweit steht im Winter zudem weniger LNG zur Verfügung als im Vorjahr; Schätzungen der Timera Energy, einem auf den Gasmarkt spezialisierten Beratungshaus mit Sitz in London, gehen von rund 200 Terawattstunden aus. Im Basisszenario der Timera Energy bleibt Hormus bis Jahresende gesperrt und öffnet sich erst im ersten Quartal 2027 schrittweise.

Kritisch ist nach Angaben der Timera, dass die Flexibilität auf der Nachfrageseite weitgehend ausgeschöpft ist. In Asien sei der Großteil der preissensiblen Nachfrage bereits zu fast 90 Prozent vom Markt verdrängt. Timera geht davon aus, dass bei einem Preis von oberhalb 75-80 Euro je Megawattstunde an den asiatischen Gasmärkten, sich weiterer Verbrauch nur noch mit deutlich höheren Preisen abbauen lassen würde. Asien kann einen weiteren Angebotsschock damit kaum noch abfedern. Europa ist im Gegenzug stärker auf Speicher und Nachfrageverzicht angewiesen.

Risiken im Winter

Als ein großer Risikofaktor könnte sich ein kalter Spätwinter auswirken. Sinken die Speicher bis Ende Februar stark ab, wird die Preisspanne für den März-Kontrakt sehr breit, mit deutlichem Potenzial nach oben. Das Problem ist dann weniger ein höheres Durchschnittsniveau als kurzfristige Preisspitzen, wenn die Ausspeicherleistung nachlässt. Besonders kritisch wäre gleichzeitige Kälte in Europa und Asien, weil beide Regionen dann um dieselben flexiblen Ladungen konkurrieren.

Weitere Unsicherheiten sind der Zeitpunkt der Öffnung von Hormus und die Reaktion der asiatischen Nachfrage auf hohe Preise. Hinzu kommt der Zielkonflikt bei den Speichern: Tiefes Ausspeichern entlastet kurzfristig, erhöht aber den Einspeicherungsbedarf im Sommer 2027. Bleibt Hormus länger zu, reicht die Knappheit bis in den nächsten Sommer.

Russland: Letzte Stufen des Gasausstiegs

Ein unterschätzter Risikofaktor ist das russische Arktis-LNG. Yamal LNG verschifft seine Mengen mit einer Flotte von 14 Eisbrecher-Tankern der Klasse "Arc7". Jedes Schiff transportiert rund 20 Terawattstunden im Jahr. Im Winter fahren sie nach Westen in Richtung Europa, im Sommer über die Nordostpassage nach Asien.

Für die Wartung dieser Spezialschiffe steht in Europa nur noch eine Werft zur Verfügung, im dänischen Odense. Ab dem 1. Januar 2027 verbietet die EU maritime Dienstleistungen für russische LNG-Exporte. Damit endet auch die Wartung der Arc7-Flotte in Europa

Zum Jahreswechsel greift die letzte Stufe des EU-Importverbots für russisches LNG. Kurzfristige Verträge sind bereits seit dem 25. April beendet, ab dem 1. Januar 2027 enden auch die langfristigen. Pipelinegas über Turkstream darf noch bis 30. September 2027 fließen, spätestens bis 1. November 2027.

Die Winterladungen aus Yamal müssen ab Januar auf deutlich längeren Routen nach Asien. Für den knappen Weltmarkt ist das ein zusätzliches Risiko – auch für Europa, das mit Asien um jede Ladung konkurriert.

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