Die Geothermie könnte in Deutschland mehr leisten, als sie heute tut. Gregor Dilger, Geschäftsführer des Bundesverbands Geothermie, und Ingo Sass vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung sehen das größte Hindernis in der Politik.
"So ein politisches Flattern ist nicht nur für die Geothermie toxisch, sondern auch für viele andere Bereiche, das wissen wir", sagt Sass. Ein Tiefengeothermieprojekt brauche Jahre, von der Erkundung bis zur Bohrung. Wer Förderung innerhalb einer Legislaturperiode streicht, treffe deshalb Vorhaben, die Jahrzehnte laufen sollen.
Derzeit sind 45 tiefe Anlagen in Betrieb. Zwei davon erzeugen nur Strom, zehn sowohl Strom als auch Wärme, die übrigen 33 nur Wärme. Sie stellen 442 Megawatt Wärmeleistung bereit und liefern rund zwei Terawattstunden Wärme im Jahr. Das sei schon eine ganze Menge, "aber da geht noch ein bisschen mehr“, sagt Dilger.
Bayern setzt mehr Bohrungen pro Standort
191 Vorhaben befinden sich in Planung. Sie haben eine Aufsuchungserlaubnis, also die Erlaubnis, nach Erdwärme zu suchen. Die meisten Projekte in Entwicklung liegen in Bayern (39), gefolgt von Niedersachsen (30), Nordrhein-Westfalen (24), Rheinland-Pfalz (22) und Baden-Württemberg (19). Zuletzt kamen neue Erlaubnisse vor allem aus Niedersachsen und Rheinland-Pfalz hinzu. Auch im Saarland gibt es nun ein Vorhaben.
Im Münchner Raum setzen Betreiber auf mehr Bohrungen pro Standort. Klassisch sind es zwei: eine Förderbohrung für heißes Wasser und eine Injektionsbohrung für das abgekühlte Wasser. Im Stadtteil Sendling arbeitet bereits eine Anlage mit sechs Bohrungen. Weitere Projekte planen acht bis zehn. So lässt sich auf kleiner Fläche mehr Energie gewinnen, denn die größte Hürde bleibt die Flächensuche.
Nordrhein-Westfalen setzt auf andere Gesteine: devonische Massenkalke, also dicke Kalksteinschichten unter dem Ruhrkarbon. Sass hält sie den Münchner Reservoirgesteinen für sehr ähnlich, obwohl sie deutlich älter sind. Er spricht von erheblicher Höffigkeit, also guten Aussichten auf nutzbare Vorkommen.
Berlin vergibt eine große Lizenz, Unterlizenzen sollen in Abstimmung mit lokalen Fernwärmeerzeugern vergeben werden. Zugleich wird die Netzanbindung zum wichtigen Kostenfaktor. Deshalb rücken Projekte in Städte mit hoher Wärmedichte.
Politik setzt Signale
Die Politik hat zuletzt Signale gesetzt. Die Bundesregierung beschloss das Geothermiebeschleunigungsgesetz nach Darstellung von Dilger "im Eilverfahren" und führte eine Fündigkeitsabsicherung ein. Diese greift, wenn eine Bohrung nicht fündig wird. Die Gelder für effiziente Wärmenetze sind eingestellt, doch die Förderung laufe nur bis September 2028. Der Verband fordert eine Verlängerung.
Problematisch findet der Verband die Bundesförderung für effiziente Gebäude. Die Höchstförderung sinkt, Erdwärmekollektoren und -sonden würden nicht mehr angemessen gefördert. Dabei halten sie 60 bis 100 Jahre. Dazu kommt Kritik am Gebäudemodernisierungsgesetz. Es könne Gas- und Ölheizungen attraktiv halten. Offen bleibe zudem, woher die biogenen, also aus Biomasse stammenden Brennstoffe kommen sollen. Eine Kurzstudie sieht Erdwärmepumpen über die Nutzungsdauer acht bis zwölf Prozent günstiger als Luftwärmepumpen.
Geothermie "hält das Geld im Land"
Für Dilger liegt die Stärke der Geothermie in der Unabhängigkeit. "Wir geben jedes Jahr 60 Milliarden Euro aufwärts für Energieimporte aus." Heimische Geothermie halte das Geld im Land. Sie liefere zudem rund um die Uhr, unabhängig von Jahreszeit und geopolitischen Krisen.
Island zeige, dass Umsteuern gelingen kann. Das Land verbrannte lange importierte Kohle, Öl und Gas, bis Reykjavík unter Smog litt. Dann hob die Stadt die Ressource vor Ort. Eine europäische Geothermiestrategie gebe es bislang nicht.
Im Thermalwasser, also heißem Tiefenwasser, lässt sich zudem Lithium gewinnen. Das kann Projekte wirtschaftlicher machen. Auch die Speicherung von Wasserstoff im Untergrund könnte künftig ein Aspekt für einen Geothermie-Kongress werden. Sass sieht Berührungspunkte, weil die Themen bei der Vernetzung der Energiesysteme zusammenkommen, eine direkte Verknüpfung sieht er jedoch nicht.
Der Deutsche Geothermie-Kongress (DGK) beginnt am 20. Oktober, in Potsdam.