Wie lässt sich Klimaneutralität im Gebäudesektor erreichen? Bislang herrscht unter den Energiefachleuten weitgehend Einigkeit, dass es zwei Stellschrauben gibt: Die Wärmeversorgung dekarbonisieren und die Sanierungsrate älterer Gebäude massiv erhöhen. Eine Studie der Stiftung Klimaneutralität sowie des Prognos-Instituts sägt nun kräftig an dieser Basis. Und sorgt bereits bei der Vorstellung in einer Pressekonferenz für massiven Widerspruch.
Die Wärmewende in Deutschland könnte stärker auf Elektrifizierung setzen, ohne die Sanierungsraten im Gebäudebestand drastisch erhöhen zu müssen. Das ist das zentrale Ergebnis dieser Untersuchung. Demnach lässt sich Klimaneutralität bis 2045 durch den verstärkten Einsatz von Wärmepumpen sowie Nah- und Fernwärme kosteneffizient erreichen. Die bisherige Annahme, dass eine deutliche Reduzierung der Heizlasten durch die Sanierung von Gebäuden zwingend erforderlich sei, wird damit infrage gestellt.
Viele Jahre lang lag die Sanierungsquote bei bestehenden Gebäuden um den Wert von einem Prozent. Die Sanierungsquote bezeichnet den prozentualen Anteil der bestehenden Gebäude, die innerhalb eines Jahres energetisch saniert werden, um den Wärmebedarf zu senken und die Effizienz der Wärmeversorgung zu verbessern. Geht es nach der Meinung zahlreicher Energieexperten, vieler kommunaler Wärmepläne oder etwa der Bundesregierung, muss diese Quote in den kommenden Jahren steigen – übliche Ziele liegen zwischen 1,7 und mehr als 2 Prozent. Doch die Realität der vergangenen Jahre deutet eher auf ein Sinken auf deutlich unter ein Prozent hin.
Die neue Studie basiert auf einer Sensitivitätsanalyse des Szenarios "Klimaneutrales Deutschland" von Agora Energiewende. Aber während dort eine jährliche Sanierungsrate von 1,7 Prozent vorgesehen ist, wurde in der neuen Untersuchung eine konstante Rate von rund einem Prozent angenommen – dem Niveau von 2020. Anschließend wurden die Auswirkungen auf Energieverbrauch, Strom- und Wärmesystem sowie die Gesamtkosten bis 2045 modelliert.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Trotz der niedrigeren Sanierungsquote steigt der Endenergieverbrauch im Gebäudesektor bis 2045 laut Studie nur um vier Prozent. Der Bruttostrombedarf erhöht sich lediglich um 0,5 Prozent, die maximale Last durch Wärmepumpen um 2,5 Prozent. Dabei unterstellt die Studie auch massive Verschiebungseffekte durch ein intelligentes Energiesystem mit dynamischen Tarifen. Kostenseitig komme es lediglich zu einer Verschiebung vom Gebäude- zum Energiesektor: Den höheren Investitionen im Stromsystem stünden Einsparungen bei Gebäudesanierungen gegenüber. Volkswirtschaftlich ergebe sich unter dem Strich eine nahezu kostenneutrale Bilanz – kumuliert sogar Minderkosten von rund 200 Millionen Euro bis 2045.
Auch mit sozialen Gründen wirbt die Studie für das Modell: Während hohe Sanierungsraten einzelne Haushalte finanziell stark belasten können, erlaube die Elektrifizierung eine breitere Verteilung der Kosten über das Stromsystem. "Wir können uns politisch voll auf den Heizungswechsel konzentrieren. Das ist sozialer und hilft auch dem Klima mehr", so Losse-Müller. Fördermittel sollten daher gezielt den Umstieg auf Wärmepumpen und den Ausbau von Wärmenetzen unterstützen. Die im Gebäudeenergiegesetz verankerte 65-Prozent-Quote für erneuerbare Energien bei neuen Heizungen werde damit noch wichtiger.
Stiftungs-Vorschläge im Kreuzfeuer
Bereits auf der Pressekonferenz, an der auch zahlreiche Vertreter von Verbänden, Vereinen und Parteien teilgenommen hatten, war es zu erregten Diskussionen gekommen. Die Gegenposition nahm etwa der Geschäftsführer eines kommunalen Dienstleisters aus Rheinland-Pfalz ein: Bislang sei Konsens gewesen, erst Energie zu sparen, dann den Bedarf effizient zu decken und schließlich erneuerbar versorgen. Er frage sich nun, ob die Botschaft der Studie zielführend ist. Für Einfamilienhäuser seien Wärmepumpen eine hervorragende Lösung. Es gebe aber zahlreiche unsanierte Gebäude, die für Wärmepumpen ungeeignet seien. Öffentliche Gebäude wie Schulen oder Schwimmbäder benötigen enorme elektrische Anschlussleistungen, die Netzbetreiber oft nicht bereitstellen können. Statt einseitig auf Wärmepumpen zu setzen, plädiert er für ergänzende Technologien wie Kraft-Wärme-Kopplung, um Netze zu entlasten und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Auch die soziale Wirkung der Stiftungs-Vorschläge wurde hinterfragt: Hohe Energiepreise in unsanierten Gebäuden treffen vor allem die sozial schwächsten der Gesellschaft.
Kritik kommt auch vom Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle (BuVEG). Ohne energieeffiziente Gebäudehülle könne auch die effiziente Elektrifizierung der Wärmeversorgung nicht gelingen. Der Verband zitiert dabei aus einer anderen Prognos-Studie, derzufolge die Hälfte der Wohngebäude nicht "Wärmepumpen-ready" sei. Erneuerbare Energien müssten dort eingesetzt werden, wo sie am dringendsten gebraucht und nicht anderweitig ersetzt oder eingespart werden können. Im Gebäudebereich gelinge dies durch energetische Sanierungen.



