Mit diesem Artikel startet die ZFK-Sommerserie 2026 zum Thema Direktvermarktung. In den kommenden Wochen folgen eine Reihe von Grafiken, Analysen und Interviews mit großen Direktvermarktern. Außerdem wird der ZFK-Überblick zur Direktvermarktung aktualisiert. Sie sind Direktvermarkter und wollen ebenfalls gelistet werden? Dann wenden Sie sich gern an den zuständigen Redakteur Artjom Maksimenko (a-maksimenko@zfk.de).
Die Portfolios der meisten Direktvermarkter haben in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres zugelegt. Das zeigt das Ergebnis der halbjährlichen ZFK-Umfrage. Insgesamt 30 der 34 Direktvermarkter, die beide Stichtage angegeben haben, melden ein Wachstum. Zugleich verweisen zahlreiche Teilnehmer auf Newcomer im Markt sowie verschärfte Wettbewerbsbedingungen – vor allem beim Pricing.
Quadra Energy legt deutlich zu
Unter den befragten Direktvermarktern reichen die gemeldeten Portfolios zum 1. Juli von kleinen, dreistelligen Megawatt-Größen bis in den zweistelligen Gigawattbereich. An der Spitze liegt Quadra Energy mit 10.500 MW, gefolgt von EnBW (10.230 MW). Dahinter klafft bereits Abstand eine Lücke: Next Kraftwerke kommen auf 8040 MW, Statkraft Markets auf 7520 MW und BKW auf 6432 MW.
Im ersten Halbjahr 2026 entwickelten sich die Portfolios der Top 5 überwiegend moderat – mit einem Ausreißer nach oben: Quadra Energy legte um 400 MW zu (+4,0 %), EnBW um 330 MW (+3,3 %), Next Kraftwerke um 20 MW (+0,2 %) und BKW um 252 MW (+4,1 %). Deutlich dynamischer wuchs Statkraft Markets: plus 720 MW, das entspricht rund einem Plus von 10,6 Prozent gegenüber dem Stand zum 1. Januar 2026.
Der operative Druck in einem Markt, der ohnehin stärker durch Eingriffe, Prozesskomplexität und Volatilität geprägt ist, steigt damit weiter. Vor allem Batteriespeicher verschieben die Statik der Direktvermarktung. Viele Unternehmen sehen laut Umfrage den BESS-Markt als Wachstumsfeld – und zugleich als Test dafür, ob Regulierung und Netzprozesse mit der Realität Schritt halten.
Die Entscheidung der Bundesnetzagentur, die Netzentgeltbefreiung für Speicher bis zum 4. August 2029 fortzuführen, wertet die Branche als wichtiges Signal. Gleichzeitig bleiben die Netzbetreiber aus Sicht der Befragten "das entscheidende Nadelöhr", wie beispielsweise Naturstrom mitteilt. "Bei vielen Marktpartnern bestehen bei automatisierten Prozessen weiterhin Herausforderungen. Dies führt zu manuellen und zum Teil sehr verzögerten und fehleranfälligen Marktprozessen, unter denen Anlagenbetreiber und Direktvermarkter leiden", ergänzt der Direktvermarkter Iqony.
Was die Branche 2026 am stärksten beschäftigt
Bei der Auswertung der Umfrageergebnisse stechen zwei Themen klar heraus: Redispatch 2.0 und negative Preise. Diese nennen viele Unternehmen als zentrale Herausforderungen.
Redispatch ist in den Antworten weniger ein einzelnes Problem als ein ganzer Komplex: Eingriffe in die Einspeisung, neue Zahlungsströme, Klärfälle, Datenanforderungen und Schnittstellen – und damit ein Mix aus regulatorischer, technischer und operativer Belastung.
Abregelung als Routine
Während Berechnung und Abwicklung von Redispatch für viele eindeutig eine Belastung sind, sehen einige Marktteilnehmer in Negativpreisphasen auch Vermarktungschancen – beziehungsweise "weiteres Erlöspotenzial", wie Pure Energy mitteilt. Ziel sei es daher, "Negativpreise nicht nur zu vermeiden, sondern sie gezielt im integrierten Energiesystem zu adressieren", ergänzt Iqony.
In den Antworten der Umfrageteilnehmer tauchen Abregelung, Preisrisiko und Vertragslogik wiederholt auf. Spannend ist dabei die wachsende Verzahnung von negativen Preisen, Redispatch und Produktgestaltung: Wenn Abregelung mal marktbedingt und mal netzbedingt erfolgt, werden Erlös- und Entschädigungslogiken komplizierter – und die Anforderungen an Daten, Steuerbarkeit und Abrechnung steigen.
Auch die Energierechtsnovelle 2025 mit Änderungen am § 14 EnWG sorgt aus Sicht vieler Befragter für Unsicherheit zwischen Direktvermarktern und Anlagenbetreibern.
Netzbetreiber in der Kritik
Die Kritik der Direktvermarkter an den Netzbetreibern ist vor allem als Kritik an der Prozess- und Datenrealität zu verstehen: Netzanschlüsse dauerten zu lange, viele Vorgänge würden langsam oder fehlerhaft bearbeitet, Daten seien unvollständig – und Clearing sowie Abrechnung erzeugten manuellen Aufwand. Als Engpässe nennen die Unternehmen begrenzte Datenverfügbarkeit, fehlende Antworten von Netz- und Messstellenbetreibern sowie Redispatch-Prozesse. N-Ergie verweist dabei auf "lange Wartezeiten bei Netzanschlusszusagen".
Und ganz grundsätzlich formuliert Next Kraftwerke als Entlastungsmaßnahme schlicht: "Digitalisierung bei den Netzbetreibern". Aus den weiteren Antworten lassen sich drei Lösungsansätze ableiten: Standardisierung und Verbindlichkeit, Automatisierung der Marktkommunikation sowie bessere Datenqualität und -verfügbarkeit in Kombination mit stärker automatisierten Prozessen.
Unterm Strich zeigt die Umfrage: 2026 ist bislang weniger ein Jahr "neuer Geschäftsmodelle" als ein Jahr, in dem die Branche an der Übersetzung von Markt- und Netzwirklichkeit arbeitet – und daran, Prozesse, Daten und Verantwortlichkeiten so zu stabilisieren, dass Wachstum, Speicherintegration und neue Handelsprodukte nicht an operativen Reibungsverlusten hängen bleiben.