Oliver Brünnich, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Rostock

Oliver Brünnich, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Rostock

Bild: © SWRAG

Seit 2013 leitet Oliver Brünnich die Geschicke der Stadtwerke Rostock, seit 2004 gehört er dem Vorstand an. Zuvor übte der Diplom-Kaufmann mehrere Tätigkeiten bei der VNG – Verbundnetz Gas AG aus. Im Interview mit der ZFK äußert sich der Energiemanager über die Entscheidung der Hansestadt, ihr ursprüngliches Klimaziel zu revidieren, zu den vielfältigen Herausforderungen bei der Umsetzung der Wärmewende, zum neuen Realismus beim Energieträger Wasserstoff und bilanziert die bisherigen energiepolitischen Entscheidungen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.    

Herr Brünnich, in Rostock sind bereits rund zwei Drittel der Haushalte an das Fernwärmenetz angeschlossen, bis 2035 soll der Anteil auf bis zu 80 Prozent steigen. Ist das zu schaffen?

Ja, davon gehen wir aus. Rostock hat historisch ein sehr gut ausgebautes Fernwärmenetz aus DDR-Zeiten, das wir Anfang der 90er-Jahre konsequent weiterentwickelt haben. Von den verbleibenden 20 Prozentpunkten sprechen wir über Gebiete, die die Stadt im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung als Fernwärme-Vorranggebiete identifiziert hat und die wir historisch noch nicht erschlossen haben. Das ist mengenmäßig überschaubar.

Schwierig wird es beim täglichen Umsetzen: Wir müssen in die Erde, und dort sind wir nicht allein – Wasser-, Strom-, Glasfaser-Netze: alle Versorger graben gleichzeitig. Baugenehmigungen, Bauzeiten, Lieferzeiten und vor allem die Preise haben sich dramatisch erhöht. Viele Projekte sind deutlich teurer geworden, als wir noch vor wenigen Monaten kalkuliert hatten.

Wenn jede Kommune ihr eigenes, politisch ambitioniertes Zieljahr ausruft, wird daraus ein Wettbewerb der Ankündigungen, der an der Realität des Bauens vorbeigeht.

Die Stadt Rostock hatte ursprünglich eine klimaneutrale Wärmeversorgung bis 2035 angestrebt. Die Bürgerschaft hat das inzwischen revidiert und orientiert sich jetzt wieder am bundesdeutschen Klimaziel 2045. Können Sie damit gut leben?

Unter uns gesagt: 2035 war politisch gesetzt, aber für die Wärmeversorgung von vornherein unrealistisch. Wenn jede Kommune ihr eigenes, politisch ambitioniertes Zieljahr ausruft, wird daraus ein Wettbewerb der Ankündigungen, der an der Realität des Bauens vorbeigeht.

Im öffentlichen Raum gibt es ein begrenztes Bauvolumen – nur eine bestimmte Anzahl an Straßen kann gleichzeitig aufgerissen werden, ohne dass die Stadt funktionsunfähig wird. Die zehn gewonnenen Jahre sind wichtig, weil wir gerade zwischen 2030 und 2040 noch nicht abschließend wissen, in welcher Reihenfolge wir unsere klimaneutralen Erzeugeroptionen realisieren werden.

Was sind die wichtigsten Maßnahmen auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Auf der Erzeugungsseite haben wir zwei konkrete Projekte, mit denen wir unser 30-Prozent-Ziel bis 2030 erreichen: eine Großwärmepumpe, die Abwasserwärme nutzt, und die Nutzung unvermeidbarer Abwärme aus der Müllverbrennung.

Für die Zeit danach gibt es rund ein Dutzend weiterer Optionen, die sich hier in Rostock aus der Industrie- und Hafenstruktur ergeben könnten – von der Abwärme eines möglichen Rechenzentrums über Elektrolyseure bis zu angelandetem grünem Ammoniak oder blauem Wasserstoff. Investitionsentscheidungen sind dazu aber noch nicht gefallen, die Projekte sind, wie wir immer sagen, "in der Mache".

Wie viel der rund 250 Millionen Euro Investitionen in die Wärmewende sind bereits finanziell abgesichert?

Für das aktuelle Maßnahmenpaket ist die Finanzierung vollständig abgesichert, von A bis Z. Rund 100 Millionen Euro kommen als Förderung nach dem Bundesförderprogramm für effiziente Wärmenetze (BEW). Den Rest stemmen wir über einen Dreiklang: Eigenkapitalstärkung durch unsere Aktionäre – neben der kommunalen Rostocker Versorgungs- und Verkehrs-Holding GmbH sind das VNG Erdgascommerz GmbH und die Thüga AG –, Gesellschafterdarlehen unserer Holding sowie Fremdkapital, das die von den Banken geforderten Governance-Anforderungen erfüllt.

Das Gesamtpaket ist geschnürt; die BEW-Förderung war dabei ein zentraler Baustein, der die übrigen Finanzierungskomponenten überhaupt erst tragfähig gemacht hat.

Wo liegt der größte Engpass: Kapital, Fachkräfte, Flächen, Genehmigungen oder Lieferketten?

Das größte strukturelle Problem ist die Wirtschaftlichkeit unter den Bedingungen der kommunalen Wärmeplanung. Früher haben wir gebaut, wenn der Kunde da war, und sofort Erlöse erzielt. Die Wärmeplanung verlangt jetzt, dass wir ganze Quartiere vorstrecken, ohne dass klar ist, ob und wann sich die Kunden tatsächlich anschließen.

Durch das Gebäudemodernisierungsgesetz muss sich niemand sofort entscheiden – wer im Vorranggebiet liegt, muss erst dann ans Netz, wenn die alte Heizung ausfällt. Diese Liquiditätsbindung unter der Erde, ohne zeitnahe Gegenerlöse, ist für uns das eigentliche Nadelöhr. Langwierige Baugenehmigungen und gestiegene Preise verschärfen das zusätzlich.

Wir können uns volks- wie betriebswirtschaftlich nicht zwei parallele Infrastrukturen im Wärmesektor leisten. Es ist wie beim Highlander – es kann nur einen geben.

Der Anschluss- und Benutzungszwang soll doch genau das absichern?

Er hilft, ersetzt aber keine Investitionssicherheit. Die Durchsetzung ist zudem keine Entscheidung der Stadtwerke, sondern eine kommunalpolitische. Mein Punkt ist ein anderer: Wir können uns volks- wie betriebswirtschaftlich nicht zwei parallele Infrastrukturen im Wärmesektor leisten.

Es ist wie beim Highlander – es kann nur einen geben. Entweder eine Straße wird gemäß Wärmeplanung für Fernwärme ertüchtigt oder für die Wärmepumpe. Beides gleichzeitig zu fördern, wie es die Förderkulisse derzeit zulässt, führt zu einem Verdrängungswettbewerb in derselben Straße – und am Ende zu Fehlinvestitionen auf beiden Seiten.

Wie liegen Sie bei den Fernwärmepreisen im bundesweiten Vergleich?

Da will ich mich nicht festlegen, wir sind sicher kein Ausreißer, weder nach oben noch nach unten. Wichtiger ist mir: Das Tempo der Klimaneutralität machen wir von der Bezahlbarkeit abhängig. Unsere Kunden in Mecklenburg-Vorpommern haben im Bundesvergleich unterdurchschnittliche Einkommen bei gleichzeitig hohen Lebenshaltungskosten – das aktuelle Wahlergebnis zeigt, wie sensibel dieses Thema politisch geworden ist.

Jedes Projekt wird bei uns danach bewertet, ob es für die Kunden bezahlbar bleibt. Das ist schwieriger geworden, weil die Investitionskosten je Projekt deutlich gestiegen sind.

Wir werden die Moleküle im System perspektivisch brauchen, aber tragfähige Geschäftsmodelle für bezahlbaren, wettbewerbsfähigen Wasserstoff sehe ich derzeit nicht.

Welche Rolle sollen Wasserstoff und wasserstofffähige Gaskraftwerke im Rostocker Wärmesystem spielen?

Ehrlich gesagt kann ich das heute nicht seriös beziffern. Wenn wir hier Wasserstoffproduktion bekommen, werden wir uns damit beschäftigen – aber frage ich nach dem Preis, bin ich raus. Die Branche hat die große Euphorie hinter sich gelassen und ist im "Tal der Tränen" gelandet.

Wir werden die Moleküle im System perspektivisch brauchen, aber tragfähige Geschäftsmodelle für bezahlbaren, wettbewerbsfähigen Wasserstoff sehe ich derzeit nicht. Deshalb priorisieren wir das Thema aktuell nicht ganz nach oben, sondern beobachten die Preisentwicklung und andere Erzeugungsoptionen, die wir schon konkreter in der Hand haben.

Wie wollen Sie die Erzeugungsbasis aus erneuerbaren Energien ausbauen?

Hier muss ich ehrlich sein: Große Investitionen – etwa in eigene Windparks – stehen bei uns nicht auf der Agenda. Die Transformation der Wärmeversorgung bindet praktisch unser gesamtes Investitionskapital; eigene erneuerbare Stromerzeugung ist dem nachgelagert.

Wir agieren eher als Systemintegrator: Wir errichten gerade 20 Megawatt Batteriespeicher und betreiben eine netzdienliche Power-to-Heat-Anlage, um überschüssigen erneuerbaren Strom aus der Region aufzunehmen. Als urbane Stadt haben wir für große Windkraftprojekte ohnehin kaum Flächen.

Die politische Großwetterlage – zuletzt sichtbar am Wahlergebnis – zeigt, dass Bezahlbarkeit für die Menschen im Zweifel wichtiger ist als das Erreichen eines Zieljahres.

Gibt es in der Stadt zunehmende Skepsis gegenüber der Klimaneutralität, oder ist die Akzeptanz groß?

Die politische Großwetterlage – zuletzt sichtbar am Wahlergebnis – zeigt, dass Bezahlbarkeit für die Menschen im Zweifel wichtiger ist als das Erreichen eines Zieljahres. Wir können nicht so tun, als wäre das Thema abstrakt. Deshalb steht die Bezahlbarkeit bei jedem Projekt im Zentrum unserer Bewertung.

Wie stellt sich die wirtschaftliche Situation der Stadtwerke aktuell dar? Spüren Sie im Haushaltskundengeschäft verschärften Wettbewerb durch neue Anbieter oder Discounter?

Den Wettbewerb im Commodity-Geschäft spüren wir sehr deutlich, das gilt für praktisch jedes Stadtwerk. Er hat sich rund um den Ukraine-Krieg kurz beruhigt, weil viele Kunden zurück in den sicheren Hafen Stadtwerke wollten – inzwischen ist er wieder voll da.

Aber entscheidender ist aus meiner Sicht ein anderer Effekt: Wenn wir bis Ende des Jahrzehnts wie geplant investieren, schlagen die hohen Abschreibungen eins zu eins aufs Ergebnis durch. Wir generieren dabei kein neues Geschäftsvolumen – wir drehen dieselben Kilowattstunden nur von fossil auf grün um. Diese qualitative Transformation können wir nur zum Teil über den Markt refinanzieren, weil die Bezahlbarkeit für unsere Kunden Grenzen setzt.

Was erwarten Sie energiepolitisch von der künftigen Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern?

Bei den handelnden Parteien erwarte ich keine grundlegenden Kurswechsel, die Grünen kommen als Partei hinzu, die diese Themen unterstützt. Was ich mir wünsche, hatten wir schon einmal: ein Ministerium aus einer Hand, das Bau, Verkehr, Energie, Klimaschutz und Digitalisierung bündelt. Das hat uns als Stadtwerk sehr geholfen, weil alle unsere Themen an einem Tisch verhandelt wurden.

Inhaltlich ist Mecklenburg-Vorpommern in den Wahlprogrammen gut aufgestellt, entscheidend wird die Umsetzung. Konkret brauchen wir schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren für den Netzausbau – Vergabeverfahren und Bürokratie bremsen uns hier spürbar.

Wie fällt Ihr Urteil über die bisherigen energiepolitischen Entscheidungen der Bundesregierung aus? Ministerin Reiche hatte mehr Realismus und weniger Ideologie versprochen.

Teils, teils. Dass Bezahlbarkeit stärker mitgedacht wird, kann ich nachvollziehen und begrüße ich. Problematisch ist, dass Klimaneutralität bis 2045 zur Gemeinschaftsaufgabe erklärt wurde, die Umsetzung aber wie ein Windhundrennen der Kommunen um Fördertöpfe organisiert ist – je nach politischer Konstellation vor Ort wird das Tempo mal ambitionierter, mal vorsichtiger gewählt.

Für den klimaneutralen Fernwärmeausbau sind die Rahmenbedingungen aus unserer Sicht noch nicht ideal, insbesondere die Förderinstrumente lassen zu viele Spielräume. Ich wiederhole mich gern: Es darf keine faktische Doppelförderung von Fernwärme und dezentraler Wärmepumpe im selben Gebiet geben, das ist volkswirtschaftlich zu teuer und schwächt die Investitionsbereitschaft bei uns.

Auch bei der EEG-Reform und dem Netzentgeltpaket sind wir noch nicht ganz zufrieden: Wir müssen in unsere Netze investieren und wollen dafür auskömmliche Renditen – ob die aktuellen Signale dafür ausreichende Investitionsanreize setzen, wage ich zu bezweifeln.



Auszüge aus dem Interview sind zuvor in der Oktober-Print-Ausgabe der ZFK erschienen. Zum Abo geht es hier.

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