Der vorgelagerte Netzbetreiber Netze BW reagiert auf den aktuellen Netzengpass im Hochspannungsnetz im Landkreis Ortenau in Mittelbaden. Hochtemperaturseile sollen im Raum Offenburg zusätzlichen Spielraum für neue Netzanschlüsse schaffen. Die Seile sollen im vierten Quartal 2030 in Betrieb gehen. Sie ermöglichen es, über bestehende Leitungstrassen deutlich mehr Strom zu transportieren. Aufgrund der Situation vergibt der regionale Verteilnetzbetreiber E-Werk-Mittelbaden in der Wachstumsregion seit einigen Monaten keine Netzanschlüsse mehr mit einer Kapazität von einem Megawatt (MW) oder mehr.
Mit der geplanten Inbetriebnahme steigt die verfügbare Netzkapazität laut Netze BW deutlich, teilt Netze BW mit. Dadurch erhöhe sich die Strombelastbarkeit von rund 100 Megawatt (MW) auf rund 160 bis 200 MW. Das entspricht einer Steigerung der Übertragungskapazität von 535 Ampere auf 840 bis 1040 Ampere. "Dadurch entsteht im Raum Offenburg neuer Spielraum für größere Netzanschlüsse und damit auch für die Ansiedlung oder Erweiterung von Unternehmen", schreibt eine Sprecherin von Netze BW auf Anfrage. Ob ein konkreter Anschluss möglich sei und welche Leistung bereitgestellt werden könne, müsse jedoch weiterhin im Einzelfall geprüft werden.

Die Hochtemperaturseile geben der Region Rückenwind für weiteres wirtschaftliches Wachstum.
Jörg Reichert,
Vorsitzender der Geschäftsführung von Netze BW
"In der Ortenau ist richtig Bewegung: Neue Unternehmen, Ladepunkte, Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen und Speicher treiben den Strombedarf nach oben", sagt Jörg Reichert, Vorsitzender der Netze BW-Geschäftsführung. Mit den Hochtemperaturseilen bringe man schneller mehr Leistung ins bestehende Netz. Das gebe der Region Rückenwind – für eine sichere Versorgung und weiteres wirtschaftliches Wachstum, noch bevor der langjährige Netzausbau abgeschlossen sei.
Das Thema hat eine große Brisanz für die wirtschaftlich prosperierende Region und insbesondere auch für die Wirtschaftsförderung in der Region. In Lahr im Ortenaukreis befindet sich das größte bebaubare Gewerbegebiet in Baden-Württemberg. Die Region liegt an der Transitstrecke zur Schweiz und es besteht eine hohe Nachfrage nach Lkw-Ladesäulen.
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"Wir nutzen die vorhandene Infrastruktur so effizient wie möglich. Die neuen Hochtemperaturseile werden auf den bestehenden Leitungstrassen verlegt; an den Masten sind dafür nur teilweise kleinere Anpassungen nötig", ergänzt Fred Oechsle, Leiter Netzmanagement Strom bei Netze BW. Die Seile ersetzten den langfristigen Netzausbau nicht; sie schafften aber eine wichtige und wirkungsvolle Zwischenlösung."
Task Force stimmt weitere Maßnahmen ab
Neben dem Einsatz der Hochtemperaturseile prüfe Netze BW, ob sich auf bestehenden Kabelstrecken vorübergehend weitere Reserven sicher nutzen ließen. Zugleich werde untersucht, welche Anpassungen in den Umspannwerken erforderlich sind. Darüber hinaus sind in mehreren Teilen des Ortenaukreises weitere Maßnahmen an Leitungen und Umspannwerken geplant.
Um diese Herausforderungen gemeinsam anzugehen, hat Netze BW die Taskforce Mittelbaden ins Leben gerufen. Sie bringt regionale Partner an einen Tisch und stimmt seit April 2026 Strombedarf, Anschlussanfragen und Ausbaumaßnahmen enger aufeinander ab. Der Einsatz der Hochtemperaturseile ist eine konkrete Maßnahme, die daraus hervorgegangen ist. Planungen und Genehmigungen sollen mit Hilfe der Taskforce schneller vorankommen und Investitionen gezielt dort wirken, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Der vollständige Ausbau für Mittelbaden wird nach heutigem Stand zwischen 2035 und 2037 erwartet.
Vielerorts warten Regionen auf Ausbau der Übertragungsnetze
Das Beispiel Ortenaukreis ist kein Einzelfall in Deutschland. In vielen Regionen warten Verteilnetzbetreiber auf den Ausbau der Leitungskapazitäten durch die Übertragungsnetzbetreiber. In mehreren Ballungsräumen, darunter in Frankfurt und Berlin, wurden die Vergabeverfahren für neue Netzanschlüsse mit hohem Strombedarf angepasst.
Auch die Hamburger Energienetze etwa werden diese Netzanschlüsse künftig in einem Repartierungsverfahren vergeben. Die Änderung betrifft ausschließlich Anschlüsse im Bereich der Hoch- und Mittelspannung mit einem Leistungsbedarf über 1,5 Megawatt (MW). Mit dem neuen Vergabeverfahren haben die Hamburger Energienetze auf den hohen Anstieg von Anschlussanträgen für besonders stromintensive Anlagen wie Batteriespeicher oder Rechenzentren und auf Verzögerungen beim Aus- und Neubau von Netzverknüpfungspunkten durch den Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz Transmission reagiert, heißt es in einer Pressemitteilung vom Mai dieses Jahres. Aktuelle Prognosen gehen von einer Verdreifachung des Hamburger Leistungsbedarfs in den kommenden 20 Jahren aus.

Das Erreichen der Hamburger Klimaziele 2040 steht und fällt mit dem Ausbau und der Ertüchtigung des Netzes.
Melanie Leonhard,
Hamburger Wirtschaftssenatorin
Hamburgs Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) mahnte erst Anfang dieser Woche Übertragungsnetzbetreiber zu mehr Geschwindigkeit beim Ausbau und der Erneuerung der Stromnetze. "Im Norden wird viel Strom aus nachhaltigen Quellen gewonnen. Die Übertragungsnetze, die Hamburg anbinden, und die wenigen Verteilpunkte müssten längst ausgebaut sein", sagte Leonhard im Interview der Deutschen Presse-Agentur.
Wenn das nicht passiere, würden die Klimaziele der Hansestadt schwer erreichbar sein. Im Oktober vergangenen Jahres entschieden die Hamburger mehrheitlich in einem Volksentscheid, das Ziel der CO₂-Neutralität von 2045 auf 2040 vorzuziehen. In Wirtschaftskreisen ist die Vorgabe umstritten.
Industriebetriebe in der Stadt beabsichtigten, ihre Fertigung stärker auf Strom umzustellen – auch aus Resilienzerwägungen, berichtete Leonhard. "Fossile Brennstoffe sind nicht nur aus Gründen der Klimaauswirkungen weniger attraktiv." Sie seien überdies geopolitischen Verwerfungen unterworfen, wie der Iran-Krieg zeige. Infolge des Krieges stiegen Öl- und Gaspreise.
Gebraucht werde zuverlässig fließender Strom in großen Mengen, sagte die Wirtschaftssenatorin. Die Industrie brauche eine verlässliche Perspektive. "Deswegen steht und fällt das Erreichen unserer Klimaziele 2040 mit dem Ausbau und der Ertüchtigung des Netzes."
In Hamburg gibt es mehrere Unternehmen der Grundstoffindustrie, deren Produktion energieintensiv ist. Dazu gehören der Kupferhersteller Aurubis, der Stahlproduzent ArcelorMittal und die Aluminiumhütte von Trimet.