Der Wasserstoffhochlauf bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Der Wasserstoffhochlauf bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Bild: © Yingyaipumi / Adobe Stock

Der Wasserstoffhochlauf bleibt hinter den Erwartungen zurück. Hanna Schumacher, Unterabteilungsleiterin für Wasserstoff und Gasinfrastruktur im Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) fordert beim DVGW-Kongress in Bonn niedrigere Preise, mehr Nachfrage und weniger Regulierungshürden. Biomethan könne in bestimmten Anwendungen zum Zwischenschritt werden.

Nach Hype und Euphorie folgten Frust und Enttäuschung. Nun müsse der Wasserstoffhochlauf in eine Phase des Realismus eintreten, sagte Schumacher Die Erwartungen seien hoch gewesen, der tatsächliche Hochlauf bleibe aber dahinter zurück. Angebot, Infrastruktur und Nachfrage müssten stärker aufeinander abgestimmt werden.

Eine kurzfristige Krise bei fossilen Energieträgern werde den Hochlauf nicht in Gang setzen. "Niemand wird heute einen Elektrolyseur wegen der Krise im Nahen Osten bauen", sagte Schumacher. Ein kurzfristiger Preissprung bei fossilen Energieträgern reiche nicht aus, um langfristige Investitionen auszulösen. Dafür brauche es eine verlässliche Perspektive und deutlich niedrigere Kosten.

Niemand wird heute einen Elektrolyseur wegen der Krise im Nahen Osten bauen.

Hanna Schumacher, Unterabteilungsleiterin für Wasserstoff und Gasinfrastruktur im BMWE

Nach Schumachers Einschätzung müsste sich der Wasserstoffpreis ungefähr halbieren, damit dauerhaft eine sinnvolle Nachfrage entstehen kann. Bei einem heutigen Niveau von etwa neun Euro je Kilogramm für in Deutschland erzeugten Wasserstoff müsse man deutlich darunterkommen. Das zentrale Problem des Hochlaufs ist aus ihrer Sicht damit nicht allein der Ausbau der Erzeugungskapazitäten und des H2-Kernnetzes, sondern die Kosten auf der Angebotsseite und die Zahlungsbereitschaft auf der Nachfrageseite.

Biomethan als Zwischenschritt

Die geplante Grüngasquote könnte in bestimmten Anwendungen zunächst vor allem Biomethan zugutekommen. Eine Quote sei grundsätzlich ein Instrument, das die kostengünstigste Option anreize, sagte Schumacher. Das BMWE gehe derzeit davon aus, dass die Biomassepotenziale in Deutschland ausreichen könnten, um den durch eine Quote entstehenden Bedarf zu decken. Ohne zusätzliche Förderung oder eine eigene Unterquote erhalte Wasserstoff dadurch also nicht automatisch einen Nachfrageimpuls. Biomethan könnte so zum realistischeren ersten Schritt der Dekarbonisierung werden, bevor Wasserstoff wirtschaftlich eingesetzt werden kann.

Deutschland müsse gleichzeitig sein Energiesystem umbauen und seine Industrie neu ausrichten. Beide Prozesse seien eng miteinander verbunden. Ein klimafreundliches, resilientes und kosteneffizientes Energiesystem sei deshalb nicht nur ein Ziel der Energiewende, sondern auch eine zentrale Voraussetzung für die industrielle Transformation. Noch stammen nach Schumachers Darstellung 76 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs aus fossilen Quellen. In der industriellen Prozesswärme werden rund zwei Drittel des Energiebedarfs fossil gedeckt.

Wasserstoff erweitert den Handlungsspielraum

Wasserstoff könne zu den vier von Schumacher genannten Resilienz-Dimensionen beitragen: Flexibilität, Diversität, Souveränität und Redundanz. Er speichere erneuerbaren Strom, ermögliche sektorale Kopplung und könne in bestimmten Fällen wieder verstromt werden. Zudem eröffne er unterschiedliche Bezugsquellen – neben heimischer Erzeugung auch verschiedene Importkorridore.

Langfristig sei Wasserstoff in bestimmten Anwendungen unverzichtbar, etwa in Teilen der Industrie, bei Prozesswärme, im Schwerverkehr, in der Schifffahrt und bei saisonalen Energiespeichern. Als klimafreundlicher Rohstoff könne Wasserstoff zudem industrielle Produktionsprozesse verändern.

"Wir sind nicht aus dem System", sagte Schumacher in der Diskussion. Die Bandbreiten für 2040 und 2045 zeigten keine feststehende Verdrängung von Gas, sondern Unsicherheiten darüber, wie sich Elektrifizierung und erneuerbare Moleküle entwickeln.

Von der Euphorie in die "Black-Deal-Phase"

Vom Green Deal in eine "Black-Deal-Phase": So beschrieb Jörg Singer, Chairman des Aqua Ventus Fördervereins, die Entwicklung. Die Abhängigkeiten seien größer geworden, Unternehmen und Politik reagierten mit Vorsicht. Wasserstoff sei weiterhin auf der Agenda, wachse aber "nur in sehr kleinen Dosen". Aus der Komplexitätsfalle komme man nur heraus, wenn Märkte gezielt entwickelt würden und anschließend selbstständig wachsen könnten.

Für die Chemie ist Wasserstoff nicht nur ein Energieträger, sondern vor allem ein Rohstoff. Aus Wasserstoff und Stickstoff entsteht Ammoniak, der unter anderem für Düngemittel, industrielle Prozesse und die Abgasreinigung gebraucht wird. Christopher Profitlich, zuständig für Kommunikation und Unternehmensangelegenheiten bei den SKW Stickstoffwerken Piesteritz, verwies darauf, dass der Wasserstoff bei SKW noch aus fossilem Methan stamme. Hohe Energie- und Rohstoffkosten setzen deshalb nicht nur einzelne Unternehmen, sondern ganze Wertschöpfungsketten unter Druck.

Wenn energieintensive Produktion aus Europa verschwinde, würden die Emissionen nicht automatisch vermieden. Zugleich könnten Abhängigkeiten bei strategisch wichtigen Produkten wie Düngemitteln wachsen. Profitlich warnte vor den Folgen für Deindustrialisierung und Carbon Leakage. Wasserstoffpolitik ist damit auch Industrie-, Sicherheits- und Versorgungspolitik.

"Was für ein Wahnsinn": Regulierung als Investitionshürde

"Was für ein Wahnsinn", fasste Profitlich die geltenden Vorgaben für einen geplanten Elektrolyseur mit 500 Megawatt Leistung zusammen. Grüner Wasserstoff könne in Deutschland erzeugt werden, werde aber durch die Regeln unnötig verteuert. Strom dürfe nur dann als grün gelten, wenn Erzeugung und Verbrauch zeitgleich und räumlich eng beieinanderlägen. Es handle sich nicht um ein technisches, sondern um ein regulatorisches Hindernis, kritisierte er. Wenn die Vorgaben gelockert würden, sähe die Wirtschaftlichkeit vieler Projekte deutlich besser aus.

Der Wasserstoffhochlauf droht damit nicht allein an fehlendem Kapital oder hohen Erzeugungskosten zu scheitern. Mehrfach kritisierten die Kongressteilnehmer Vorgaben, die Investitionen erschwerten, obwohl Infrastruktur und Projekte grundsätzlich vorhanden seien. Der Hochlauf brauche deshalb nicht nur Förderung, sondern auch verlässliche und konsistente Regeln.

Auch die notwendige Planungssicherheit bleibt ein wichtiges Diskussionsthema. Die bestehende Gasinfrastruktur sei zu rund 95 Prozent wasserstofftauglich, betonte René Schoof, Technischer Geschäftsführer der Schwaben Netz GmbH. Sie könne künftig Moleküle transportieren und müsse nicht grundsätzlich neu gebaut werden. Gleichzeitig stünden viele Biogasanlagen vor dem Auslaufen ihrer EEG-Förderung. Regionale Biomethancluster könnten Anlagen bündeln, Kosten senken und neben Biomethan auch CO2 sowie perspektivisch Wasserstoff nutzbar machen. Dafür fehlten aber verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen.

Je weiter Windparks in der Nordsee vom Land entfernt liegen, desto teurer wird der Stromtransport über Kabel. Im Vergleich zu einer Wasserstoffpipeline könne ein Kabel etwa fünfmal so teuer sein, sagte Singer. Kombinierte Anschlusskonzepte für Strom und Wasserstoff könnten deshalb die Wirtschaftlichkeit verbessern. Dafür brauche es jedoch einen politischen Rahmen, der solche Systemvorteile überhaupt zulasse.

Die Kritik an der Politik zielte damit weniger auf das Klimaziel als auf den Weg dorthin. Die Industrie brauche eine klare Richtung, dürfe aber nicht ständig mit neuen, widersprüchlichen Vorgaben konfrontiert werden. Aus der Runde kam die Forderung, Ziel und Weg nicht zu verwechseln: Klimaschutz sei das Ziel, grüner Wasserstoff nur ein möglicher Weg dorthin. Regulierung, Infrastruktur und Förderung müssten so zusammenspielen, dass Unternehmen investieren können, statt auf die nächste Anpassung zu warten.

Gasinfrastruktur bleibt Teil der Lösung

Die Energiewende dürfe nicht als Entscheidung zwischen einzelnen Technologien verstanden werden, sagte DVGW-Präsident Jörg Höhler vor den Kongressteilnehmern. Neben erneuerbarem Strom brauche Deutschland Wasserstoff, Biomethan und weitere klimaneutrale Gase dort, wo Strom allein an Grenzen stoße.

Gasspeicher schafften Versorgungssicherheit und Flexibilität; mit dem Wasserstoffhochlauf gewinne diese Funktion weiter an Bedeutung, fügte DVGW-Vorstandsvorsitzender Gerald Linke. Das Wasserstoffkernnetz werde erst in den 2030er-Jahren vollständig zur Verfügung stehen. Bestehende Infrastruktur dürfe deshalb nicht abgebaut werden, bevor neue Strukturen einsatzbereit seien.

Der DVGW-Kongress machte damit einen Zielkonflikt sichtbar, der die Wasserstoffpolitik prägen wird. Schumacher liefert dafür die ökonomische Messlatte: weniger Regulierungshürden, mehr Nachfrage und ein Preisniveau, das Investitionen und industrielle Anwendungen tatsächlich ermöglicht. Die von ihr skizzierte "Phase des Realismus" wird deshalb vor allem eine Phase konkreter Entscheidungen über Preise, Quoten und Infrastruktur.

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