Ein Rebell: Das Maskottchen von Grüüün-Energie "Gustav", der KI-generierte Gorilla und digitale Sprecher des Ökostromanbieters.

Ein Rebell: Das Maskottchen von Grüüün-Energie "Gustav", der KI-generierte Gorilla und digitale Sprecher des Ökostromanbieters.

Bild: © Münch Energie

Der Energieversorger "Grüüün" hat angekündigt, die nationale Strombelieferung einzustellen. Betroffen dürften rund 200.000 Energiekunden sein. "Mehrere politische Entscheidungen der letzten Monate sowie das Erneuerbare Energien Gesetz 2027 werden die Erzeugung von Grünstrom für Jahre behindern", begründet das Unternehmen den Schritt. Es würden eingeplante Grünstrommengen so zukünftig niemals erzeugt werden.

Grüüün ist die Endkundenmarke von Münch Energie aus dem bayerischen Rugendorf. Sie ist erst Ende 2024 mit einem Stromtarif für Privathaushalte gestartet und hat seitdem große Vertriebserfolge gefeiert. "Grüüün ist unsere Art, Verantwortung zu übernehmen – und ein Versuch, den Menschen zu zeigen, dass es nicht zu ihrem Nachteil ist, wenn sie den Klimawandel ernst nehmen", erklärte Münch-CEO Mario Münch in der Vergangenheit.

Der Tarif "Füüürsorglich25" wurde mit Strom aus 100 Prozent erneuerbaren Energien und einer zehnjährigen Preisgarantie beworben. Der Strom stammte demnach hauptsächlich aus den eigenen Photovoltaik- und Windkraftanlagen der Unternehmensfamilie; der Erneuerbarenprojektierer Münch betreibt mehre Erzeugungsanlagen, Speicher und vertreibt PPAs.

Offene Fragen

Zu Details darüber, wie viele Kunden betroffen sind und wie genau Grüüün sich für ihre Versorgung eingedeckt hatte, gab das Unternehmen auch auf Nachfrage "aus zeitlichen Gründen" keine Auskunft. Es wurde somit auch nicht klar, ob Grüüün als Marke regional erhalten bleiben soll.

In der Branche geht man derweil von einer gescheiterten Beschaffungsstrategie aus: "Wer einen Strompreis für zehn Jahre verspricht, braucht für zehn Jahre Strom zu festen Kosten" erklärt Vahid Parma, Gründer vom Energiemakler Deutsche Energien Partner, der sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. "Die Begründung legt nahe, dass ein Teil der Erzeugungskapazitäten erst noch gebaut werden sollten", so der Energieexperte.

Reiches Erneuerbaren-Politik als Grund?

Grüüün scheiterte nach eigener Darstellung an der politischen Entwicklung. "Wir haben über Monate viele Gespräche vor allem mit Vertretern der Regierung geführt", heißt es in der Mitteilung des Unternehmens. "Der Druck von uns und anderen Branchenvertretern hatte zwischenzeitlich sichtbare Folgen und Anlass zur Hoffnung gegeben: Noch im Mai haben sich 16 Energieminister der Bundesländer geschlossen gegen die für uns so schädlichen Pläne der Bundeswirtschaftsministerin gestemmt.“ Geändert habe sich dadurch aber nichts. "Wir können nicht zuwarten, sondern brauchen als privates Unternehmen eine feste Planungsgrundlage." Diese sei entfallen.

Netzanschlusspaket und EEG befinden sich zurzeit noch in der parlamentarischen Beratung. "Zum jetzigen Zeitpunkt sind noch keine belastbaren Aussagen über mögliche Auswirkungen möglich", erklärt ein Sprecher vom Bundesverband für Erneuerbare Energie auf die Anfrage der ZFK. "Sollten allerdings die Gesetze ohne substantielle Änderungen verabschiedet werden, werden sicher auch andere Ökostromanbieter, vor allem aber auch andere Unternehmen der Branche entsprechende Konsequenzen ziehen müssen." Schon jetzt reagierten Unternehmen aber sehr verhalten und zurückhaltend.

Experte sieht keine Insolvenzwelle bei Energieanbietern

Der Vertriebsexperte Volker Plocher von Lead and Sale sieht aktuell keine Anzeichen für eine neue Insolvenzwelle wie etwa in 2022. "Weitere Ausfälle einzelner Energieanbieter sind angesichts der volatilen Märkte natürlich nicht auszuschließen", sagt Plocher. Entscheidend sei dabei weniger, ob ein Anbieter ein Discounter ist, sondern wie solide er seine Tarife kalkuliert, seine Beschaffung absichert und seine Liquidität steuert. "Wer langfristige Preisversprechen abgibt, ohne die entsprechenden Risiken ausreichend abzusichern, kann schnell in Schwierigkeiten geraten", mahnt er.

Kritik an kurzer Kündigungsfrist

Ein Kritikpunkt, den betroffene Kunden etwa auf dem Rezensionsportal Trustpilot nennen, ist die kurzfristige Ankündigung von Grüüün, die Lieferung in nur drei Wochen einzustellen. "Ganz, ganz schwach, drei Wochen vor Monatsende gekündigt, zur Stromwechsel-dümmsten Jahreszeit", schreibt eine Person in ihrer Bewertung. Eine andere Person berichtete, sie sei seit dem 14.06.2026 Kunde bei Grüüüün und habe einen Stromliefervertrag mit 12 Monaten Mindestlaufzeit bis zum 13.06.2027 sowie einer Preisgarantie von 18 Monaten abgeschlossen. Trotzdem habe sie nun die Kündigung bekommen.

Ob eine kurzfristige Kündigung rechtens ist, hängt von der individuellen Vertragsbeziehung zwischen Energielieferant und Haushaltskunde ab. "So haben auch Energielieferanten in der Regel die Möglichkeit, die Verträge von sich aus zu kündigen", erklärt die Bundesnetzagentur auf Anfrage. Dabei seien die Kündigungsfrist und etwaige Mindestvertragslaufzeiten zu berücksichtigen.

Nicht zu verwechseln ist dies mit einer Tätigkeitsbeendigung als Energielieferant, die spätestens drei Monate vor dem geplanten Beendigungstermin bei der Bundesnetzagentur zu melden ist. Es kann jedoch vertragsrechtlich zulässig sein, Verträge schon vor dem angezeigten Termin der Tätigkeitsbeendigung zu kündigen, den Vertrag auf einen anderen Lieferanten zu übertragen oder die Belieferung zu beenden. Stand 9. Oktober ist öffentlich nicht bestätigt, dass Grüüün beziehungsweise die dahinterstehende Münch Energie eine Tätigkeitsbeendigung bei der Bundesnetzagentur angezeigt hat.

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