Stefan Engelhardt arbeitet als Vice President Industry Business Unit Utilities bei SAP SE

Stefan Engelhardt arbeitet als Vice President Industry Business Unit Utilities bei SAP SE

Bild: © SAP

Herr Engelhardt, nicht alle SAP-Anwender sind von dem Umstieg auf S/4HANA begeistert. Wie bewertet SAP diese Zweifel?
Stefan Engelhardt, Vice President Industry Business Unit Utilities, SAP SE: Die vor allem in Deutschland – maßgeblich von Dritten – geschürte Verunsicherung hinsichtlich der Auswahl des geeigneten Umsetzungspartners für den Weg in die Zukunft hatte vor allem einen Effekt: die Bündelung aller Kräfte auf SAP-Seite. Dass sich die dem Tagesgeschäft der Energiewirtschaft zugrunde liegende Branchensoftware neuen Marktanforderungen anpassen muss, ist bereits seit Jahren offensichtlich. Deswegen haben wir mit S/4HANA eine neue und moderne technische Plattform geschaffen. Die bekannten Prozesse des IS-U lassen sich darauf fast zu hundert Prozent identisch ausprägen. Daher ist es objektiv betrachtet nicht erklärbar, warum die Debatte zum Umstieg so emotional geführt wurde. Dem Ruf nach Standardisierung tragen wir darüber hinaus mit der SAP Cloud for Utilities konsequent Rechnung. Da hat uns der Gegenwind im deutschen Markt enormen Auftrieb gegeben.

Inwiefern?
Stefan Engelhardt: Die Entwicklung eines cloudbasierten Lösungsangebots im Bereich Utilities ist auf der internen Agenda weit nach oben gerutscht. Die Energiebranche ist seit jeher ein wichtiger Absatzmarkt für SAP, hier gab es die erste Branchenlösung überhaupt. Zudem liegen unsere Wurzeln in Deutschland, daher hat die hiesige Diskussion vom Wettbewerb entscheidend dazu beigetragen, dieses Thema zu treiben.

Wir haben volle Rückendeckung seitens unseres Vorstands, und der damit einhergehende Invest ist höher denn je. In Spitze arbeiten über 200 Entwickler an der Cloud for Utilities – insofern nimmt die Energiewirtschaft im internen Wettbewerb hinsichtlich der Entwicklungskapazitäten eine klare Sonderstellung ein, schließlich gibt es noch 25 weitere Branchenlösungen. Die Versorgungswirtschaft ist allerdings die erste Branche, für die wir einen End-to-End-Prozess – also die Abwicklung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – in die Cloud bringen.

Wie sieht hier die Roadmap der Cloud for Utilities aus?
Engelhardt: Die Arbeiten laufen aktuell auf Hochtouren – unterstützt werden wir dabei von zahlreichen Co-Innovationspartnern aus der Branche, die uns wichtige Rückmeldungen geben. Natürlich wollen wir jetzt so schnell wie möglich etwas zeigen – mit einzelnen Teilprozessen aus der Cloud sind wir ja bereits erfolgreich live gegangen.
So ist die SAP Market Communication Cloud for Utilities beim Energieversorger VSE im Bereich Messstellenbetrieb beispielsweise bereits produktiv. Neben der Feinarbeit hinsichtlich einzelner Prozessbausteine im Rahmen der Wertschöpfungskette zählt momentan vor allem die Abbildung des End-to-End-Prozesses über die Cloud. Und das ist keineswegs trivial. Schließlich gilt es im Zuge des Software-as-a-Service (SaaS)-Angebots, über zehn unterschiedliche SAP-Einzellösungen – wie beispielsweise Convergent Invoicing – zu einem großen Kuchen zusammenzubacken, der allen schmeckt. Solch eine Innovation geht nicht zuletzt mit ganz neuen Herausforderungen einher, beispielsweise der Etablierung eines zentralen Stammdatenmanagements oder der Definition eines für alle Seiten passenden Preismodells. Die Hybrid-Variante mit SAP S/4 Utilities Backend soll bis Ende 2020 stehen. Das „Cloud-only“-Angebot ist für 2021 geplant.


Für wie viele Anwender aus der Energiewirtschaft ist die Cloud-Lösung Ihrer Ansicht nach interessant?
Engelhardt: Wir gehen aktuell davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren etwa 20 Prozent der bisherigen Anwender unserer IS-U-Branchenlösung – zumindest in Teilen – in die SAP Cloud wechseln. Bei über 1.000 Unternehmen weltweit ist die Kernzielgruppe also durchaus beachtlich. Hinzu kommen die neuen Player links und rechts des klassischen Energiemarkts, denen unsere Cloud ebenfalls spannende Anknüpfungspunkte bietet. Und last but not least adressieren wir damit natürlich auch Stadtwerke, die sich verändern wollen, aber bisher nicht zu den SAP IS-U-Kunden zählten. Gerade für kleine und mittlere EVU wird die Cloud-Variante beispielsweise auch im Rahmen von White-Label-Modellen zur Option, über die es sich lohnt nachzudenken. Hier gibt es bereits vielversprechende Ansätze, etwa bei der Badenova.

Liegt der SAP-Fokus dann künftig verstärkt auf dem Cloud-Portfolio?
Engelhardt: Das ist letztendlich von der Nachfrage abhängig. Jetzt geht es erstmal darum, die Cloud zu etablieren. In dem Zusammenhang glaube ich schon, dass es im Markt ein Umdenken geben wird, die Vorteile liegen schließlich auf der Hand. Aber ob die Cloud bestehende oder neue On-Premise-Lösungen irgendwann komplett ersetzen wird, bleibt abzuwarten. Wir haben uns dazu entschieden, weiterhin beides zu bedienen. Die Wartung von S/4HANA haben wir unseren Kunden bereits bis mindestens 2040 zugesichert. Diese Zweigleisigkeit ist sicher nicht die billigste Strategie, aber in unseren Augen die einzig richtige. Stand heute gibt es gerade in der Energiewirtschaft Anforderungen oder individuelle Herangehensweisen auf Kundenseite, die (noch) nicht vollständig in der Cloud abgebildet werden können. Das Abschneiden alter Zöpfe ist kein Prozess, der sich von heute auf morgen bewältigen lässt. Zudem kommt es nicht nur auf die IT-Abteilung an – die Transformation und Modernisierung muss vor allem von den Fachbereichen getragen werden und setzt eine gewisse Kompromissbereitschaft voraus. Es bleibt also spannend und wir müssen abwarten, was die Zukunft bringt.

Wird sich in Ihren Augen auch die Rolle von Beratungsunternehmen wie Cronos verändern?
Engelhardt: Je nachdem, wie sich Markt und Nachfrage entwickeln, wird sich auch das Geschäftsmodell der Partner anpassen müssen. Klassische Implementierungs- und Testaufgaben, wie sie bisher beispielsweise im Zuge von neuen Prozessvorgaben seitens des Gesetzgebers angefallen sind, sind beim reinen SaaS-Ansatz natürlich kein Kunden- und damit Beratungsthema mehr. Doch gerade bei der Umsetzung neuer Geschäftsideen und der damit einhergehenden Adaption der IT-Landschaft zählt vor dem Hintergrund der mannigfaltigen Möglichkeiten künftig noch mehr Augenmaß. Unterstützung von Beratern, die wissen, was sie tun, verliert daher nicht an Wert und ist weiterhin gefragt. Doch gerade über den Willen zur Innovation wird sich künftig mehr denn je die Spreu vom Weizen trennen. So steht die SAP Cloud Platform beispielsweise allen Partnern als Innovations-, Erweiterungs- und Entwicklungsplattform zur Verfügung. Wer diese Möglichkeiten bei der Gestaltung spezifischer Kunden- oder Prozesslösungen kreativ und vorausdenkend auszuspielen weiß, muss sich sicher keinerlei Gedanken über die Zukunft machen – eher im Gegenteil. Mit Apps wie SWIPmobile[GO] oder smartROM[GO] ist Cronos nicht nur in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im deutschen Markt?
Engelhardt: Wie bereits angesprochen, wurde die Standardisierungsdebatte in Deutschland mit hoher Emotionalität geführt. Umso mehr zählt es nun für uns, mit unserem Angebot zu überzeugen und Kritikern ein für alle Mal den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die größte prozessuale Herausforderung im deutschen Markt ist dabei sicher das Thema Marktkommunikation – komplexer geht es in dieser Hinsicht in keinem anderen Land zu. Hinsichtlich der Interaktion mit Kunden oder Digitalisierungstendenzen stellen dagegen andere Nationen weit höhere Anforderungen an uns, wovon deutsche EVU dann wiederum profitieren. Entsprechend zuversichtlich bin ich, dass wir hiesigen Kunden in Kürze ein vollumfängliches Leistungsportfolio liefern können, mit dem sie sich jederzeit als Multi-Service-Dienstleister der nächsten Generation behaupten können. (sg)

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