Fernwärmenetze sind ein zentrales Instrument der kommunalen Wärmewende und zugleich oft eine digitale Blackbox. Wer wie viel Wärme verbraucht, wo Verluste entstehen oder wie gut einzelne Hausstationen funktionieren, lässt sich ohne Messpunkte an den Übergabestationen kaum feststellen. Anders als für das Stromnetz gibt es für die Fernwärme keine regulierte Digitalisierungsstrategie, die das systematisch ändern würde.
Der Dresdner Kommunalversorger Sachsenenergie geht deshalb einen pragmatischen Weg: Er nutzt die Infrastruktur des laufenden Smart-Meter-Rollouts, um gleichzeitig Daten aus seinem Fernwärmenetz zu gewinnen und verknüpft damit zwei Digitalisierungsvorhaben, die bislang getrennt gedacht wurden.
Daten, die bislang fehlten
Sachsenenergie versorgt eine Vielzahl Dresdner Haushalte über das zentrale Fernwärmenetz. Der Fernwärmeabsatz liegt bei rund 1700 Gigawattstunden (GWh) jährlich. Das Netz soll schrittweise dekarbonisiert werden – mit erneuerbaren Energiequellen und klimaneutralen Technologien.
Für eine effiziente Planung und Betriebsführung benötigt der Versorger dabei belastbare Daten aus den Übergabestationen der angeschlossenen Gebäude. Bislang standen diese nicht zur Verfügung.
Die Lösung kommt vom grundzuständigen Messstellenbetreiber DIGImeto, der derzeit das intelligente Messsystem (iMSys) im Pflichtrollout ausrollt und dabei eine Million Messlokationen in seinem Verantwortungsbereich zählt. Das Unternehmen bindet dort, wo ein iMSys verbaut wird oder bereits eingebaut ist, zusätzlich zum Stromzähler einen Fernwärmezähler an das Smart Meter Gateway (SMGW) an.
"Als grundzuständiger Messstellenbetreiber sind wir gerade mitten im Rollout für Strom – strategisch legen wir jetzt die beiden Anwendungsfälle übereinander", erklärt Tim Adlung, Geschäftsführer von DIGImeto. Durch den Hochlauf von Elektromobilität und Photovoltaik kämen zudem immer mehr Pflichteinbaufälle hinzu.

Funk überbrückt die Distanz
Technischer Partner ist die EMH metering, Herstellerin des SMGW CASA 1.1, das im Netzgebiet bereits eingesetzt wird. Die Anbindung des Fernwärmezählers erfolgt per Funk über Wireless M-Bus (wM-Bus). Sechs Messgrößen werden stündlich erfasst: Wärmezählerstand, Volumenzählerstand, Wärmestrom, Volumenstrom sowie Vor- und Rücklauftemperatur.
Die Daten werden über die Backend-Systeme von DIGImeto an Sachsenenergie übermittelt, zunächst täglich. Perspektivisch ist eine Übertragung im 15-Minuten-Takt vorgesehen.
Damit die Wärmedaten das SMGW passieren können, werden sie zuvor in standardisierte OBIS-Kennzahlen (Object Identification System) überführt. Eine Herausforderung ist die Funkstrecke zwischen dem Gateway im Stromzählerschrank und dem Wärmezähler am Hausanschluss.
"Zwei bis drei Wände mit wM-Bus zu überbrücken, ist kein Problem. Wenn es mehr sind, setzen wir einen Repeater ein", sagt Adlung. In Tiefgaragen mit Stahlbeton kommt zusätzlich der Mobilfunkstandard LTE 450 MHz zum Einsatz, der eine zuverlässigere Übertragung ins Weitverkehrsnetz ermöglicht.
Peter Heuell, Geschäftsführer von EMH metering, betont die technischen Voraussetzungen des Gateways: "Wir stellen neben dem SMGW seit Jahrzehnten Messgeräte her – entsprechend vertraut sind wir mit der Anbindung unterschiedlicher Geräte."
Erste Ergebnisse aus dem Netz
Das Pilotprojekt startete Anfang 2026; seit Mitte des Jahres läuft es im regulären Betrieb. Im Sekundärnetz empfängt Sachsenenergie inzwischen Daten von 43 Hausstationen. Die Ergebnisse sind konkret: Mithilfe der Messdaten und anschließender Vor-Ort-Begehungen konnten defekte Regelventile identifiziert und Einstellungen an Hausstationsreglern optimiert werden.
"Wenn wir wissen, wo wie viel Wärme benötigt wird, können wir den Ausbau gezielter planen und die Wärme bedarfsgerechter bereitstellen", sagt Franziska Graube-Kühne, Abteilungsleiterin Technik bei Sachsenenergie. "Dadurch lassen sich die Kosten für Netzausbau und Betriebsführung senken."
Insgesamt sollen rund 10.000 Wärmemengenzähler über die Infrastruktur des iMSys angebunden werden. Langfristig ist vorgesehen, den Wärmezählerstand auch für Abrechnungszwecke bereitzustellen.
Adlung sieht darin erst den Anfang: "Mit dem Smart-Meter-Rollout bauen wir eine digitale Infrastruktur für verschiedene Energiemedien auf. Ob darüber ein Stromzähler abgebildet wird oder ein Zähler für andere Medien, das darf uns zukünftig nicht interessieren. Als Digitalisierungsdienstleister wollen wir die Optimierungsprozesse medienübergreifend vorantreiben." Auch die Anbindung von Wasser- und Gaszählern sei denkbar.