Dramatischer Investitionsstau bei Netzausbau und Wärmewende, erdrückende Regulierungsvorgaben und die wachsende Bedrohung durch Stromausfälle aufgrund veralteter Technologie: Der Handlungsdruck bei den regionalen Energieversorgern spitzt sich weiter zu. Zugleich jedoch sind ihre Kassen leer. So beziffert eine Untersuchung im Auftrag der KfW die Finanzierungslücke für Stadtwerke und Regionalversorger bis 2045 mit rund 346 Milliarden Euro.

Rein rechnerisch entspricht der nicht gedeckte Transformationsaufwand einem mittleren bis hohen dreistelligen Millionenbetrag pro Unternehmen. Dass hier die klassische Eigen- und Innenfinanzierung nicht ausreicht und die Hausbanken längst an ihre Grenzen kommen, bedeutet: Selbst wirtschaftlich sinnvolle Infrastrukturvorhaben geraten ins Stocken.

Fehlende Datenbasis blockiert den Zugang zu Kapital

Die gute Nachricht: Grundsätzlich stehen neue Kapitalgeber wie Banken, Infrastrukturfonds und Fördermittelgeber bereit. Diese verlangen jedoch deutlich mehr Informationen und Daten, als früher notwendig waren, um einen Kredit zu erhalten. So geht es bei Bankgesprächen, der Ansprache von Fonds oder bei Fördermittelanträgen nicht länger nur um die vergangenen Jahresabschlüsse. Auch klassische Fünf-Jahres-Planungen reichen nicht aus. Denn viele Investitionsvorhaben erstrecken sich über deutlich längere Zeiträume. Zudem treten Entlastungseffekte oft erst nach den Investitionsspitzen ein. Gefordert werden daher langfristige Szenarien mit plausiblem Entschuldungspfad, belastbare Annahmen zu Kundenwachstum und Preisen sowie der Nachweis, dass Projekte nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch organisatorisch umsetzbar sind.

Das bedeutet: Alle neuen Finanzierungsinstrumente setzen belastbare, durchgängige Daten als Grundlage für investorenfähige Business Cases voraus. Genau diese Daten fehlen jedoch in weiten Teilen der Branche. Eben weil Prozesse nicht systemgestützt laufen, Informationen fragmentiert über Systemgrenzen verteilt sind und Medienbrüche den Informationsfluss unterbrechen. Dabei handelt es sich keinesfalls um Einzelprobleme. Vielmehr ist es ein strukturelles Defizit der kommunalen Energiewirtschaft, dass die Finanzierungsfähigkeit der Energieversorger deutlich einschränkt.

Der Finanzierungsbaukasten: Konkrete Instrumente für eine neue Realität

Ein weiterer zentraler Punkt bei den aktuellen Finanzierungsfragen: Die Transformation wird sich nicht allein über klassisches Fremdkapital finanzieren lassen. Und da Stadtwerke in der Regel ungern Mitspracherechte an zentraler Infrastruktur abgeben, gewinnen Projektgesellschaften an Bedeutung. Denn über solche Strukturen lassen sich einzelne Vorhaben wie Großwärmepumpen oder Batteriespeicher gezielt finanzieren und externe Eigenkapitalgeber einbinden, ohne ihnen Einfluss auf das Gesamtunternehmen einzuräumen.

Neue Möglichkeiten für Fremd- und Eigenfinanzierung schafft auf staatlicher Seite der Ende 2025 gestartete Deutschlandfonds. Unter dem Dach der KfW bündelt er Garantien, Kredite und Beteiligungsinstrumente, um privates Kapital in die Energieinfrastruktur zu lenken. Ergänzend fördert die BEW-Förderung direkt die Dekarbonisierung von Wärmenetzen, einzelne Bundesländer stellen über ihre Förderbanken Kredite und zusätzlich Nachrangkapital bereit. Auf privater Seite bringt zum Beispiel der NV Finance Connect Infrastrukturfonds kommunale Energieversorger gezielt mit institutionellen Investoren wie Versicherungen und Pensionskassen zusammen, bereits ab Losgrößen von 2,5 Millionen Euro.

Unabdingbar: Ende-zu-Ende-Sicht auf kritische Abläufe

Was die Digitalisierung betrifft, wird aufgrund der erhöhten Anforderungen an die Daten eine neue Herangehensweise wichtig. Denn bislang starten Projekte häufig isoliert: neue Tools und neue Piloten ohne übergreifende Strategie und ohne klare Verantwortlichkeiten. Dadurch entstehen Insellösungen, mit denen sich der beschriebenen Finanzierungsproblematik nicht begegnen lässt.

Künftig im Zentrum stehen sollte stattdessen eine Ende-zu-Ende-Sicht auf kritische Abläufe: Netzplanung und -betrieb, Marktkommunikation, Abrechnung, Messwesen, Kundenservice und Controlling. Prozesse müssen harmonisiert, klar beschrieben und konsequent in der IT-Landschaft abgebildet werden. Medienbrüche und Schnittstellen sind zu reduzieren. Erst dann fließen Daten so, dass sie als Grundlage für bankfähige Business Cases dienen können.

Wer wartet, verliert Handlungsspielraum

Insgesamt gilt: Wer heute in standardisierte Prozesse, durchgängige Daten und sichere IT-Landschaften investiert, schafft die Voraussetzungen für den Zugang zu den dringend benötigten Finanzierungsinstrumenten. Wer wartet, verliert Handlungsspielraum. Denn Investitionsbedarf, Regulierungsdruck und Finanzierungshürden werden in zwei Jahren mit Sicherheit nicht niedriger sein als heute, sondern höher.

Über die Autoren:

Mario Liebhart ist Associate Partner bei Axxcon, einer auf die Energiebranche spezialisierten Managementberatung. Er berät Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber zu Transformations- und Digitalisierungsprogrammen mit Fokus auf Organisation, Prozesse und Steuerungsfähigkeit.

Simon Koch ist Senior Associate bei Finance Connect. Koch berät Stadtwerke und kommunale Energieversorger bei der Erschließung neuer Finanzierungsquellen sowie der Vorbereitung auf veränderte Kapitalgeberanforderungen.

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