Behandelt KI Frauen und Männer gleich? Algorithmen sind nur so neutral wie die Grundlagen, auf denen sie aufbauen. (Symbolbild)

Behandelt KI Frauen und Männer gleich? Algorithmen sind nur so neutral wie die Grundlagen, auf denen sie aufbauen. (Symbolbild)

Bild: © TSViPhoto/AdobeStock

Es heißt "die" Künstlicher Intelligenz. Doch im Moment begünstigt die KI-Entwicklung oft "den" Mann und zwar den durchschnittlichen westlichen Mann. Dafür gibt es verschiedene Gründe: einen Bias in Trainingsdaten, gewachsene Strukturen und unsere Kultur im Allgemeinen. Dass KI sie abzuhängen droht, wollen sich einige Frauen allerdings nicht gefallen lassen: Sie machen auf das Thema aufmerksam, bilden sich fort und vernetzen sich. Auch in der kommunalen Wirtschaft bündelt eine Gruppe ihre Kompetenzen.

Bao NguyenBild: © privat

KI-Kompetenz entscheidet schon heute über Jobsicherheit.

Bao Nguyen

KI Coach

"KI verändert Jobs und Frauenjobs zuerst", erklärt KI-Expertin Bao Nguyen. Dies sei für Frauen kritisch, denn sie drohen laut Studien mit ihrer KI-Kompetenz hinter den Männer zurückzufallen. "KI-Kompetenz entscheidet schon heute über Jobsicherheit", sagt Nguyen. "Wir müssen also nachlegen." Der Grund sei allerdings selten das eigene Können, oft fehle Frauen einfach der Raum, um ins Machen zu kommen. Nguyen selbst hatte bei sich eine Unsicherheit festgestellt, die sie zurückhielt: "In meinem Wirtschaftsinformatikstudium habe ich meine Fragen runtergeschluckt, aus Angst, sie seien zu simpel", berichtet sie.

Die Automatisierung betrifft viele Bürojobs

Eine Studie, die Ngyuen anführt, ist die der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), welche die potenziellen Auswirkungen der KI-Entwicklung auf Quantität und Qualität von Arbeitsplätzen untersucht hat. Die Studie sieht vor allem eine Veränderung von Arbeit, schließt eine Gefährdung einzelner Arbeitsplätze aber nicht aus. Die ILO warnt vor stark geschlechterspezifischen Auswirkungen. In Ländern mit hohem Einkommen wie Deutschland ist demnach der Anteil der Frauen an der Beschäftigung, der potenziell von der Automatisierung betroffen ist, mehr als doppelt so hoch: Ein klassisches Beispiel ist die Büroarbeit, in der proportional mehr Frauen als Männer arbeiten und welche stärker als andere Arbeiten automatisiert werden kann. Positionen mit einem höheren Männeranteil wie Management, Fachkräfte und Technikexperten haben laut Prognose mit weniger Auswirkungen zu rechnen.

Heute gibt Bao Nguyen KI-Workshops vor allem für Frauen. Einen davon hielt sie Ende 2025 beim Treffen des ZFK Frauennetzwerks, einer Austauschplattform für Frauen in der kommunalen Wirtschaft. Die Teilnehmenden kamen dort auf die Idee, dass sie sich zu dem Thema weitervernetzen möchten und gründeten innerhalb des Netzwerks eine eigene KI-Arbeitsgruppe. Diese wird von Heike Krapp geleitet. "Wir haben die Arbeitsgruppe nicht gegründet, um andere auszuschließen, sondern um einen Raum zu schaffen, in dem Frauen sich entspannt austauschen können", berichtet Krapp, die als Energiespezialistin bei der Entega beschäftigt ist und im Arbeitsalltag viel mit KI arbeitet. "Es ist uns ein großes Anliegen in kommunalen Unternehmen das Bewusstsein und die Kreativität im Umgang mit KI zu fördern", erklärt Krapp.

Das kommunale Interesse ist groß

Das Interesse in der kommunalen Wirtschaft sei groß, schon 300 Frauen haben sich der Arbeitsgruppe angeschlossen, berichtet Krapp. Für die Arbeitsgruppe KI gibt es eine eigene LinkedIn-Gruppe und Online-Meetings im 2-Monats-Rhythmus. Das kostenfreie Angebot richtet sich an Frauen in der Kommunalwirtschaft, die KI bereits einsetzen und sich strategisch damit auseinandersetzen möchten. Auch Anfängerinnen, die tiefer einsteigen wollen, seien willkommen.

Wir wollen unser Wissen im Bereich KI aus verschiedensten Perspektiven aufbauen.

Heike Krapp

Organisatorin Arbeitsgruppe KI des ZFK Frauennetzwerks

"Wir wollen unser Wissen im Bereich KI aus verschiedensten Perspektiven aufbauen, das heißt nicht nur den Umgang mit den Tools lernen, sondern sie auch kritisch hinterfragen", erklärt Krapp. Deshalb gibt es auch einen Workshop zu "feministischer KI" mit der Autorin und Soziologin Tanja Kubes. "Es gibt zum Beispiel das Problem mit den Trainingsdaten", erklärt Krapp. Die Daten, mit der generative KI trainiert wird, sind von männlichen Rollen und Perspektiven geprägt. "Wir als Nutzerinnen können das aber hinterfragen und Feedback geben." So könnte man etwa auch Trainingsdaten erweitern, da Modelle auch mit Nutzeranfragen trainiert würden. "Es ist unsere Chance als Frauen, dafür einzutreten, dass KI nicht an uns vorbei entwickelt wird."

Die Arbeitsgruppe Künstliche Intelligenz bei einem Onlinemeeting mit einem Impuls von Anna-Maria Sperber von Computacenter.Bild: © ZFK Frauennetzwerk

Schlussendlich sieht Krapp auch ein besonderes Potenzial für Frauen durch die Nutzung von KI-Tools: "KI ist ein Tool, das beim richtigen Einsatz wirklich hilft, Arbeitsinhalte intelligent und effizient zu strukturieren und Freiräume für die wichtigen Aufgaben zu schaffen."

Krapp wolle Männern auch keinen Vorwurf machen, betont sie. Vielmehr würden an vielen Stellen Frauen noch nicht mitgedacht. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass KI aktuell vor allem von Männern entwickelt wird: Laut dem aktuellen "Gender Snapshot" der UN Women sind weltweit nur rund ein Viertel der Fachkräfte im Bereich künstliche Intelligenz Frauen und sie besetzen weniger als 14 Prozent der Führungspositionen. Auch in der Nutzung selbst liegt die Gruppe der Frauen hinter der der Männer: Frauen nutzen generative künstliche Intelligenz rund 20 Prozent seltener als Männer. "Die Zukunft der KI kann nicht von der Hälfte der Talente der Welt gestaltet werden", sagt Sarah Hendriks, Direktorin für Politik, Programme und zwischenstaatliche Unterstützung bei UN Women zu den Zahlen. Während künstliche Intelligenz Volkswirtschaften, Gesellschaften und das tägliche Leben verändere, sei die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen entscheidend für ihre Entwicklung, Steuerung und Regulierung. "Wenn Frauen ausgeschlossen werden, besteht die Gefahr, dass die Ungleichheiten von heute in den Systemen von morgen verankert werden", so Hendriks.

KI ist aber keine Männersache

Zu sagen, dass KI "reine Männersache" ist, verzerrt jedoch das Bild. Es gibt viele Expertinnen in dem Feld, die in Unternehmen und Wissenschaft arbeiten. Man muss häufig aber auch noch nach ihnen suchen; auf den Prompt "Nenne die Top 10 KI-Experten in Deutschland" etwa schlägt dass aktuelle ChatGPT Luna-Modell neun Männer und eine Frau vor. Bei ein zweiten Versuch waren es zwei Frauen.

Unsere Umfrage zum Thema

Das denkt die Leserschaft unseres KI-Newsletters zum Thema. Wir haben in der letzten Ausgabe eine kleine Umfrage mit Ihnen gemacht und gefragt: Schadet es der beruflichen Wahrnehmung, offen zu sagen: "Dabei hat mir KI geholfen?" Wir haben auch einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gefragt. Die 60 Teilnehmenden sahen den nicht, vielmehr sagte rund die Hälfte, dass es keinen Schaden für Frauen und Männer gibt und Arbeit mit KI heute völlig normal ist. Die andere Hälfte erklärte, es käme stark auf die Aufgabe und Position an.

Zur Einordnung: Unsere Umfrage hat keine allgemeine Aussagekraft, sondern bildet ein Meinungsbild ab. Eine repräsentative Studie von Zehra Chato hingegen legt nahe, dass viele Frauen in ihrem Job eher als inkompetent wahrgenommen werden und viele Männer eher als effektive Problemlöser, wenn sie KI nutzen. Aber wie das mit Studien so ist, ob sich die Ergebnisse auf Ihren konkreten Arbeitsalltag übertragen lassen, können nur Sie selbst erforschen.

Auf die kritische Nachfrage "Warum ist nur eine Frau auf der Liste?" reagiert die KI schon einmal selbstkritischer: "Das war eine Schwäche der Auswahl", antwortet der Chatbot. "Ich habe überwiegend nach wissenschaftlicher Sichtbarkeit, Leitungsfunktionen großer Einrichtungen, internationaler Bekanntheit und öffentlicher Präsenz ausgewählt. Diese Kriterien begünstigen in einem weiterhin stark männlich geprägten Feld automatisch Männer – und ich habe diesen Verzerrungseffekt nicht ausreichend korrigiert."

Die Wirtschaftsinformatikerin Eva Gengler, Autorin von dem Buch "Feministische KI" hat das Problem einmal so zusammengefasst: "KI lernt unsere Vorurteile, unsere Muster, unsere gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten. Dazu gehört Rassismus. Dazu gehört Sexismus. Dazu gehören Gaps. Es ist also alles andere als eine Überraschung, dass KI diese Gaps reproduziert."

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