Herr Schmidt, Frau Lynnerup Englund, Ihre IT-Schmiede EWII Midas Energy A/S hat bewegte Monate hinter sich. Im August musste die Firma noch unter dem Namen Conscius A/S Insolvenz anmelden. Jetzt gehört sie zum dänischen Energiekonzern EWII A/S und will auch in Deutschland wieder angreifen. Warum?
Lynnerup Englund: Wir haben mittlerweile in unserem Stammmarkt in Dänemark einen Marktanteil von 50 bis 60 Prozent und wollen weiter wachsen. Da bietet sich Deutschland gut an, zumal dieser Markt mit seinen rund 1200 Energieversorgern viel größer ist.
Schmidt: Wir sind zudem überzeugt, dass unser Softwareprodukt auch für deutsche Versorger einen großen Mehrwert bringt – gerade in Zeiten stark schwankender Preise und damit einhergehender hoher Risiken.
Dabei mangelt es wahrlich nicht an hochentwickelten Softwarelösungen für den Energievertrieb in Deutschland.
Schmidt: Das stimmt, aber diese etablierten Lösungen am Markt sind mit unserer Lösung nicht vergleichbar. Bei unserem System handelt es sich um ein geschlossenes Management- und Steuerungssystem, das es in dieser Art anderswo noch nicht gibt.
Versorger verwalten mit unserer Lösung über die gesamten Vertragslebenszyklen die Daten, sodass beispielsweise Änderungen von Prognosemengen in Echtzeit ans Portfolio zur Bewirtschaftung übergeben werden. So wissen Handel und Beschaffung sofort Bescheid, wenn sich auf Endkundenseite Positionen ändern. Da im System die Kundendaten vorgehalten und die Vertriebsprodukte abgebildet werden, optimiert sich der gesamte Vertriebsprozess erheblich.
Lynnerup Englund: Unser System zeichnet sich dadurch aus, große Datenmengen zeitnah zu verarbeiten und für die Vertriebssteuerung und das Controlling zur Verfügung zu stellen. Der große Mehrwert liegt derzeit noch in leistungsgemessenen Portfolien, aber mit Midas sind Energieversorger für den Smart-Meter-Rollout vorbereitet.
Aber noch dominieren zumindest in Deutschlands Haushalten nach wie vor Standardlastprofil-Zähler.
Lynnerup Englund: Auch damit kann unser System gut arbeiten. Trotzdem: Je mehr Smart Meter auf den Markt kommen, desto wichtiger werden Softwarelösungen wie das unsere. Denn das Prognoserisiko nimmt zu, je mehr Photovoltaik-Anlagen, Elektroautos und Wärmepumpen in die deutschen Haushalte kommen. Wenn Versorger wegen falscher Prognosen nach wie vor ausgehen, dass ihr Verbraucher 2000 kWh pro Jahr abnimmt, obwohl es inzwischen 4000 kWh sind, kann das bei starken Preisschwankungen am Energiemarkt enorme Auswirkungen auf das Vertriebsergebnis haben.
Gerade viele kleine Versorger mussten sich bislang um genaue Prognosen keine allzu großen Gedanken machen, weil sie ohnehin Vollversorgungsverträge abgeschlossen hatten und Risiken großenteils an IT-kompetente Vorlieferanten ausgelagert hatten.
Schmidt: Gerade das ändert sich aber ja zurzeit fundamental. Das Geschäftsmodell der Vollversorgungsverträge hat funktioniert, als Flexibilitäten noch einen sehr geringen Preis hatten und selbst das Überschreiten von Toleranzgrenzen nicht dramatisch war. Wenn ich bei den aktuellen Preisen aber nun weit außerhalb der Prognose liege, dann kann das schnell existenzgefährdend werden. So mancher Versorger hat das in den vergangenen Monaten ja auch schmerzhaft zu spüren bekommen.
Wie beurteilen Sie als Kenner des dänischen Energiemarkts die Datenqualität in Deutschland?
Lynnerup Englund: Die Marktstruktur ist schon eine deutlich andere. In Dänemark verfügen alle Privatkunden über einen Smart Meter. Der Datenzugriff in Dänemark ist auch wesentlich leichter als in Deutschland, wo die Datenhoheit bei hunderten Netzverteilern liegen. In Dänemark können die Kunden und die Versorger die stündlichen Verbrauchsdaten über eine zentrale Datenbank abrufen und verarbeiten. Aus meiner Sicht zeichnet uns das besonders aus, da wir diesen Weg schon gegangen sind und nun mit Thomas Schmidt einen Mann ins Team geholt haben, der die deutsche Energiewirtschaft seit Jahrzehnten kennt. Damit sind wir für unsere Kunden sicher ein kompetenter Partner und Berater.
Schmidt: Insgesamt ist die deutsche Energiebranche in ihrer Struktur sehr konservativ. Während man in Dänemark schnell in die Umsetzung geht, wenn man überzeugt ist, dauern die Entscheidungen in Deutschland deutlich länger. Wohl auch deshalb gibt es noch immer eine ganze Reihe von Unternehmen, auch größere, die Excel-Tools im Einsatz haben oder mehrere moderne, modulbasierte Systeme, die aber nicht in Echtzeit miteinander kommunizieren. IT-seitig befinden sich viele deutsche Versorger noch in einer sehr verbesserungswürdigen Situation. Wir hoffen, dass uns künftig viele EVUs im Zuge der Neuausrichtung ihrer IT-Landschaften berücksichtigen werden.
Ihr Unternehmen wollte 2019 schon einmal in den deutschen Markt einsteigen. Dann hörte man aber außer einer Kooperation mit den Stadtwerken Crailsheim nicht mehr viel.
Lynnerup Englund: Corona hat uns hier stark ausgebremst. Midas war zu diesem Zeitpunkt von unserem Pilotkunden seit gut einem Jahr im operativen Einsatz und sollte für die vollständige Integration in deren IT-Landschaft angepasst werden. Aber von unserem Pilotkunden konnten keine Ressourcen mehr bereitgestellt werden, sodass wir mit anderen Partnern aus der deutschen Energiewirtschaft die Anpassungen zu Ende geführt haben.
Welche Kundengruppe umwerben Sie nun besonders?
Schmidt: Am liebsten wollen wir mittelgroße Versorger ansprechen, die sich trotz Krise weiterhin dem Wettbewerb stellen und eine klare Wachstumsstrategie haben. Am besten bewirtschaften sie auch ihre eigenen Portfolios und verfügen über ein eigenes Beschaffungsteam. Das wären unsere Wunschkunden.
Das Interview führte Andreas Baumer



