Bild: © Margot Kessler/Pixelio

Herr Salcher, zu welchen Investitionsfelder würden Sie Energieversorgern raten? Wo sehen Sie hier Chancen, auch für kleinere Stadtwerke?
Michael Salcher, Steuerberater sowie Wirtschaftsprüfer bei KPMG und seit Mai 2019 Regionalvorstand für die Region Ost: Verbraucher werden immer digitaler und Stadtwerke und Regionalversorger müssen diesem Trend folgen. Es geht zu einem darum, mit innovativen Ideen dem Kunden einen Zusatznutzen zu bieten und ihn langfristig zu binden. Ich denke hier beispielsweise an Stromverträge ohne ein starres administratives Korsett: Einfach eine App installieren und der Kunde hat alles im Blick. Über diesen kurzen Weg können dann Zusatzdienstleistungen wie Installations- und Wartungsverträge für PV-Anlagen, Ladesäulen oder Heimspeicher sowie verschiedene Smart Home-Anwendungen platziert werden. Kleinere Versorger könnten entsprechend mit Kooperationspartnern zusammenarbeiten, um alles aus einer Hand anzubieten und somit Kundennutzen und Attraktivität zu steigern.

Die zweite Seite der „Digitalisierungsmedaille“ ist das Thema Kosteneffizienz. Viele Prozesse lassen sich schon heute mit geringem Aufwand verschlanken. Eine automatisierte Rechnungserfassung und ein intelligentes Datenmanagement zum Beispiel verringern die Fehleranfälligkeit und ermöglichen es gleichzeitig den Mitarbeitern durch freigewordene Kapazitäten Prozesse und Systeme zu überprüfen und das Unternehmen von innen heraus weiterzuentwickeln. Auch beim Thema Datenanalysen stehen wir noch ziemlich am Anfang. Zum einen sind Investitionen in die Verbesserung der Datenqualität lohnenswert und zum anderen werden lernende Systeme immer bessere Entscheidungsgrundlagen entwickeln. An Künstlicher Intelligenz-Anwendungen wird man perspektivisch vor dem Hintergrund des steigenden Umfangs und der Komplexität der Datenmengen nur schwer drum herum kommen.

Auf was sollten Energieversorger achten bei künftigen Investitionen?
Dass sich die Branche in den letzten wenigen Jahren mehr als im letzten Jahrhundert verändert hat, ist deutlich zu spüren. Das 21. Jahrhundert wird geprägt sein von einer elektrifizierten Infrastruktur – auch wenn die Umsetzung noch Jahre dauern wird und zunächst eine Balance zwischen dem investitionsreichen Basisgeschäft Erzeugung, Transport, Verteilung und Vertrieb und der Notwendigkeit wichtige Projekte zu entwickeln erst gefunden werden muss. Noch ist kein Weg erkennbar, der die Investitionen in eine digitale Infrastruktur bei gleichzeitiger Umstellung der Erzeugung auf nachhaltige Energien nicht ausschließlich zu Lasten der Verbraucher überwälzt. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

Künftige Business Cases werden schwerer zu kalkulieren und mit mehr Unsicherheiten behaftet sein. Auch wird sich nicht jeder Business Case tragen. Dennoch ist Schnelligkeit entscheidend. Zudem wird die Bereitschaft, Entwicklungen zurückzunehmen oder alternative Wege einzuschlagen, zunehmend wichtiger. Energieversorger sind schließlich nicht allein auf sich gestellt. Innovationskooperationen, Pilotprojekte, Reallabore oder die Investitionen in junge Technologieunternehmen sind ganz entscheidende Erfolgsfaktoren.

Das Thema Klimaschutz zeichnet sich als großes Trendthema in der Branche ab. Was für Chancen verbergen sich hier für die Energiewirtschaft?
Ich bin überzeigt, dass uns dieses wichtige Thema kontinuierlich begleiten wird und dass vor allem Nachhaltigkeitsziele gerade bei den kommenden Generationen eine zentrale Rolle einnehmen werden. Sich als EVU darauf frühzeitig einzustellen, bringt also zwei Vorteile mit sich: Erstens agiert man bereits, während andere nur darüber sprechen und zweitens schafft man mit einer Langfriststrategie Zukunftsfähigkeit. Das bestätigt auch der Bereich Trend-Sensitivität bei unserem Future Readiness Index: Während bei den Befragten aus der Energiewirtschaft fast alle Trends schlechter als im Vorjahr abschnitten, stieg die Bedeutung von Nachhaltigkeit um acht Prozentpunkte zum wichtigsten Trend der Branche auf.

Ich erwarte, dass Konzepte wie „True Value“ für Investoren wichtig werden. Die Ausrichtung auf klimaschonendes Handeln und die Berichterstattung darüber werden für eine zunehmende Wertediskussion sorgen. Außerdem bietet die Energiewende noch weitere Chancen. Wer in Erzeugungskapazitäten von erneuerbare Energieanlagen investiert, kann künftig profitieren, wenn die Nachfrage von Grünstrom das Angebot dauerhaft übersteigen sollte. Vor dem Hintergrund, dass auch viele Industrie- und Dienstleistungsunternehmen intensiver Nachhaltigkeitsstrategien verfolgen und die EE-Zubauquoten den aktuellen Zielen der Bundesregierung hinterherhinken, ist dies kein unrealistisches Szenario.

Neben weiteren wichtigen Themen wie Wärmewende, Energieeffizienz oder Elektromobilität sehe ich vor allem die Regionalität der Energieerzeugung und des -verbrauchs als zunehmend wichtigere Fragestellung. Verbraucher möchten nicht nur verstärkt regionale Produkte kaufen, sondern auch möglichst lokal erzeugte Energie nutzen. Die fortschreitende Dezentralität unserer Erzeugung kommt diesen Wünschen entgegen. Hier müssen auch Stadtwerke und Regionalversorger ansetzen. Einige Beispiele gibt es durchaus schon, in denen sich EVUs intensiv mit Microgrids, Local Energy Communities oder Plattformen für einen Peer-to-peer-Handel beschäftigen. Hier lohnt es sich genau hinzuschauen, Ideen weiterzuentwickeln und die Veränderungen der Branche mit innovativen Lösungen als Chance zu begreifen.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

Teil Eins des Interviews lesen Sie hier

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