Wie bewerten Sie den Stand in den Gemeinden und Städten, was die Digitalisierung anbetrifft? Es heißt ja, Kommunen seien hier eher rückständig und nicht gerade digital. Was müsste getan werden, damit hier ein bisschen mehr Schwung reinkommt?
Wie überall so gibt es auch bei den Kommunen solche und solche, es gibt Vorreiter und Nachzügler. In der Regel gilt: Je kleiner die Kommune, desto schwerer tut sie sich mit der Digitalisierung. Digitalisierung braucht auf kommunaler Ebene zweierlei: Erstens einen ausgeprägten politischen Willen zur Digitalisierung an der Spitze der Verwaltung. Und zweitens starke Partner, die bei der Umsetzung helfen. Wichtig ist, dass man das Rad nicht überall neu erfindet, sondern sich an den Vorreitern, an ihren Erfolgen und Misserfolgen orientiert. Und dann heißt es: Nicht von der Komplexität einer 100-Prozent-Digitalisierung abschrecken lassen, einfach mal den ersten Schritt tun.
Wann ist eine Kommune smart? Wenn ein Mülleimer funkt, dass er voll ist, oder braucht es mehr?
Smart City ist kein Zustand, es ist ein Weg. Und so gibt es immer nur Etappenziele. Intelligente Mülltonnen können durchaus ein Teil davon sein, auch wenn sie manchmal belächelt werden. Im Mittelpunkt der Smarten Stadt stehen aus meiner Sicht eine vollständig digitalisierte Verwaltung, eine intelligente Verkehrssteuerung und eine digitalisierte Energieversorgung – inklusive smarter Beleuchtung von Straßen und Gehwegen.
Großes Thema ist auch die Infrastruktur: Ohne Glasfaser oder künftig 5G wird es wohl nichts mit den smarten Diensten. Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Ausbau von 5G? Glauben Sie, dieser wird flächendeckend verfügbar sein?
Wie schnell 5G zur Verfügung steht, hängt vor allem an den Bedingungen der aktuellen Frequenzversteigerung. Stimmen die, kann es mit dem Aufbau der Netze sehr schnell gehen. 5G hat bei der Verkehrssteuerung in Echtzeit und der vernetzten Produktion hohe Bedeutung, es ist aber keine Technologie fürs Videostreaming oder die Verwaltung – da ist Glasfaser wichtiger. Und hier können Kommunen durchaus viel tun, etwa indem sie Förderangebote des Bundes in Anspruch nehmen und den Einsatz neuer Verlegetechniken wie Micro- und Nano-Trenching ermöglichen.
Wo sehen Sie die Chancen der Digitalisierung bei Kommunen?
Chancen gibt es überall. Digitalisierte Städte sind attraktiver als Lebensmittelpunkt für die Bürger und Betriebsstandort für die Unternehmen. Man lebt dort gesünder. Stockholm hat in den letzten Jahren den Verkehr um 50 Prozent reduziert, die verkehrsbedingten Emissionen und den Lärm damit auch um 50 Prozent reduziert, die Unfälle sind um 25 Prozent zurückgegangen – nur mit einem intelligenten Verkehrssteuerungssystem. Und es profitiert auch die Verwaltung selbst: Sie wird effizienter, langweilige Routineaufgaben in den Ämtern werden weniger, und man kann sich besser und schneller um die Belange der Bürger und Unternehmen vor Ort kümmern. Digitalisierung ist ein typisches Win-Win-Szenario für alle Beteiligten.
Mehr Vernetzung bedeutet jedoch auch mehr Verletzlichkeit – Stichwort IT-Sicherheit. Welche Auswirkungen hätte ein Sicherheitsvorfall – beispielsweise Datenraub –, bei dem die Gemeinde/Stadt verantwortlich ist? Sind Kommunen überhaupt in der Lage ein vollumfassendes Sicherheitskonzept zu präsentieren?
Sicherheit ist extrem wichtig und man kann das gar nicht oft genug sagen. In fast jedem Amt gibt es einen Portier oder Wachmann, aber bei weitem nicht überall gibt es einen Beauftragten für IT-Sicherheit. Hier müssen die Kommunen nachziehen. Dabei müssen sie nicht alles selbst machen. Ein Sicherheitskonzept kann man auch von externen Spezialisten erstellen lassen. Das meiste ist nicht einmal teuer. Im Kern der IT-Sicherheit stehen organisatorische Themen und gut geschulte Mitarbeiter.
Wie beurteilen Sie die Open-Data-Debatte? Sollten die Betreiber öffentlicher Infrastrukturen nicht wie andere Marktteilnehmer auch Erlöse mit ihren Daten erzielen dürfen?
Nun ja. Wer die Erhebung und Aufbereitung von Daten letztlich mit Steuergeldern, Abgaben oder Gebühren finanziert, ist ja kein Marktteilnehmer wie jeder andere. Einerseits müssen wir dafür sorgen, dass vorhandene Daten verfügbar gemacht werden, so dass ein möglichst großer Nutzen daraus entsteht, nicht nur für die Wirtschaft, auch für die Gesellschaft oder die Umwelt. Andererseits dürfen funktionierende privatwirtschaftliche Strukturen nicht zerstört werden. Es ist letztlich eine Gratwanderung, die man mit Augenmaß gehen muss.
Wie sieht es mit älteren Menschen aus? Werden diese durch die Digitalisierung abgehängt?
Noch nie war es gerade für ältere Menschen so einfach, Zugang zur digitalen Welt zu bekommen. Kompliziert waren früher die Videorekorder. In der digitalen Welt funktioniert das meiste intuitiv und zunehmend per Sprachsteuerung. Eine Tastatur braucht man schon lange nicht mehr und demnächst braucht man nicht mal mehr einen Bildschirm. Die größte Herausforderung ist es, Berührungsängste zu nehmen. Wer dann den ersten Schritt gemacht hat, ist fast immer begeistert.
Besitzen Sie selbst schon ein Smart Home daheim? Wenn ja, was alles ist bei Ihnen smart?
Ja klar. Fernseher und Lampen sind sowieso vernetzt, auch die Alarmanlage und die Waschmaschine. Die Thermostate an den Heizkörpern haben bei uns WLAN-Anschluss, sie fahren automatisch runter, wenn ein Fenster offen steht oder niemand mehr zu Hause ist und ich kann sie auch aus dem Urlaub per Smartphone hochregulieren, bevor wir zurückkommen. Unsere Heizkosten sind so um ein Drittel gesunken. Und der Rasenmäher schickt mir eine Nachricht, wenn er sich irgendwo festgefahren hat. Nur per Drohne freisetzen kann ich ihn noch nicht. Da muss ich dann Hand anlegen.
Die Fragen stellte Klaus Hinkel
