Was verhältnismäßig kleinen Kommunen ungemein hilft, sich überhaupt über digitale Stadtprojekte Gedanken zu machen, verrät Jürgen Germies, Partner von Haselhorst Associates, im ZfK-Interview.

Was verhältnismäßig kleinen Kommunen ungemein hilft, sich überhaupt über digitale Stadtprojekte Gedanken zu machen, verrät Jürgen Germies, Partner von Haselhorst Associates, im ZfK-Interview.

Bild: © Haselhorst Associates

Herr Germies, Hamburg, Köln und München sind die Spitzenreiter im Smart-City-Ranking von Haselhorst Associates (www.haselhorst-smartcity.com). Was machen diese Städte besser als andere?
Tatsächlich landen auch bei unserem aktuellen Smart-City-Ranking wieder die Metropolen auf den vordersten Plätzen. Schon 2018 und 2019 haben die Millionenstädte das Ranking in unterschiedlicher Konstellation angeführt.

Die Gründe für das gute Abschneiden mögen zunächst banal klingen, sind jedoch für eine erfolgreiche digitale Stadtentwicklung schlichtweg entscheidend: Vor allem die Großstädte verfügen sowohl über die personellen als auch finanziellen Ressourcen, um sich überhaupt umfassend mit dem Thema Smart City auseinandersetzen zu können. Vor diesem Hintergrund haben beispielsweise Hamburg, Köln und München auch schon sehr frühzeitig damit angefangen, gezielte Smart-City-Strategien zu entwickeln.

Hamburg etwa hat bereits 2015 eine Agenda auf den Weg gebracht, um die Digitalisierung der Hansestadt in den darauffolgenden Jahren strukturiert voranzutreiben. Dabei kommt es vor allem darauf an, die einzelnen Smart-City-Initiativen effizient miteinander zu verknüpfen. Daneben hat der Spitzenreiter die Ursprungsstrategie in diesem Jahr nochmals auf den Prüfstand gestellt und eine Weiterentwicklung veröffentlicht. Dieses Vorgehen ist ein Muster-Beispiel dafür, was Smart City eigentlich ausmacht: Smart City bedeutet Veränderung – nicht Stillstand!

Für Überraschungen haben auch die „kleinen“ Städte gesorgt: So schaffte es Ravensburg unter die Top Ten (von Platz 73. auf Platz 9) und Soest erzielte den größten digitalen Sprung von allen Städten (von 150 auf 16. Platz). Wie schaffen es diese kleinen Mittelstandsstädte trotz geringem Budget sich digital zu behaupten – was ist hier das Erfolgsgeheimnis?
Erfolgsgeheimnis ist in diesem Zusammenhang vielleicht etwas hochgegriffen – wovon aber sowohl Ravensburg als auch Soest aktuell definitiv profitieren, ist, dass auch sie sich sehr früh mit der Ausgestaltung einer Smart-City-Strategie beschäftigt haben.

Natürlich ist die Entwicklung einer solchen Agenda kostenintensiv. Soest beispielsweise hat sich hierbei jedoch um externe Förderung bemüht, das heißt: Die Stadt ist beispielsweise eine der fünf Leitkommunen des Förderprogramms „Digitale Modellregion in NRW“ und wird zudem im Rahmen des Strukturprogramms REGIONAL vom Land Nordrhein-Westfalen bis 2025 unterstützt.

Das hilft gerade einer verhältnismäßig kleinen Kommune ungemein dabei, sich überhaupt über digitale Stadtprojekte Gedanken zu machen. Ähnliche Subventionsmaßnahmen gibt es deutschlandweit in unterschiedlichen Ausgestaltungen – sowohl auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene. Zumindest was den generellen Rahmen für eine smarte Stadtentwicklung hierzulande angeht, sind wir also verhältnismäßig gut aufgestellt. Allerdings müssen die Kommunen letztlich selbst die Initiative ergreifen, sich für eben solche Förderungen zu bewerben.

Sie kritisieren in der Studie allerdings auch, dass noch immer knapp die Hälfte der untersuchten Kommunen einen Digitalisierungsgrad von weniger als zehn Prozent haben. In der heutigen Zeit kaum vorstellbar. Was sollten solche Kommunen machen, um möglichst schnell aufzuholen?
Um überhaupt den Grundstein für eine smarte Stadtentwicklung legen zu können, ist eine gut ausgebaute digitale Infrastruktur entscheidend – Stichwort: Glasfaserausbau. Was nützt es einer Kommune schließlich, in der Theorie die noch so innovativsten Digital-Projekte zu entwerfen, wenn diese in der Praxis überhaupt nicht realisierbar sind?

Genau bei diesem Punkt hat die Mehrheit der Kommunen aber noch erheblichen Nachholbedarf. Laut einer aktuellen OECD-Studie landet Deutschland hinsichtlich des Anteils der Glasfaseranschlüsse an allen stationären Breitbandanschlüssen mit 4,1 Prozent weltweit betrachtet auf einem der hintersten Plätze. Das muss sich in Zukunft dringend ändern!

Unabhängig von diesem „Rahmenkriterium“ haben insbesondere Klein- und Mittelstädte zudem die Möglichkeit, sich zu sogenannten smarten Regionen zusammenzuschließen. Das heißt: Benachbarte Kommunen – oder im Kleinen auch nur verschiedene Stadtteile – bündeln ihre Ressourcen und investieren gemeinsam in eine smarte Entwicklung. Je nachdem, um welche Smart-City-Bereiche es hierbei geht, kann ein solcher Zusammenschluss generell äußerst effektiv sein – selbst wenn die einzelnen Kommunen sogar über genug eigenes Kapital verfügen, um ihre Digital-Projekte eigenständig vorantreiben zu können.

Ein solcher Bereich wäre etwa die Digitale Gesundheit. Gerade im ländlichen Raum sind medizinische Einrichtungen rar, weshalb gleich eine Vielzahl der umliegenden Kommunen von einer gemeinsamen digitalen Koordinationsplattform profitieren könnten.

Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Eigenschaft, um digital und erfolgreich zu werden?
Die beiden wichtigsten Kriterien habe ich schon genannt: die Ausgestaltung einer umfassenden Smart-City-Strategie sowie der Ausbau der digitalen Infrastruktur. Sind diese beiden „Basis-Zutaten“ gegeben, geht es anschließend um eine zielführende, sprich nachhaltige Durchführung der einzelnen Initiativen. Dafür gilt es, alle beteiligten Stakeholder zu gleichen Maßen in die Realisierung miteinzubeziehen.

Politik, Wirtschaft und Bewohner müssen an einem Strang ziehen – nur dann entfaltet Smart City ihr wirklich langfristiges Potenzial. In puncto Bürgerbeteiligung hat auch die Covid-19-Pandemie für einen regelrechten Schub gesorgt: Sämtliche Kommunen mussten zu Beginn der Pandemie von jetzt auf gleich dafür sorgen, mit den Bürgern auch in digitaler Form kommunizieren zu können. Entsprechend hat sich das Angebot hierbei stetig erweitert – ein Trend, der auch vielen Smart-City-Bestrebungen noch langfristig zugutekommen wird.

Sie haben über 20.000 Datensätze aus amtlichen Statistiken der Städte und aktuellen Erhebungen von Unternehmen und Verbänden sowie über 5.600 Datensätze aus qualitativen Analysen aus öffentlich sichtbaren Smart-City-Initiativen ausgewertet. Daraus entstanden die acht smarten Anwendungsbereiche, deren Ergebnisse öffentlich zugänglich sind. Was haben Kommunen davon, die sich mit Ihrer Studie beschäftigen?
Unser Ranking liefert Städten Antworten auf zwei unterschiedliche Fragestellungen: Auf der einen Seite geht es darum, den Kommunen eine strukturierte Übersicht darüber zu bieten, in welchem Stadium sich die aktuellen Projekte befinden. Städte, die zwar bereits ein Digital-Konzept in der Theorie entworfen, dieses aber nicht umgesetzt haben, erhalten eine entsprechende schlechtere Bewertung als Kommunen, die in der Realisierung schon wesentlich weiter fortgeschritten sind.

Auf der anderen Seite zeigt die Studie den Städten aber auch, wie groß das Potenzial ist, das sie noch ausschöpfen können. Gerade im Vergleich zu benachbarten Städten oder Kommunen mit einer ähnlichen Einwohnerzahl lässt sich hier schwarz auf weiß ablesen, wie groß der jeweilige Handlungsbedarf ist, um in Zukunft als Standort nicht abgehängt zu werden.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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