Wie rollout-ready sind die deutschen Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber beim Thema intelligente Messsysteme? Die Becker Büttner Held Consulting AG (BBHC) hat für die Mitglieder des AK REGTP von BBH (Arbeitskreis Regulierung, Elektrizität, Gas, Telekommunikation und Post) dazu einen individuellen MSB-Check erstellt. Insgesamt nahmen daran 76 Stadtwerke bzw. Verteilnetzbetreiber verschiedener Größe teil: Kleine Unternehmen machten mit weniger als 10.000 Marktlokationen 18 Prozent aus, mittlere Unternehmen 74 Prozent und große Stadtwerke mit über 100.000 Marktlokationen kamen auf acht Prozent der Gesamtbefragten. Die Befragung fand zwischen Dezember 2019 und Januar 2020 statt.
Ergebnisse:
Es zeigt sich deutlich: Die großen Stadtwerke sind besser auf den Rollout vorbereitet als die kleinen und mittleren. So haben ungefähr die Hälfte der Großen bereits außerhalb von Laborbedingungen einen Test der Smart-Meter-Gateways erfolgreich abgeschlossen, während sich mittlere und vor allem kleine Unternehmen noch deutlich unter 20 Prozent befinden.
Fast 20 Prozent der Kleinen planen weder einen solchen Test noch sind sie damit gestartet, bei den Mittleren sind es etwa 18 Prozent, die diese Haltung vertreten. Allerdings haben etwa 43 Prozent der Kleinen einen solchen Piloten geplant oder sind zu 20 Prozent schon damit gestartet. Mittlere Unternehmen sind hier bei etwa 33 Prozent unterwegs und planen zu etwa 28 Prozent einen Test zu beginnen.
„Die größten Werke haben alle eine Wirtschaftlichkeitsberechnung durchgeführt, bevor sie mit der Rolloutplanung starten“, begründet BBHC-Vorstand Dr. Andreas Lied die bessere Vorbereitung der Großen. Kleinere und mittlere EVUs hätten zwar ähnlich die Pilotierung vorangetrieben, sich aber kaum mit den betriebswirtschaftlichen Konsequenzen beschäftigt.
Notwendigkeit einer Wirtschaftlichkeitsberechnung
Fürwahr: Im MSB-Check gaben 100 Prozent der großen Stadtwerken an, eine solche Wirtschaftlichkeitsberechnung erstellt zu haben, die mittleren sind mit etwa 41 Prozent dabei und die kleinen mit etwa 15 Prozent. „Eine Wirtschaftlichkeitsberechnung ist deshalb so wichtig, weil die meisten Geschäftsmodelle hart an der Grenze der Wirtschaftlichkeit entstehen und stark unter Skaleneffekten leiden“, so Lied.
Außerdem haben die großen Werke das Thema Kundenkommunikation institutionalisiert und sich bereits umfangreich auf eine wettbewerbliche Position vorbereitet.
Wettbewerblicher MSB wenig ausgeprägt
Deutlich auch die Zahlen zum wettbewerblichen Messstellenbetrieb: bei allen kleinen Stadtwerken und Verteilnetzbetreibern ist dieser nicht ausgeprägt, bei fast 80 Prozent der mittleren EVU ebenfalls nicht und sogar 16 Prozent der großen haben diesen bisher noch nicht geplant.
Warum der wettbewerbliche MSB auch für kleinere Unternehmen so wichtig ist? „Von einem Geschäftsführer eines unserer Kunden stammt die Forderung: ‚Wir müssen die Keller verteidigen‘“, sagt Lied. Gemeint sei, die Datenerfassung von Verbräuchen jedweder Art und daraus ableitend Informationen für die Kunden zu generieren und sei es auch nur darum, den Kunden gegen andere Wettbewerber zu verteidigen.
Rechtliche Gründe sprechen gegen MSB
„Die Gefahr, dass lukrative Kundensegmente gezielt von wettbewerblichen MSB bzw. deren assoziierten Lieferanten ‚weggeschnappt‘ werden ist für die grundzuständige MSBs vor allem dann gegeben, wenn diese nicht über ein geeignetes Abwehrmodell verfügen. Wir haben gemeinsam mit den Juristinnen und Juristen von BBH speziell für diese Situation ein ‚Beistellungsmodell‘ des MSB entwickelt, womit ein EVU ohne Zusatzaufwand für die Implementierung von IT-Systemen und Prozessen des wettbewerblichen MSB die notwendige Flexibilität verfügt“, sagt Lied, der auch die BBH-Digitalisierungsstudie 2017 verantwortete.
„Was uns erstaunt hat, waren die Gründe, warum viele EVUs nicht den wettbewerblichen MSB suchen. Wir hatten erwartet, dass mangelnde Geschäftsmodelle oder ähnliches die Zurückhaltung begründen“, so Lied. Es seien aber vor allem rechtliche Gründe gewesen, wie zum Beispiel Hürden die von Behördenseite rechtlich nicht entflochtene EVUs in den Weg gestellt werden.
Mangelnde Kundenfreundlichkeit
Dabei wurde vor allem von den kleinen und großen Messstellenbetreibern (mit jeweils zu etwa 65 Prozent) die buchhalterische Entflechtung mittels Kontotrennung umgesetzt. Bei den großen MSB wird zu fast gleichen Teilen die Trennung per Kontotrennung als auch eigenen Tätigkeitsabschluss als auch umgesetzt. „Der Aufwand für Letzteres ist deutlich höher und es besteht Uneinigkeit bei den involvierten Instanzen, ob ein solcher Tätigkeitsabschluss zwingend erforderlich ist oder nicht“, so Lied.
Was auch auffällt: die Mehrheit aller Befragten besitzt noch kein entsprechendes Online-Portal für die Anzeige des Energieverbrauchs, noch weniger – fast drei Viertel – haben eine entsprechende Softwarelösung für Anwendungsinformationen zum intelligenten Messsystem. Ebenso hat mehr als die Hälfte die monatliche Verbrauchsinformation bei Lieferanten noch nicht umgesetzt. „Was diesen EVU rechtlich droht, ist die eine Sache und wird sich sicher in bekannten Bußgeldandrohungen widerspiegeln“, so Lied. Dramatischer könnte ihm zufolge der Imageschaden sein, wenn Kunden sich auf dem Portal des EVU entweder nicht zurecht finden oder ihnen notwendig erscheinende Informationen vorenthalten werden.
Zurückhaltung beim Einbau der iMSys
Bislang hatten nur drei Teilnehmer intelligente Messsysteme im produktiven Einsatz. „Die zurückhaltende Rollout-Planung aller Marktteilnehmer hängt unter Umständen mit der Tatsache zusammen, dass die verfügbaren Geräte noch keine innovativen und wirtschaftlichen Geschäftsmodelle ermöglichen“, so Lieds Meinung. Diese Haltung werde durch die Corona-Krise tendenziell verstärkt. Allerdings – eine verhaltene Grundhaltung sei nachweisbar.
Wo es ebenfalls noch hakt: Die Umsetzung der Funktionalität des Smart-Meter-Gateway-Administrators wurde lediglich bei 18 Prozent der großen, drei Prozent der mittleren und fünf Prozent der kleinen Stadtwerke bereits durchgeführt und getestet. Bei der Mehrheit aller drei Größenklassen ist diese derzeit gerade in Umsetzung. Deutlich wird hier ebenfalls: Bei etwa 15 Prozent der Kleinen und 10 Prozent der Mittleren wurde auf diesem Gebiet noch nichts gestartet. Bei den Großen beläuft sich hier der Anteil auf null.
Tipps für Tests zur Prozesskette
Ebenso mau sieht es bei den Tests zur gesamten Prozesskette aus: Etwa 65 Prozent der Kleinen haben hier noch gar keine Tests durchgeführt, 45 Prozent der Mittleren und etwa 18 Prozent der Großen sind hier ebenfalls noch nicht aktiv geworden. Letztere haben zumindest zu 35 Prozent solche Tests geplant oder zu 35 Prozent teilweise getestet. Erfolgreiche Tests bei den Großen gab es zu etwa 18 Prozent. Bei den kleinen und mittleren Stadtwerken fällt die Zahl deutlich niedriger aus.
„Wir sehen hier vor allem die Notwendigkeit Testfallkataloge für integrierte Prozesse zu erstellen mit folgendem Funktionsumfang“, so Lied:
- die Gerätebeschaffung der modernen Messgeräte und intelligenten Messsysteme,
- die Marktkommunikation
- die Integration der Gateway Administration, vor allem:
- Bestimmung der notwendigen Kommunikationswege mit dem GWA-System,
- Festlegung der Schnittstellen auf Basis des federführenden Systems im Backend,
- Berücksichtigung verschiedener Anforderungen bezgl. Steuerung und Lastmanagement,
- das Fehler- und Störungsmanagement sowie
- Wartung und Wechsel der Geräte
„Auch die Auswirkungen des Messstellenbetriebsgesetzes auf Lieferantenprozesse sollten nicht vernachlässigt werden, wie etwa ein Handlungskonzept zum Umgang mit dem iMS-Entgelt bei Strom-Bestandsprodukten oder auch die Entwicklung neuer Stromtarife für iMS-Kunden“, rät Lied.
„Wir beobachten in diesem Zusammenhang häufig, dass die Festlegung und Dokumentation der Prozessverantwortlichkeiten nicht spezifiziert sind und es ggf. auch zu Überlastung einzelner Bereiche kommen kann“. Abhilfe könne man durch das Erstellen einer RASCI-Matrix schaffen, die Prozesse inklusive Verantwortlichkeiten und der im Prozess verwendeten IT-Systeme aufnimmt; und dem Erarbeiten von Optimierungspotenzial bei dem Soll-/Ist-Personalbedarf. (sg)



